BT-Sportkolumne: Kuriose Spielerwechsel

Baden-Baden (ket) – Das Transfertheater wurde vor allem aus einem Grund erfunden – um in fußballfreier Zeit zu unterhalten, findet zumindest Frank Ketterer in seiner BT-Sportkolumne.

Wollte zu den Bayern – und landete bei 1860: Abédi Pelé (rechts) machte 50 Spiele für die „falschen“ Münchner. Foto: Jan Nienheysen/dpa

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Wollte zu den Bayern – und landete bei 1860: Abédi Pelé (rechts) machte 50 Spiele für die „falschen“ Münchner. Foto: Jan Nienheysen/dpa

Vielleicht hat der Fußball-Gott – seine Existenz jetzt einfach mal so vorausgesetzt – all das ja genau so geplant. Die Fans wollen schließlich unterhalten werden, selbstredend auch dann, wenn der Ball nicht rollt. Und wie könnte man besser unterhalten als mit Schauspiel, also Theater. In diesem speziellen Fall: Transfertheater.

Dieses zieht sich manchmal über ein paar Tage hin, bisweilen über ein paar Wochen. Letztendlich spielt das keine große Rolle. Hauptsache das Fußballvolk wird mit dem aufgeführten Stück bei Laune gehalten – und bei der Stange. Dass Emotionen hierfür unabdingbar sind, versteht sich von selbst. Bei einem guten Transfertheater gibt es davon reichlich, schließlich sind Ärger und Enttäuschung, aber auch Freude und Schadenfreude weitgehend garantiert.

Dabei ist ein Stück, wie es der Karlsruher SC und sein Stürmer Philipp Hofmann gerade aufgeführt haben, eher nur Standardrepertoire, weil eben nichts Besonderes. Spieler A will weg, Verein B will Geld dafür, Verein C will nicht so viel Geld bezahlen – das ist, wenn man so will, ein weitgehend uninspiriert aufgeführter Klassiker. Manchmal, sehr oft sogar, findet sich an dessen Ende dann doch noch eine Lösung, die alle Parteien zufrieden macht. Hin und wieder, wie in diesem Fall, aber auch nicht. Zumindest dies verspricht ein wenig Spannung – nämlich darüber, wie es mit Spieler A bei Verein B nun weitergeht.

Dass allerdings selbst der KSC es – im Sinne der Dramaturgie und Originalität – besser kann, hat vor knapp 30 Jahren schon Edgar Schmitt unter Beweis gestellt. 1993 wechselte der später als Euro-Eddy von sich Reden machende Torjäger von der Frankfurter Eintracht in den Wildpark, nicht ohne zuvor noch an einem dem Vernehmen nach feucht-fröhlichen Abend einen Vertrag bei der Eintracht unterschrieben zu haben – und zwar, man höhre und staune, auf einem Bierdeckel. Dass sich Schmitt daran später nicht mehr so richtig erinnern konnte, könnte damit zu tun haben, dass besagter Abend noch feucht-fröhlicher war – oder daran, dass sich Schmitt einfach nicht mehr erinnern wollte. Und wer weiß: Vielleicht trug Euro-Eddy ja damals schon eine Ahnung in sich, dass er beim KSC (und nur dort) einmal zur Legende werden würde.

Immerhin: Schmitt hatte nur einen Vertrag unterschrieben, wenn auch auf einer ungewöhnlichen Unterlage. Der schon in jungen Jahren viel umworbene Bernd Schuster, bisweilen blonder Engel genannt, setzte seinen Vinzenz 1977, also noch am Anfang seiner Karriere, hingegen zwar auf gewöhnliches Papier, dafür aber gleichzeitig bei drei verschiedenen Vereinen, nämlich bei Augsburg, Köln und Gladbach. Der Fall ging vor Gericht, Köln bekam letztendlich den Zuschlag. Eine Folge dessen: Künftig wachte Schusters Ehefrau Gaby genauestens darüber, was ihr Bernd wo unterschrieb, und ging so als die erste Spielerfrau, die ihren Mann managt, in die Geschichte des deutschen Fußballs ein.

Wer braucht Zidane, wenn er Sherwood hat?

