BT-Sportkolumne: „Karten-Klaus“ auf Rekordkurs

Paderborn (rap) – Paderborns Klaus Gjasula hat mit seiner 16. Gelben Karte die Bundesliga-Bestmarke Tomasz eingestellt. Doch von den Bösewichten Vinnie Jones und Andoni Goikoetxea ist der 30-Jährige aber meilenweit entfernt.

„Was soll ich machen? Das ist mein Spiel. Ich kriege eben häufiger mal eine Gelbe Karte“: Klaus Gjasula (rechts), nachdem er den 21 Jahre alten Rekord von Tomasz Hajto mit der 16. Verwarnung der Saison eingestellt hatte. Foto: Geuppert/GES

© Edith Geuppert/GES/POOL

„Was soll ich machen? Das ist mein Spiel. Ich kriege eben häufiger mal eine Gelbe Karte“: Klaus Gjasula (rechts), nachdem er den 21 Jahre alten Rekord von Tomasz Hajto mit der 16. Verwarnung der Saison eingestellt hatte. Foto: Geuppert/GES

Einen Gegenspieler hat Klaus Gjasula noch nicht ins Krankenhaus getreten. Dafür ist der „liebevolle Familienvater“ sowie „ruhige und besonnene Gesprächspartner“, wie ihn die Stuttgarter Nachrichten einst beschrieben, dann doch zu nett – auch auf dem Fußballplatz. Dennoch hat der 30-Jährige eine ganz spezielle Verbindung zu einem Hospital – und zwar zur „Schwarzwaldklinik“, der ZDF-Kultserie der 80er Jahre. Gjasulas Oma war nämlich eine glühende Anhängerin der Arztserie, naja wohl eher von Schauspieler Klausjürgen Wussow. Also musste der Sprössling kurzerhand auf den Namen Klaus getauft werden, nachdem dessen älterer Bruder bereits auf Jürgen hörte.

Während Professor Brinkmann, sein Sohn Udo und Krankenschwester Mehnert vor 35 Jahren für Rekordquoten im deutschen Fernsehen sorgten, hat sich Klaus Gjasula, seines Zeichen defensiver Mittelfeldspieler beim Aufsteiger SC Paderborn, am Samstagmittag einen Bundesliga-Rekord gekrallt und sich in die Geschichtsbücher gefoult: Es läuft die 21. Minute, Leipzigs Nordi Mukiele spitzelt den Ball zu einem Mitspieler, Klaus Gjasula, der noch retten will, was aber nicht mehr zu retten ist, trifft statt des runden Leders nur Mukieles Fuß. Ein Pfiff. Eine Geste. Eine für Gjasula fast schon alltägliche – eigentlich eher wöchentliche – Situation folgt: Schiedsrichter Deniz Aytekin zückt den Karton und zeigt dem Paderborner die Gelbe Karte. Es ist bereits die 16. in der laufenden Saison – und eine mit Folgen. Nein, gesperrt ist er (noch) nicht, vielmehr hat er mit dem historischen Tritt auf Mukieles Zeh die Bestmarke von Tomasz Hajto aus der Saison 1998/99 im Trikot des MSV Duisburg eingestellt.

Vier Spiele bleiben „Karten-Klaus“ noch, um den 17. Gelben Karton einzustreichen. Die Quoten bei Wettanbieter Tipico auf den alleinigen Rekord dürften etwa so niedrig sein, wie die für die kurz bevorstehende achte Meisterschaft in Serie für die Großkopferten aus München.

Nagelsmann: „Kein Treter“

Die „Glückwünsche“ zu seinem Rekord nahm der Abräumer – selten passte der Begriff wohl besser – nur mit einem Schulterzucken entgegen. „Was soll ich machen?“, meinte der 1,92-Meter-Schlaks: „Das ist mein Spiel. Ich kriege eben häufiger mal eine Gelbe Karte.“ Erst kürzlich erklärte Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann, dass der Paderborner viele taktische Fouls mache, aber „kein Treter“ sei. „Es freut mich, dass andere das auch so sehen und ich nicht abgestempelt werde“, antwortete der Paderborner. Auch Steffen Baumgart, Gjasulas Coach in Paderborn, weiß seine Nummer 8 zu schätzen. „Natürlich wird uns Klaus im nächsten Spiel fehlen. Er ist wichtig für uns. Wer hätte aber überhaupt gedacht, dass er jemals 18 Bundesligaspiele macht“, sagte Baumgart nach dem Auswärtsspiel in Freiburg Ende Januar, angesprochen auf die zehnte Gelbe Karte seines Mittelfeldstaubsaugers. Baumgart, so viel sei an dieser Stelle verraten, ist selbst kein Kind von Traurigkeit. Erhielt der ehemalige Stürmer von Hansa Rostock als erster Trainer in der Bundesliga-Geschichte die Gelbe Karte – bereits am zweiten Spieltag im Heimspiel gegen Freiburg. Die Farbe Gelb und die ostwestfälische Stadt Paderborn – eine ganz besondere (Liebes-)Beziehung!

