BT-Sportkolumne über „Big City“ Hertha

Baden-Baden (rap) – Der „Big City Club“ Hertha BSC will eine große Nummer im Fußball sein, ist aber selbst in Berlin nur die Nummer zwei.

Eher Abstiegsfrust statt Europacup-Lust: Hertha-Kapitän Niklas Stark (rechts) tröstet Mitspieler Marton Dardai. Foto: Annegret Hilse/Reuters/AP

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Eher Abstiegsfrust statt Europacup-Lust: Hertha-Kapitän Niklas Stark (rechts) tröstet Mitspieler Marton Dardai. Foto: Annegret Hilse/Reuters/AP

Der Tag des Neuanfangs sollte der 26. Juni 2019 werden. Ein gewöhnlicher Donnerstag also, an dem Lars Windhorst im Nachrichtenmagazin „Spiegel“ Hertha BSC Berlin, das in den vergangenen Jahren in der Bundesliga eher einen Charme wie Harald Juhnke in seinen ganz späten Jahren versprüht hatte, kurzerhand in den Rang eines „Big City Clubs“ hob.

Der Hauptstadtklub, so die Vorstellung des mittlerweile 44-Jährigen, habe wie andere Vereine in London oder Madrid das Zeug, im Konzert der ganz Großen mitzuspielen. Das aufgerufene Ziel: Sich in der Bundesliga in der Spitzengruppe etablieren und kurz oder lang – also kurz – um die deutsche Meisterschaft spielen. International sollte es natürlich nichts weniger sein, als Stammgast in der Champions League zu werden. Was fehlte, war eigentlich nur noch die Weltherrschaft.

Dabei, das sollte nicht unerwähnt bleiben, ist Lars Windhorst kein ehemaliger Fußballprofi geschweige denn langjähriger -Manager. Auch hat Lars Windhorst nie in einem Fußballverein gegen das runde Leder getreten. Stattdessen schrieb er bereits mit 15 Jahren Softwareprogramme und bastelte in der Garage eigene Computer zusammen. Anfang der 90er hatte Windhorst dann bereits sein erstes Unternehmen, machte zig Millionen – und galt als Wunderkind der deutschen Wirtschaft.

Was Windhorst aber hat, ist Geld. Viel Geld. Folglich stieg der gebürtige Ostwestfale im Sommer 2019 mit seiner Firma Tennor als Investor bei der klammen „Alten Dame“ Hertha BSC ein – und investierte seitdem rund 340 Millionen Euro in den Verein. Da der Unternehmer aber vom Fußballgeschäft etwa so viel versteht wie die Stadt Berlin von Flughäfen, berief Windhorst im November 2019 Jürgen Klinsmann in den Hertha-Aufsichtsrat, keine drei Wochen später übernahm der Bundestrainer a.D. dann den Trainerposten des überforderten Ante Covic.

Dass der Bäckersohn aus Schwaben – ganz seinem Naturell entsprechend – keine kleinen Brötchen backen will, machte allein seine Aussage deutlich, dass „Hertha das spannendste Fußballprojekt in ganz Europa“ sei. Mit den Windhorst-Millionen und seinem Fußballsachverstand, so viel stand für Grinsi-Klinsi fest, war der unaufhaltsame Aufstieg zur deutschen Topadresse des Fußballs besiegelt. Doch es sollte anders kommen. Ganz anders: Klinsmann wirkte auf der Trainerbank wie ein Relikt vergangener Tage, fertigte geheime Tagebücher über den Leistungsstand seiner Spieler (Stichwort: Mehrwert) an und sorgte mit seinen skurrilen Facebook-Live-Auftritten für reichlich Hohn und Spott in den Sport-Gazetten der Republik. Als der ehemalige Weltklassestürmer über die sozialen Medien dann auch noch im Februar 2020 seinen Rücktritt kommunizierte (ohne die Hertha-Verantwortlichen zu informieren), war nur noch das Chaos beim Hauptstadtklub „big“.

