BT-Sportkolumne über Spielerrevolten

Baden-Baden (moe) – Beispiele für Spielerrevolten gibt es einige in der Fußball-Bundesliga, nicht alle waren von Erfolg gekrönt.

Von Fans gestützt, von Spielern gestürzt: Am 3. Oktober 1996 war Jörg Bergers Zeit als Schalke-Coach abgelaufen. Foto: Bernd Wüstneck/dpa

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Von Fans gestützt, von Spielern gestürzt: Am 3. Oktober 1996 war Jörg Bergers Zeit als Schalke-Coach abgelaufen. Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Glaubt man den Verantwortlichen von Schalke 04, die mittlerweile gar keine Verantwortlichen von Schalke 04 mehr sind, und auch den vermeintlichen Protagonisten, die vielleicht bald ebenfalls nicht mehr das königsblaue Trikot tragen, hat es die Revolte gegen den Trainer gar nicht gegeben. Das Kuriose: Seinen Job ist Christian Gross mittlerweile trotzdem los – und das Chaos beim chronisch turbulenten Malocherverein perfekt.

Im Verhältnis zwischen Spielern und Trainern kann es immer mal wieder Spannungen – um nicht zu sagen grobe Verwerfungen – geben, das beweist ein Blick in den Almanach der Fußball-Bundesliga. Und im Vergleich zu einigen historischen Rädelsführern in kurzen Hosen sind die opponierenden Schalker Führungsspieler – einige Beobachter zweifeln noch immer, dass es diese überhaupt gibt – echte Chor-Knappen.

Anschauungsunterricht für einen veritablen Putsch können die aktuellen Schalker Rebellen ausgerechnet im eigenen, königsblauen Vereinsarchiv finden, denn am 3. Oktober 1996 – ja, der Tag der Deutschen Einheit – entließ S04 seinen damaligen Trainer Jörg Berger. Der bis dato letzte wirklich erfolgreiche Schalke-Manager Rudi Assauer handelte dabei, so ein Bericht des „RedaktionsNetzwerks Deutschland“, auf „ausdrücklichen Wunsch der Mannschaft“. Von 23 Spielern „haben nur vier keine Probleme mit Berger“ hatte damals eine teaminterne Umfrage zutage gefördert. Eine heute undenkbare Volte der Revolte: Der komplette Kader wurde dereinst in der Sat.1-Sendung „ranissimo“ vorstellig, um sich zu rechtfertigen: „Man kann es drehen und wenden wie man will. Mit diesem Trainer, dem wir alles Gute wünschen, wären wir nicht mehr weit gekommen“, tat Keeper Jens Lehmann kund. Der Vorwurf lautete damals übrigens: zu wenig Taktik- und Konditionstraining. Die Fans der Knappen schäumten dereinst angesichts der Entwicklungen, schließlich waren sie auf Bergers Seite. Beim Verlesen der Spielernamen beim 0:1 gegen den Karlsruher SC rief der Anhang elf Mal den Nachnamen Berger – und belagerte die Kabinen. Ein Polizeisprecher warnte die Spieler: „Wir können nicht für eure Sicherheit garantieren.“ Letztlich löste sich alles in Wohlgefallen auf: Bergers Nachfolger wurde Huub Stevens.

Breitner knöpft sich Lorant vor

Auch beim titelgeschwängerten FC Bayern München lassen sich weniger ruhmreiche Kapitel in der 121-jährigen Vereinsgeschichte, die Älteren werden sich erinnern, herauskramen. Beispielsweise eines aus dem Jahr 1978. Paul Breitner war gerade von Eintracht Braunschweig an die Säbener Straße 51 zurückgekehrt, als ewig streitbarer Minipli-Revoluzzer knöpfte er sich den als harten Hund verschrienen Trainer Gyula Lorant vor. „Lorant fehlen die fachlichen Voraussetzungen, das Trainingslager steht unter einem sehr schlechten Stern“, durfte Breitner unsanktioniert zu Protokoll geben. Später gestand er ein: „Ich habe solange Stunk gemacht, bis der Trainer gehen musste.“ Seine Teamkollegen halfen freilich mit, etwa bei der 1:7-Klatsche gegen Fortuna Düsseldorf, bei der Lorants Anweisungen geflissentlich ignoriert wurden. Angesichts der Blamage war nicht nur für Vereinspräsident Wilhelm Neudecker klar: „Das Spiel habt ihr manipuliert.“ Lorant musste gehen. Quasi als Strafe wollte der Vereinsboss den Rebellen dann Max Merkel als neuen Trainer vor die Nase setzen. Doch die Spieler opponierten erneut und verhinderten mit einer Abstimmung – 16:0 gegen Merkel – dessen Engagement. Derart viel Demokratie war auch für Neudecker zu viel: Der Präsident trat zurück, wenig später endeten sechs – heute unvorstellbar – titellose Jahre in der Bundesliga.