Dass Gjasula aber meilenweit weg vom Prototyp eines Rüpels ist, belegt allein die Tatsache, dass er, abgesehen von „Karten-Klaus“, keinen Beinamen trägt. Für die härtesten Treter, äh Fußballer, ist aber genau dies ein oft verliehenes Markenzeichen und „Lob“ ihrer Schaffenskraft, natürlich wichtiger als ein schöner Schlenzer (was sie wohl eh nicht könnten) in den Giebel. Allein ein Blick in die Bundesliga-Historie fördert einige Beispiele dieser besonderen Spezies zu Tage. Ganz vorne: Stefan „Tiger“ Effenberg. Der Champions-League-Sieger von 2001, der sicherlich als technisch versierte Ausnahme der eben genannten Fußball-Art gilt und sehr wohl den Ball ins Tordreieck zirkeln konnte, sammelte in seiner Bundesliga-Karriere Gelbe Karten wie Fans Panini-Bildchen. 114 in 370 Spielen – einsamer Rekord! Dass doppelt bekanntlich besser hält, dachte sich wohl auch der „Stinkefinger“ der Nation und feierte 1991 eine Premiere. Nach der Einführung der Gelb-Roten Karte in der Bundesliga 1991, flog „Effe“ bereits am 20. August gegen Schalke mit der Ampelkarte vom Platz.

Beherzt zugelangt in Gascoignes Weichteile

Doch auch der Wildpark in Karlsruhe hat seinen „bösen Bub“, der von den Fans verehrt wird wie eine Gottheit. „Iron Maik“ Franz erlangte in seiner Zeit bei den Badenern (2006-2009) Kultcharakter als Zweikämpfer vor dem Herrn, Anführer und gefürchteter Trash-Talker. Damit brachte er vor etlichen Jahren auch Mario Gomez dermaßen zur Weißglut, dass der Ex-Nationalspieler in einem Interview seine gute Kinderstube vergaß: „Normalerweise respektiere ich im Fußball jeden Gegenspieler. Aber dieses Arschloch… Er ist einfach ein unfairer Sportsmann.“ Der damalige Werder-Coach Thomas Schaaf hatte gar ein besonderes Lob für den KSC-Verteidiger parat: „Maik Franz tritt das Fairplay mit großen Füßen.“ Lohn für das Grätschen, Checken und Pöbeln: Maik Franz wurde vom Fußballmagazin „11Freunde“ 2013 auf Platz 24 der 50 härtesten Fußballer der Welt gewählt.

Sucht man jedoch die wirklich bösen Bösewichte auf den Fußballplätzen dieser Welt, muss der Blick rüber auf die Insel gehen – dem Mutterland von Kick & Rush und beinharten Zweikämpfen. An dieser Stelle sei etwa an United-Legende Roy Keane erinnert, der 2001 mit einem brutalen Tritt aufs Knie die Karriere von Alf-Inge Haaland, den Vater von BVB-Torjäger Erling, beendete – nur weil ihn der Norweger einige Jahre zuvor der Schwalbe bezichtigt hatte. Oder an Eric Cantona, den durchgeknallten Franzosen in Diensten von ManU, der kurzen Prozess mit einem Fan machte und ihn mit einem Kung-Fu-Tritt niederstreckte.

„Wie ein Stück Holz, das zerbricht“

Doch keiner war so gefürchtet auf der Insel wie Vinnie „die Axt“ Jones. Legendär etwa die Szene, als er Paul Gascoigne, Englands Enfant terrible, mit finsterem Blick beherzt in dessen Weichteile griff – und dieser aufheulte wie ein Wolf. Mit einem üblen Tackling beendete die walisische Axt, die Teil der gefürchteten „Crazy Gang“ des FC Wimbledon gewesen war, die Karriere von Gary Stevens. Auch Jones, mittlerweile Schauspieler in Gangsterfilmen (was auch sonst?), hält einen Rekord – und zwar den für die schnellste Gelbe Karte aller Zeiten: 1992, damals als Abrissbirne im Mittelfeld von Chelsea London angestellt, zückte der Referee bereits drei Sekunden nach dem Anpfiff die Gelbe Karte – selbstverständlich für ein übles Foul. Dass Fußball für ihn weniger Spaß, dafür mehr Angst und Schrecken war, ließ Jones auch den Schotten Kenny Dalglish wissen, der die Frechheit besaß, den Waliser zu foulen: „Mach das noch einmal, dann reiße ich dir das Ohr ab und spucke in das Loch!“

Griff in die Kronjuwelen von Paul Gascoigne: Vinnie Jones (links) auf dem „11Freunde“-Cover. Foto: Hirn

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Griff in die Kronjuwelen von Paul Gascoigne: Vinnie Jones (links) auf dem „11Freunde“-Cover. Foto: Hirn

Ein Raubtier und eine mörderische Waffe sind schon markante Spitznamen für Fußballer, Andoni Goikoetxea kann darüber aber nur müde lächeln, war der Baske doch in den 80er Jahren als „Schlächter von Bilbao“ in den Stadien dieser Welt unterwegs. Furchteinflößend sein niederträchtiges Foul an dem jungen Diego Maradona 1983: Der Metzgermeister setzte zur Grätsche von hinten an – und zertrümmerte den Knöchel des Argentiniers: Außenband, Fußgelenk, Wadenbeinkopf. Es war so ziemlich alles kaputt, was kaputt sein kann. „Ich fühlte nur den Aufprall, hörte das Geräusch, wie ein Stück Holz, das zerbricht“, sagte Maradona voller Poesie, der dennoch monatelang ausfiel. Wie auch Goikoetxea, der für die Attacke 18 Wochen gesperrt wurde.

Von solch Horrortaten ist Gjasula, der nach einem Jochbogenbruch immer mit Schutzhelm spielt, freilich Lichtjahre entfernt, auch von solch ellenlangen Sperren. Doch die nächste dürfte freilich schon bald drohen. Im „Optimalfall“ bereits am Ende der Saison, wenn der Paderborner am 34. Spieltag seine 20. Gelbe Karte sehen könnte.

Dann hätte Klaus Gjasula zumindest Zeit, um in aller Ruhe eine Folge „Schwarzwaldklinik“ zu schauen ...


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