BT-Sportkolumne: Kuriose Spielabsagen

Baden-Baden (moe) – Von Pop-Queen, über Naturkatastrophen bis zur Schweinegrippe und haarigen Problemen: Die Sportkolumne „Hirn(s) Windungen“ widmet sich kuriosen Spielabsagen.

Torfall von Madrid: Helfer und Funktionäre begutachten das Problem, was aber fehlt ist ein neues Gehäuse. Foto: Gero Breloer/dpa

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Torfall von Madrid: Helfer und Funktionäre begutachten das Problem, was aber fehlt ist ein neues Gehäuse. Foto: Gero Breloer/dpa

Frisuren von Fußballern sind nicht selten ein optisches Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Neymar und seine weiland bei der WM 2018 zur Schau getragene Spaghetti-Wischmob-Entgleisung ist diesbezüglich ein Paradebeispiel. Nicht minder schlimm: Das Haupthaar des ehemaligen Hansa-Rostock-Akteurs Mike Werner, dessen Prototyp eines Vokuhilas anfangs der 90er Jahre wohl auch nur in einem Paralleluniversum dem Zeitgeist entsprochen haben kann. Gar nicht witzig, sondern ein haarfester Skandal sind jüngste Vorkommnisse in China, die im Dezember zu einer der wohl kuriosesten Spielabsagen der Fußball-Geschichte geführt haben.

Das Duell zwischen den Frauenteams der Universitäten von Fuzhou und Jimei wurde kurzerhand gestrichen, weil – und das ist beileibe kein Scherz – eine Akteurin die Haare gefärbt hatte. Statutengemäß wurde die Partie mit 3:0 für Jimei gewertet. Ganz plötzlich kam das zumindest für die beteiligten Protagonistinnen nicht, denn zum einen wurden beide Teams im Vorfeld gewarnt, nicht mit gefärbtem Schopf zu erscheinen, weil zum anderen ein landesweiter Erlass das Tragen bunter Haare, seltsamer Frisuren an sich sowie irgendwelche Accessoires verbietet. Gemäß dieser strikten Vorgabe wollte der eingeteilte Schiedsrichter die Begegnung nicht anpfeifen, weil nämlich ein Teil der Spielerinnen entgegen der Vorschriften nicht mit pechschwarzen Haaren den Rasen betrat.

Farblos aufgeben wollte die Mannschaft aus Fuzhou indes nicht: Im nächstgelegenen Friseursalon kauften die Studentinnen kurzerhand schwarze Tönung. Eine Spielerin wurde jedoch auch nach der Rekolorierungsaktion als nicht spielberechtigt eingestuft, weil die Haarpracht „immer noch nicht schwarz genug“ war, so das Urteil. Fatalerweise stand somit nicht ausreichend fußballerisches Personal zur Verfügung – die Pfeife blieb stumm, das Spiel war verloren.

Ramponierter Rasen nach Madonna-Konzert

Während es im Internet Empörung hagelte, akzeptierte die Universität Fuzhou die Entscheidung pflichtschuldig und systemtreu mit dem Hinweis, dass das Verbot gefärbter Haare „im Einklang mit den einschlägigen Vorschriften“ des nationalen Bildungsministeriums stehe, wie „China News“ einen Sprecher der Uni zitierte. Unschöner Hintergrund dieser Farb-Posse: Die kommunistische Partei im Reich der Mitte nutzt – besser gesagt missbraucht – den Fußball als Vorzeigebeispiel für ihr Streben nach einer gleichförmigen Gesellschaft.

Auf ihrer Tournee 2008 top in Form: Ein Konzert von Popstar Madonna führt zur Absage der Bundesliga-Partie zwischen Frankfurt und dem KSC. Foto: Ettore Ferrari/dpa

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Auf ihrer Tournee 2008 top in Form: Ein Konzert von Popstar Madonna führt zur Absage der Bundesliga-Partie zwischen Frankfurt und dem KSC. Foto: Ettore Ferrari/dpa

Nicht immer aber war es eine politische Agenda, der die ordnungsgemäße Austragung eines Fußballspiels im Weg stand. In den Enzyklopädien finden sich teils ziemlich kuriose Beispiele. Auch der Karlsruher SC kann ein Lied davon singen – womit wir mittendrin im Thema wären. Schuld, dass die Badener ihr Bundesliga-Spiel bei der Frankfurter Eintracht im September 2008 nicht austragen konnten war keine geringe als Madonna. Die skandalumwitterte Pop-Queen hatte Tage vor der Partie in der Arena im Rahmen ihrer damaligen „Sticky & Sweet“-Tour geträllert. Die Fans ramponierten den Rasen dabei derart, dass so kurz danach an ein Fußballspiel nicht zu denken war. Der damalige Eintracht-Trainer Friedhelm Funkel nahm die Absage trotzdem mit Humor: „Das ist doch kein Erdbeben. Es fällt einfach nur ein Spiel aus.“

