BT-Sportkolumne: Hopp versus Ultraszene

Baden-Baden (rap) – Der Konflikt zwischen TSG-Mäzen Dietmar Hopp und der Ultraszene schwelt schon lange. Nach der ZDF-Dokumentation wird der Zwist weiter eskalieren.

Große Geste oder doch nur Schmierenkomödie? Die ZDF-Doku beleuchtet, dass Dietmar Hopp (links) und Karl-Heinz Rummenigge schon im Vorfeld über die Protestaktion der Ultras Bescheid wussten. Foto: Revierfoto/dpa

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Große Geste oder doch nur Schmierenkomödie? Die ZDF-Doku beleuchtet, dass Dietmar Hopp (links) und Karl-Heinz Rummenigge schon im Vorfeld über die Protestaktion der Ultras Bescheid wussten. Foto: Revierfoto/dpa

Auf der Zielgeraden seiner Karriere bewies Mario Gomez auf geradezu bemerkenswerte Art und Weise sein Talent zur Selbstironie. Während er als junger Stürmer und Dränger beim VfB Stuttgart 2008 noch die Fasson verloren und Gegenspieler Maik Franz als „Arschloch“ betitelt hatte, konnte er neun Jahre – und eine erfolgreiche Relegation mit dem VfL Wolfsburg gegen Braunschweig – später über Schmähgesänge der Eintracht-Fans nur müde lächeln. Mit einem Bierchen in der Hand und einem lockeren Lied auf den Lippen.

„Mario Gomez ist ein Hurensohn“, besang Selbiger breit grinsend sich selbst auf der feucht-fröhlichen Rückfahrt im Mannschaftsbus. Stunden zuvor hatten die Braunschweiger Anhänger beim Rückspiel den Ex-Nationalspieler durchgehend beschimpft. Doch Gomez blieb cool – und schickte die medialen Liebesgrüße gen Braunschweig.

Über 20 Strafanzeigen gegen Ultras

Dietmar Hopp verschickt mit Vorliebe Strafanzeigen – mittlerweile bereits über zwanzig an der Zahl. Die Adressaten: Anhänger von Ultra-Gruppierungen der Bundesligisten, hauptsächlich Dortmunder Fans, aber auch Mitglieder der Münchner „Schickeria“, die den Mäzen der TSG Hoffenheim als Hurensohn beschimpft und Hass-Plakate gegen den Mitgründer des Softwareunternehmens SAP in den Stadien entrollt haben.

Dass sich die Ultras reihenweise vor Gericht verantworten müssen, ist lediglich die Spitze des Eisbergs im Zwist zwischen den Ultras und dem mittlerweile 80-Jährigen. Der Konflikt an sich schwelt bereits, seit der Milliardär begann, seinen Heimatverein, die TSG Hoffenheim, bis dato ein Dorfklub, Anfang der Nullerjahre mit seinen Millionen zu alimentieren. Das Ziel aller Hoppschen Träume: Der Verein, bei dem er in den 50er und 60er Jahren selbst einst auf Torejagd gegangen war, sollte im Konzert der ganz Großen, also den Münchner Bayern und den Dortmunder Borussen, mitmischen. Also genau dort, wo sich Hopp qua seiner beeindruckenden Vita selbst sieht: ganz oben. Um so schnell wie möglich in die Beletage des deutschen Fußballs zu gelangen, installierte er Mastermind Ralf Rangnick, der mit seinem Fachwissen und den Hopp-Millionen schnell eine erfolgreiche Mannschaft zusammenbastelte, die schließlich 2008 den Aufstieg in die Bundesliga perfekt machte.

Heidel „diskriminiert“ den TSG-Mäzen

Wie Hopp aber mit Widerspruch verfährt, zeigt nicht nur der Umgang mit den Ultra-Gruppierungen, sondern bereits ein Vorfall aus dem Jahr 2008. Damals wagte es Christian Heidel, dereinst Manager des Bundesligisten FSV Mainz 05, öffentlich zu bedauern, dass „so ein Klub wie Hoffenheim, nur mit dem Geld eines einzelnen Mannes, einen der 36 Plätze im deutschen Profifußball besetzt“. Hopp reagierte – und verfasste einen Brief. Adressat: FSV-Präsident Harald Strutz. Dieser solle doch bitteschön Heidel zur Räson bringen, er fühle sich „diskriminiert“. Sein Protestschreiben schickte der TSG-Mäzen in Kopie auch an sämtliche Würdenträger des DFB und der DFL. Von Zwanziger bis Bierhoff, von Sammer bis Rauball. Kann man machen, muss man aber nicht.

