BT-Sportkolumne: Verhinderte WM-Stars

Baden-Baden (moe) – George Best, Alfredo Di Stefano, Ryan Giggs – diese Namen gehören zum Besten, was der Fußball zu bieten hat. Allerdings: Das Trio – und weitere Stars – nahm nie an einer WM teil.

Auch schon leicht ergraut war Ryan Giggs (Mitte) im Trikot von Manchester United eine Augenweide. Auf der WM-Ebene durfte der Waliser allerdings nie dribbeln. Foto: Geoff Caddick/dpa

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Auch schon leicht ergraut war Ryan Giggs (Mitte) im Trikot von Manchester United eine Augenweide. Auf der WM-Ebene durfte der Waliser allerdings nie dribbeln. Foto: Geoff Caddick/dpa

George Best hat sich selbst ein Denkmal gesetzt. Nicht wie handelsüblich aus Bronze, sondern aus Worten: „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst.“ Ein Satz für die Ewigkeit. Diese verbale Ode an die Lebensfreude untermalt die Extravaganz, mit der der fünfte Beatle nicht nur auf dem Platz für Manchester United, sondern vor allem auch abseits des Rasens durch den Alltag gedribbelt ist.

Nicht wenige halten Best, der nach eigenem Bekunden – und fatalerweise auch nach einer Lebertransplantation – nur im Schlaf mit dem Saufen aufhörte, für den besten Fußballer, den Großbritannien jemals hervorgebracht hat. Er hatte allerdings ein gravierendes Problem: Best war Nordire.

Einer der besten Briten am Ball – und fatalerweise auch am Glas: George Best. Foto: dpa/Archiv

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Einer der besten Briten am Ball – und fatalerweise auch am Glas: George Best. Foto: dpa/Archiv

Im Mai 1946 wurde der Flügelstürmer in Belfast geboren, gesegnet mit hohem Tempo, zwei gleichstarken Füßen und jeder Menge Torgefahr. All das bescherte ihm eine große Karriere, für ManU stand er in 466 Spielen auf dem Feld und erzielte dabei 178 Tore. Zweimal gewann „Geordie“, wie ihn seine Landsleute nannten, mit den „Red Devils“ die Premier League, 1968 hievte er sein Team gar auf Europas Thron und wurde im gleichen Jahr zum besten Spieler des Kontinents gewählt. Der Auftritt auf der ganz großen Bühne, also bei einer Weltmeisterschaft, war Best allerdings nie vergönnt. Das ist nicht weiter verwunderlich, schließlich gehört Nordirland nicht zu den Stammgästen in diesem elitären Kreis der weltbesten Teams.

Gleich drei Waliser Koryphäen fehlen

Nach der verpassten Quali 1978 quittierte Best den Dienst für die „Green & White Army“, unter anderem entnervt von Morddrohungen der irischen Terrororganisation IRA. Kurioserweise schafften die Nordiren vier Jahre später den Sprung in die Endrunde nach Spanien, Trainer Billy Bingham konnte Best – damals bereits 36 Jahre alt und von seinen Alkoholeskapaden gezeichnet, die unter anderem dafür verantwortlich waren, dass der Tempodribbler vor ziemlich genau 15 Jahren im Alter von nur 59 Jahren starb – nicht zur WM-Teilnahme überreden.

Was den Malus der verpassten WM-Weihen angeht, befindet sich Best in bester und gleichsam tragischer Gesellschaft. Aus den gleichen Gründen wie der Nordire gibt es gleich eine ganze Riege von verhinderten WM-Stars, die schlichtweg in der falschen Stadt, im falschen Land geboren wurden. George Weah zum Beispiel. Ab Ende der 80er Jahre versetzte er Abwehrreihen in der Ligue 1 und der Serie A in Angst und Schrecken. Schon bei seiner ersten Station in Europa, die AS Monaco, schlug er ein wie eine Bombe: „Weah war die große Überraschung. Er war der Schokoladenhase, den der kleine Junge an Ostern im Garten findet. Ich habe nach ihm nie wieder einen Spieler so explodieren sehen“, freute sich sein damaliger Trainer Arsène Wenger. Auch bei Paris St. Germain traf Weah zuverlässig und sammelte reihenweise Titel.

