BT-Sportkolumne: Über die Zukunft des Profifußballs

Baden-Baden (ket) – Der Profifußball ist durch die Corona-Pandemie in eine finanzielle Notlage geschlittert. Es wird wieder eifrig diskutiert, dass sich die Strukturen in der Bundesliga ändern müssen. Mal wieder, findet Sportredakteur Frank Ketterer in seiner Kolumne.

Das Geld liegt im Fußball nicht auf der Straße, aber auf dem Rasen. Foto: Becker/dpa

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Das Geld liegt im Fußball nicht auf der Straße, aber auf dem Rasen. Foto: Becker/dpa

Es ist ja gerade Mal wieder ziemlich groß in Mode, in Sachen Fußball Einhalt zu fordern, samt Umdenken und Umkehr. Wo soll das sonst auch noch alles hinführen? „Es wäre schon viel, wenn wir endlich kapieren würden, dass wir etwas ändern müssen“, hat etwa gerade der Alt-Linke (womit, das nur nebenbei, keineswegs die Spielposition umschrieben ist) Ewald Lienen in die immer heftiger aufflammende Debatte geworfen.

Um die Frage nach dem Quo vadis zu beantworten, will die Deutsche Fußball Liga (DFL) samt ihres Chefs Christian Seifert nun sogar eine Taskforce ins Leben rufen, so jedenfalls wurde es angekündigt. Deren Arbeitstitel: „Zukunft Profifußball“. Ihr Ziel: Weniger protzen, mehr Demut. Hintergrund all dessen laut Seifert: „Offensichtlich hat die Bundesliga durch Spielergehälter, Ablösesummen und auch einige Bilder, die sie selbst produziert hat, Stichwort ,goldene Steaks‘, damit teilweise ein Bild von sich erzeugt, das ein Teil der Menschen nicht akzeptieren kann.“ Wobei der mächtigste Mann der Bundesliga, wie ihn der „Spiegel“ gerade genannt hat, sich ganz offenbar zu diesem Teil der Menschheit hinzuzuzählen scheint, schließlich habe auch er, Seifert, in der Bundesliga zuletzt genügend Dinge gesehen, erlebt und gehört, „die mich nicht unbedingt begeistern“.

Das klingt zum einen und zumindest vordergründig nach Einsicht – und gibt zum anderen ganz offenbar die Stimmung in der Bevölkerung wider, in der der Fußball, zumindest jener, der von den Profis gespielt wird, und sein Gebaren längst kritisch bis ablehnend beäugt und ausgiebig über mögliche Konsequenzen diskutiert wird. So befürworten einer Umfrage zu Folge hierzulande 61 Prozent der Befragten eine Gehaltsobergrenze bei den vielzitierten Millionären in kurzen Hosen, immerhin 53,7 Prozent sind zudem für eine Deckelung der Transfersummen.

Seifert selbst hat beides im Rahmen besagter Taskforce ins Spiel gebracht. Unterstützung in diesem Ansinnen hat er gerade auch von Wolfgang Holzhäuser, einer ehemaligen DFL-Größe, erhalten. „Es wird höchste Eisenbahn, dass die horrenden Steigerungen der Gehälter und Transfersummen begrenzt werden. Es ist höchste Zeit, etwas zu tun“, hat der gerade in einem dpa-Interview festgestellt.

FCB-Spieler verdienen durchschnittlich über acht Millionen Euro

So berechtigt der Ruf nach Reduktion und Maßhalten auch sein mag – neu ist er nicht, sondern, ganz im Gegenteil, eher uralt und wiederkehrendes Ritual. So stellte der Bremer Kultstürmer und heutige Werder-Aufsichtsratsvorsitzende Marco Bode schon vor 20 Jahren fest, die Gehälter der Fußballprofis seien „absurd“, gegenüber einer Krankenschwester habe er jedenfalls „keinerlei Argumente“. Drei Jahre später, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, gab auch der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert seinem Empfinden Ausdruck, dass Profifußballer zuviel Geld bekämen. „Ich ärgere mich erheblich über die Gehaltsexzesse, die wir seit Jahren im Sport – insbesondere im Fußball – erleben“, gab Lammert zu Protokoll. Der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger geißelte dies zwar sofort als Heuchelei und Populismus, verfiel dann aber umgehend selbst in dieses Schema. Mit seinem moralischen Verständnis lasse es sich nicht vereinbaren, „dass Gehälter bei Topspielern in den zweistelligen Millionenbereich gehen“, stellte Zwanziger jedenfalls fest – und verband dies mit der Ankündigung: „Die UEFA und die nationalen Verbände werden alles tun, um zu Gehaltsobergrenzen im Fußball zu kommen.“

Getan hat sich seitdem nichts – außer, dass die Gehälter weiter angestiegen sind und noch schwindelerregendere Höhen erreicht haben. Aus den paar hundert Mark monatlich zu Anfang der Bundesliga sind längst Millionenbeträge geworden, zumindest an der Spitze. So soll der FC Bayern München in der aktuellen Saison seinen Spielern ein Jahresgehalt von 8,12 Millionen Euro bezahlen, wohlgemerkt im Durchschnitt. Topkräfte wie etwa Robert Lewandowski bringen es freilich auf rund das Doppelte.

Nicht Neid, sondern Entfremdung

An der Basis ist das schon lange nicht mehr vermittelbar. Schon in den 90er Jahren wurden Spieler als „Scheiß-Millionäre“ beschimpft, auch daran hat sich bis heute nichts geändert, außer vielleicht das Maß an Dekadenz, mit dem so mancher Profi sein Millionärsein zur Schau stellt, egal ob er sich beim Verzehr eines mit Blattgold überzogenen Steaks filmen lässt (Franck Ribéry) oder dummdreist behauptet, Bundesligaspieler würden angemessen oder eher zu wenig verdienen (Sandro Wagner). Selbst Fußballfreunden stößt solcherlei bitter auf. Das hat freilich weniger mit Neid zu tun als vielmehr mit Entfremdung. Profis und Fans leben längst in verschiedenen Welten. Die einen in einer Blase, die anderen in der harten Realität.

Dass nun ausgerechnet die Krise diese Blase zum Platzen bringt und die beiden Pole wieder etwas näher zusammenrücken lässt, erscheint dennoch zumindest unwahrscheinlich. Zumal es ja keineswegs alleine in der Hand der Bundesliga liegt, die Regeln, nach denen das Spiel längst gespielt wird, zu ändern. Denn was wäre, wenn Real Madrid, der FC Barcelona, der FC Liverpool oder auch nur der AC Mailand weiterhin mit Millionengehältern locken könnten, während Bayern München und Borussia Dortmund passen müssten, weil die Bundesliga das so festgelegt hat, lässt sich leicht erahnen.

So ist die immer öfter formulierte Hoffnung, die tiefe Krise möge doch bitte auch Chance sein für den Fußball und etwas Gutes nach sich ziehen, bis auf Weiteres nichts anderes als ein frommer Wunsch. Die Erfahrung freilich hat gelehrt, dass dieser eher nicht in Erfüllung gehen wird.

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Erstellt:
6. Mai 2020, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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