Machtmenschen wie Hopp oder Ex-Schalke Boss Clemens Tönnies lassen meist keine Widerworte zu, sonst wären sie nicht das, was sie nunmal sind: über Jahrzehnte erfolgreich, an der Spitze großer Unternehmen. Sie sind es in der Regel gewohnt, hofiert zu werden, ihnen wird der Rote Teppich ausgerollt – gerade, wenn man wie Hopp viele soziale Projekte unterstützt oder selbst initiiert und Millionen Euro in die Krebsforschung schießt. Das ist – ohne Frage – zutiefst lobens- und anerkennenswert. Man darf aber nicht den Fehler machen, den Wohltäter Hopp mit dem Mäzen Hopp zu vermischen, der sich mit seinen Millionen – als eine Art Hobby – einen Bundesligisten erkauft hat. Möglich gemacht hat dies eine Sondergenehmigung, die die DFL und das DFB-Präsidium erteilt haben, da Hopp die Kraichgauer durch sein jahrzehntelanges finanzielles Engagement im Profi- und Amateurfußball unterstützt hatte. De facto wurde damit die 50+1-Regel umschifft, Hopp ist mittlerweile Mehrheitseigner der TSG. Nur als Zusatzinformation: Den DFB und SAP verbindet seit Jahren ein geschäftliches Band. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Dass ihm bei dieser Gemengelage der Gegenwind der organisierten Fanszene ins Gesicht blasen würde, war vorhersehbar. Dass ihn just dies offenbar dennoch unangenehm überrascht hat, ist allemal Beweis, wie sehr er sich in eine Welt begeben hatte, die nicht die seine ist – und die er bis heute nicht versteht. Ein richtiger Kulturkampf ist daraus mittlerweile geworden. Auf der einen Seite eine rebellische, mit einer derben Sprache ausgestatteten und Grenzen überschreitenden Fußball-Jugend, auf der anderen ein Milliardär, der in seinem Leben mit Subkulturen und deren Widerstände kaum in Berührung gekommen ist. Stadionwurst trifft quasi auf Kaviar.

Was für zwei Welten da letztlich aufeinanderprallen, wurde gerade in der ZDF-Dokumentation „Der Prozess: Wie Dietmar Hopp zur Hassfigur der Ultras wurde“ von Sportjournalist Jochen Breyer aufgearbeitet. Diese beleuchtet die Geschehnisse rund um jenen 29. Februar 2020, als Ultras des FC Bayern in den Schlussminuten in Sinsheim Hopp beleidigt und üble Transparente ausgerollt hatten – als Reaktion auf jene Kollektivstrafe (drei Jahre Stadionverbot), die BVB-Fans zuvor auf Hopps Betreiben aufgebrummt worden war.

Ein groteskes Laientheater

Das Spiel gegen die Bayern stand damals kurz vor dem Abbruch, die Teams verließen zunächst den Platz, kehrten zurück und spielten sich wie einst Österreich und Deutschland 1982 in Gijon den Ball zu. Nach dem Schlusspfiff betrat Hopp zusammen mit den Bayern-Verantwortlichen das Spielfeld. Die Hoffenheimer Fans huldigten ihm mit Sprechchören, Karl-Heinz Rummenigge spendete Beifall, versuchte gar, fast wie zwei verliebte Teenager, mit dem TSG-Mäzen Händchen zu halten. Als „Geste des Jahres“ adelte die „Sport Bild“ dies.

Doch wie Breyers Film nun zeigt, war alles Inszenierung, ein groteskes Laientheater. Alle Parteien – die TSG, die Münchner, der DFB, sogar Sky-Kommentator Kai Dittmann – wussten vorab schon von der Ultra-Aktion Bescheid. Das wird im Laufe der Doku mehr als deutlich. Doch während Breyer für seinen 45-minütigen Beitrag Protagonisten beider Seiten – Vertreter der Münchner „Schickeria“, Ex-BVB-Ultra Jan-Henrik Gruszecki, Hopp-Anwalt Christoph Schickhardt („Dietmar Hopp ist ein Mann des Volkes, der aus dem Fußball kommt, der letzte richtige Fußballfan.“) und Uli Hoeneß – zu diesem Tatbestand befragt, will einer darüber nicht sprechen: Dietmar Hopp. Der 80-Jährige gibt Interviews nur zu seinen Konditionen, wie damals, im April 2020, als er per Videobotschaft ins ZDF-„Sportstudio“ geschalten wurde. Dort schimpfte er zunächst ungefiltert über die Fans, um den Ultras schon im nächsten Atemzug großzügig die Friedenspfeife anzubieten – natürlich nur, wenn sie sich bei ihm entschuldigen würden.

Der „Sportstudio“-Auftritt, das hollywoodreife Geschehen am 29. Februar 2020, die Strafanzeigen gegen die Ultra-Mitglieder, die ZDF-Doku: Der Konflikt zwischen Hopp und der Ultra-Szene wird wohl an Schärfe gewinnen – spätestens wenn wieder Zuschauer ins Stadion dürfen.

Dabei wäre vieles einfacher in dieser verzwickten Causa. Dann nämlich, wenn Dietmar Hopp nur ein kleinwenig so wäre wie der verstorbene Ex-VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder. Dieser hätte nach 90 Minuten Beleidigungen mit höchster Wahrscheinlichkeit genüsslich gelächelt, ins weite Runde gegrüßt – und seine 20. Rothändle angezündet.

Ihr Autor

BT-Redakteur Christian Rapp

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Erstellt:
14. April 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 32sec

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