Internationale Bühne immerhin nach der Kicker-Karriere

Als Europas Fußballer des Jahres – der erste aus Afrika überhaupt – sowie FIFA-Weltfußballer wechselte er 1995 zum AC Mailand, wo er später an der Seite von Oliver Bierhoff stürmte – aber nie bei einer WM. Die Krux: Weah spielte für die Nationalmannschaft Liberias. Trotz der von ihm angeführten „Goldenen Generation“ scheiterte das Team in der Afrika-Qualifikation für die Turniere 1998 und 2002. Zumindest nach der Kicker-Karriere ist Weah Gast auf der internationalen Bühne: 2017 wurde er im zweiten Anlauf zum Staatspräsidenten seines Heimatlands gewählt.

Mit Ian Rush, Ryan Giggs und Gareth Bale teilen gleich drei Koryphäen dasselbe Schicksal. Das Triumvirat wurde in Wales geboren und dümpelte – jeder zu seiner Zeit – mit dem Fußballzwerg in der internationalen Bedeutungslosigkeit herum. Rush, stets mit perfekt getrimmtem Oberlippenschmuck, knackte als Stürmer beim FC Liverpool Rekorde am Fließband, Giggs hat mit Manchester United insgesamt schwindelerregende 36 Titel gehamstert, gilt damit als einer der erfolgreichsten Fußballer der Geschichte.

Verbales Denkmal: „Good, better – Best“

Sein Landsmann Bale kann damit freilich nicht mithalten, dafür führte er „Die Drachen“ 2016 nach Frankreich, zur ersten EM-Endrunde und – nach der WM 1958 – zur zweiten Teilnahme an einem internationalen Turnier. Für eine Weltmeisterschaft reichte es aber auch für Bale – bei Real Madrid zeitweise einer der bestbezahlten Golfer der Welt – nicht. Dabei hätte er diese Tatsache leicht beheben können: Aufgrund der Herkunft seiner Oma wäre es ihm auch möglich gewesen, für die englischen „Three Lions“ aufzulaufen. Wirklich infrage kam das aber nicht: „Es ist eine Ehre, für Wales zu spielen. Kein englischer Verantwortlicher hat jemals persönlich Kontakt zu mir aufgenommen, nur über meinen Agenten“, sagte Bale einst 2007.

Di Stefano als schillerndster Name

Neben dem verhinderten Finnen Jari Litmanen, der sich mit seinem Heimatland ebenfalls nie zu einer WM kombinierte, gibt es eine Reihe von Branchengrößen, die aus mannigfaltigen Gründen stets in die Röhre guckten. Der vielleicht schillerndste Name, der in den WM-Geschichtsbüchern fehlt, ist Alfredo Di Stefano. Der 1926 in Argentinien geborene Regisseur erhielt nach seinem Wechsel zu den „Königlichen“ von Real Madrid, die er zu acht Meisterschaften und fünf Titeln im Europapokal der Landesmeister dirigierte, die spanische Staatsbürgerschaft. Scheiterte Di Stefano 1958 mit den Iberern noch in der Quali, so musste er vor der WM 1962 in Chile wegen einer hartnäckigen Muskelverletzung passen.

Hochdekoriert, aber nie bei einer WM dabei: Alfredo Di Stefano.Foto: dpa/Archiv

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Hochdekoriert, aber nie bei einer WM dabei: Alfredo Di Stefano.Foto: dpa/Archiv

Im Fall von George Best haben übrigens die Nicht-Teilnahme am größten aller fußballerischen Großereignisse und seine zahlreichen Exzesse neben dem Platz seiner sportlichen Bedeutung und seiner Popularität mitnichten geschadet. Seine – wenn auch künstlerisch nicht wirklich gelungene – Bronzestatue wurde an seinem 73. Geburtstag nahe dem Windsor-Park-Stadion in Belfast enthüllt. Viel schöner ist allerdings das verbale Denkmal, das die Nordiren ihrem großen Idol gesetzt haben: „Maradona good. Pelé better. George Best.“


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