Nur Union Berlin ist wirklich sexy

13 Monate, drei Trainer und eine Pandemie später, steckt die Hertha tief im Abstiegskampf fest, steht an der Klippe und lugt Richtung Abgrund zweite Liga. Also dorthin, wo sich weder Glanz und Glamour hin verirren. Nicht mal in Berlin ist die „Alte Dame“ zuletzt Gesprächsthema Nummer eins gewesen. Während die Blau-Weißen in der Weltstadt Berlin eigentlich ungemein sexy sein wollten, ist dies nun ausgerechnet der verhasste Arbeiterverein aus Köpenick: Union sorgt in der Bundesliga für Furore, besitzt mit Urs Fischer einen überaus sympathischen Trainer, der aus einer No-Name-Mannschaft ohne viele Millionen eine eingeschworene Truppe geformt hat, die selbst ohne den Support der eingefleischten Fans an der „Alten Försterei“ fleißig punktet – und an die Tür zu Europa klopft. Also genau dorthin, wo eigentlich Hertha hinwollte.

Garniert mit echten Führungsspielern wie Max Kruse oder Tätowierer Christopher Trimmel, ist Union derzeit genau das, was Hertha schon seit vielen Jahren sein mag: erfolgreich, nah an den Fans, beliebt in Deutschland. Wenn selbst ein glühender BSC-Anhänger wie Autor und Podcaster Lucas Vogelsang neidvoll nach Köpenick blickt, liegt viel im Argen bei der „Alten Dame“. Schließlich sucht man solche Typen wie Kruse bei der Hertha vergebens. Zwar wurden die Windhorst-Millionen fleißig investiert, jedoch in Masse statt Klasse: Krzysztof Piatek, Dodi Lukebakio, Jhon Cordoba und Lucas Tousart kosteten viel, zeigten bislang jedoch wenig – ein zusammengekaufter Haufen ohne Seele.

Schmidts Träumereien von der Aufholjagd

Als Führungsspieler leistete sich die Hertha im Winter lediglich den abgehalfterten Rio-Weltmeister Sami Khedira, der nach zwei Einsätzen verletzungsbedingt bereits wieder Stammgast auf der Tribüne ist. Selbst über die Dauerverlierer von Tasmania Berlin – Schalke 04 sei Dank – ist zuletzt mit größerem Vergnügen geredet worden – nicht nur in Berlin. Die letzte Demütigung folgte dann am 9. Februar, als Union Berlin die Hertha als mitgliederstärkster Berliner Sportverein überflügelte.

Trotz der tristen Gemengelage träumen die Hertha-Verantwortlichen weiter von Europa und denken groß. An vorderster Stelle Carsten Schmidt, Leiter der Geschäftsführung der Berliner. „Wir haben einen Traditionsverein mit der Bereitschaft zur Veränderung und mit einer Finanzausstattung, die Hertha BSC bisher so nicht gekannt hat“, sagte Schmidt Anfang des Monats dem Branchenmagazin „Horizont“: „Daraus wird eine Geschichte werden: Wir wollen die größte Aufholjagd, die der deutsche und vielleicht der internationale Fußball je erlebt hat, einleiten und zum Erfolg führen. Wer jetzt den Weg mit uns gemeinsam geht und auf Hertha BSC setzt, der wird Teil dieser Erfolgsgeschichte.“ Auch der Name des Strategiepapiers lässt erahnen, wie realitätsfern die Macher an der Spree sind: „Goldelse“. Naja, zumindest nicht Platin. Bei so viel grenzenlosem Optimismus verwundert es auch nicht, dass Schmidt keinen Gedanken an das Unterhaus verschwendet: „Wir konzentrieren uns voll auf das Gewinnen von Fußballspielen. Der Zeitpunkt ist bei Weitem noch nicht gekommen. Wir haben alles in der eigenen Hand. Ich weiß um die Möglichkeiten, die diese Mannschaft in der Qualität auch hat. Von daher stellt sich das Thema zweite Liga planerisch heute auch nicht.“ Die Hertha belegt – wohlgemerkt – Tabellenplatz 16.

Gäbe es derzeit den FC Schalke 04 nicht, Hertha BSC wäre wohl die größte Fußball-Lachnummer in der Republik. Nun ja, eins könnten sie bald gemein haben: Im Spätsommer könnten die Gegner Jahn Regensburg, SC Paderborn und FC Heidenheim heißen. Zumindest in Liga zwei wäre Hertha BSC dann der „Big City Club“.


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