Höhers mutwillige Strafraumvereisung

Apropos Naturkatastrophen: Im Oktober 2002 fegte ein Orkan über den Betzenberg hinweg, weshalb die Erstliga-Partie – ja, das soll es in Kaiserslautern tatsächlich einmal gegeben haben – gegen den VfL Bochum buchstäblich vom Winde verweht wurde. Das Fritz-Walter-Stadion wurde zum damaligen Zeitpunkt für die WM 2006 umgebaut, herumstehende Kräne sowie Baumaterial wurden als mögliche Gefahrenquellen für die Zuschauer gewertet.

Potenzial für einen veritablen Sturm der Entrüstung hatte derweil eine Aktion des VfL Bochum aus dem Jahr 1976. Heinz Höher war dereinst Trainer des VfL und dabei immer für eine kuriose Aktion zu haben. So sorgte der Coach eigenhändig für die Absage des Bundesliga-Heimspiels gegen Borussia Dortmund. Höher flutete den Strafraum, so dass dieser vereiste und unbespielbar wurde. Der Plan ging voll auf und Bochum konnte den Kohlenpott-Kracher gegen den BVB nach der Beendigung der Stadion-Renovierung nachholen. Der Clou: Mehr Zuschauer kamen und dadurch flossen auch mehr Einnahmen in die Kasse des VfL.

Eine Absage mit durchaus aktuellem, weil viralem Bezug datiert vom November 2009. Eigentlich sollten die Kicker des HSC Montpellier in der französischen Ligue 1 bei der AS im Fürstentum Monaco antreten, dazu kam es allerdings nicht. Der Grund: Damals grassierte die Schweinegrippe, auch drei Akteure des HSC hatten sich infiziert. In pandemischen Zeiten klingt dieser Vorfall zugegebenermaßen allerdings deutlich weniger dramatisch.

Etwas aus dem Rahmen – und auch das darf man durchaus wörtlich verstehen – fällt die Partie am 1. April 1998 zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund im sagenumwobenen Santiago Bernabeu. Das Spiel im Champions- League-Halbfinale fand zwar statt, hätte aber eine Absage durchaus verdient gehabt, schließlich kam das Ergebnis unter ziemlich irregulären Bedingungen zustande: Die Rede ist vom legendären „Torfall von Madrid“.

Anpfiff mit 76 Minuten Verspätung

Kurioses trug sich damals zu: Um 20.44 Uhr standen beide Teams erwartungsfroh auf dem Rasen, die Königlichen mit Roberto Carlos, Raul oder Clarence Seedorf auf der einen, der amtierende, aber schwer ersatzgeschwächte Titelverteidiger um Lars Ricken auf der anderen Seite. Auch die Fans waren heiß. Wohl etwas zu sehr: Die Anhänger von Real drückten zu stark gegen den Schutzzaun. Dieser stürzte ein und riss das daran befestigte Tor mit sich. So weit, so ungewöhnlich. Doch in einer nach Toren verrückten Stadt sollte doch zeitnah ein Selbiges als Ersatz aufzutreiben sein. Denkste! Auf jeden Fall zumindest nicht zeitnah. Minuten verstrichen, in denen das Malheur erst von vermeintlichen Fachleuten ausführlichst begutachtet wurde. Irgendwann brach hektische Betriebsamkeit aus. Ein neues ward aber immer noch nicht aufgetrieben, weshalb die Spieler mit mittlerweile wieder laschem Muskeltonus in den Kabinen der Dinge harrten.

„Die Anspannung war schon vorher sehr hoch, und dann sitzt du plötzlich eine Stunde lang in der Kabine und fragst dich, wann du endlich spielen kannst. Du hörst, es sei ein Tor umgefallen und denkst, dann wird halt schnell ein neues aufgestellt. Und dann vergeht Minute um Minute. Unglaublich!“, erinnerte sich Ricken an den denkwürdigen Abend.

Vom Trainingsgelände der Madrilenen wurde dann letztlich doch noch ein Gehäuse angekarrt – und die Partie wurde allen Ernstes doch noch angepfiffen. Mit 76 Minuten Verspätung. Real gewann mit 2:0 – und später auch die Champions League.

Im Übrigen wurde an diesem Abend auch ein Stück TV-Geschichte geschrieben. Der damalige RTL-Kommentator Marcel Reif und der zwischenzeitlich zugeschaltete Moderator Günther Jauch liefen zur verbalen Höchstform auf. Sätze wie „Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gutgetan“ (Reif) oder „Das erste Tor ist schon gefallen!“ (Jauch) brachten dem Duo den Bayerischen Fernsehpreis sowie eine Grimme-Preis-Nominierung ein.


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