Dass Spielerfrauen bei Transfers ein gewisses Mitspracherecht haben, musste auch der FC Bayern schon erfahren, speziell an einen Fall kann sich Uli Hoeneß bis heute noch gut erinnern. Anfang der 1990er Jahre wollte der Bayern-Patron den Niederländer Ruud Gullit nach München holen. Den Rest hat Hoeneß wortwörtlich einmal so erzählt: „Als wir morgens um halb zehn bei ihm in die Wohnung kamen, war noch niemand wach – außer der Butler. Er hatte einen Butler. Der bat uns dann in den Salon, wir haben Kaffee getrunken. Schließlich war der Transfer klar und er kam nach München zur Untersuchung bei Dr. Müller-Wohlfahrt. Da war immer noch alles klar. Am Abend waren wir gemeinsam essen, er übernachtete bei mir. Da war auch noch alles klar. Am nächsten Morgen hat er gesagt, er müsse nach Mailand und mit seiner Frau sprechen – am Abend hat er dann abgesagt.“

Dabei soll an dieser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen sein, dass es keineswegs nur Spielerfrauen sind, die Transfers verhindern können, sondern durchaus auch defekte Faxgeräte. Eric Maxim Choupo-Moting wurde so ein Opfer der Technik. Im Januar 2011 wollte der Deutsch-Kameruner vom HSV als Leihgabe zum 1. FC Köln wechseln. Erst kurz vor Transferfristende um 18 Uhr wurden sich die beiden Klubs einig. Der Kicker unterschrieb eilig den Vertrag, sein Vater sandte ihn per Fax eilig nach Köln – dort kam in all der Eile allerdings nur die erste Seite an. Choupo-Motings Unterschrift indes stand auf Seite zwei. Der Fehler wurde zwar bemerkt, beim zweiten Mal gingen beide Seiten denn auch fehlerfrei durch, allerdings erst um 18.13 Uhr – und damit zu spät, wie die DFL urteilte – und damit für üblen Folgen für Choupo-Moting: Er musste beim HSV bleiben.

Dabei sind nicht immer die Fußballer die Leidtragenden, wenn ein Transfer nicht zustande kommt, keiner wüsste das besser als Kenny Dalglish. Der Manager der Blackburn Rovers wollte 1995 den damals 23-jährigen Zinedine Zidane verpflichten, die Sache war schon so gut wie perfekt – bis Jack Walker, Besitzer der Rovers, seinem Manager ins Handwerk pfuschte – und zwar mit einer einzigen Frage: „Wieso holen wir diesen Zidane, wenn wir Tim Sherwood haben?“ Zidane kam also nicht, sondern wechselte zu Juve, später zu Real Madrid – und wurde wie allseits bekannt Welt- und Europameister sowie Champions-League-Sieger. Immerhin, wenn auch weit weniger bekannt: Zu vier Einsätzen in der englischen Nationalmannschaft brachte es auch Tim Sherwood.

Die erste managende Spielerfrau und ihr Gatte: Gaby und Bernd Schuster, aufgenommen 1984. Foto: Roland Witschel/dpa

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Die erste managende Spielerfrau und ihr Gatte: Gaby und Bernd Schuster, aufgenommen 1984. Foto: Roland Witschel/dpa

Satte 73 Spiele für Ghana hat zwischen 1982 und 1998 hingegen Abédi Pelé absolviert. Als der Mittelfeldspieler 1996 ein Angebot aus München bekam, war er weitgehend außer sich vor Freude und Stolz. Für die großen Bayern zu spielen war schließlich schon immer ein Traum von ihm gewesen, also sagte er zu und flog flugs nach München. Dort kam es allerdings zum üblen Erwachen. Denn was Pelé bis dato nicht wusste: In München gibt es mehr als einen Fußball-Klub. Zugesagt hatte er 1860. Pelé, dass mus man so sagen, hat das beste aus dieser Enttäuschung gemacht: 50 Spiele absolvierte er in den nächsten beiden Jahren für die „Sechzger“ und wurde dabei deren klarer Publikumsliebling.

Schrumpfender Brasilianer

Doch nicht nur Spieler bekommen bisweilen nicht so ganz den Klub, den sie erwartet hatten, auch bei Vereinen ist das manchmal mit den Spielern so. Beispielhaft hierfür sei der Brasilianer Franca genannt und sein Wechsel zu Hannover 96. Für 1,3 Millionen Euro verpflichteten die Hannoveraner zur Rückrunde 2013/14 den laut Berater kopfballstarken und 1,90 Meter großen Defensivspieler. Als der in Deutschland aus dem Flieger stieg, hatte er nicht nur einen langen Flug hinter sich, sondern während diesem auch deutlich an Körpergröße eingebüßt. Zuerst, so will es die Legende, soll dies Mirko Slomka aufgefallen sein, damals Trainer der 96er. Der soll, als Franca zum ersten Mal in seine Kabine kam, gestutzt haben: Der Junge ist ja kleiner als ich. Sofort ließ Slomka nachmessen. Das erschütternde Ergebnis: Statt 1,90 Meter maß Franca lediglich 1,81 Meter. Hannover habe sich einen „Schrumpf-Brasilianer“ andrehen lassen, spöttelte prompt die Bild.

So bleibt bei alledem nur diese Frage: Was wäre der Fußball nur ohne all diese verrückten Geschichten? Nein, nein, der Fußball-Gott hat das schon gut gemacht mit seinem Transfertheater. Und nun: Vorhang zu!


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