Der Name Max Merkel taucht derweil auch im Rahmen einer anderen Erstliga-Revolte auf: 1966, in der Saison nach der gewonnenen Meisterschaft, meuterte der Bayern-Stadtrivale 1860 gegen den Österreicher. Der hatte nach einer Negativserie und dem Absturz auf Rang acht angekündigt, zur neuen Saison acht Spieler zu feuern, „und für die übrigen wäre es auch besser, gleich mitzugehen“. Das ließ die Mannschaft nicht auf sich sitzen. Kapitän Peter Grosser erklärte: „Worum wir seit Jahren bitten, das ist, jenes Mindestmaß an Psychologie und die elementaren Grundsätze der Menschenwürde nicht auszuschalten.“ Die Löwen-Bosse ließen abstimmen. Das Votum: 16:1 – Merkel musste gehen. Und 1860 wurde noch Zweiter.

Oktober-Revolution frisst ihre Kinder

Merkel wurde später auch noch mit dem 1. FC Nürnberg Meister. Einer seiner Nachfolger war indes weniger angesehen, in erster Linie bei der eigenen Mannschaft. Heinz Höher, in der Vorsaison mit den Clubberern abgestiegen, war im Oktober auf dem besten Weg, den Traditionsverein wieder in die Spur zu hieven. Das Problem: Seine taktischen Anweisungen verstand niemand, auf Einwände reagierte er nicht und die Spieler spotteten hinter seinem Rücken. Also klapperten die Spieler die Nürnberger Tageszeitungen ab, die in der Folge eine Erklärung abdruckten. Die Zusammenfassung: Zu wenig Schuss-, dafür aber zu viel und zu schweres Krafttraining, zynische Spielerkritik, Beratungsresistenz und allgemein zu wenig Kommunikation. Der Schuss ging allerdings nach hinten los: Die Oktober-Revolution fraß ihre Kinder, denn Club-Präsident Schmelzer warf die Rädelsführer um Keeper Rudi Kargus und Spielführer Udo Horsmann raus, die freien Plätze wurden mit Youngstern wie Stefan Reuter und Dieter Eckstein besetzt – mit Erfolg: Mit Höher stieg Nürnberg auf und qualifizierte sich gar für den UEFA-Cup.

Kurzes Schäfer-Stündchen in Stuttgart

VfB-Goldmähne Winfried Schäfer. Foto: Jan Nienheysen/dpa

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VfB-Goldmähne Winfried Schäfer. Foto: Jan Nienheysen/dpa

Zugegeben, man hätte früher auf die Idee kommen können, dass das nicht gutgehen kann: eine KSC-Legende auf dem Trainerstuhl des Erzrivalen VfB Stuttgart. Von Baden nach Schwaben – ein fast beispielloser Rückschritt. Der VfBääää hat es 1998 dennoch mit Winfried Schäfer als neuem Coach versucht, für Zündstoff war daher schon vor der ersten Niederlage gesorgt. Dummerweise folgte eine Reihe weiterer Pleiten, bereits Ende November bekam Winnie mit der wilden Goldmähne den Laufpass – und diesen spielten nicht etwa die Ultras aus der Cannstatter Kurve, sondern sein Team höchst selbst. Dem Vernehmen nach votierte das Team – darunter nicht nur Quertreiber, sondern auch spätere Querdenker wie Thomas Berthold – mit 25:0 gegen den eigenen Coach.

Dereinst DFB-Teamchef: Erich Ribbeck (rechts). Foto: Claus Felix/dpa

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Dereinst DFB-Teamchef: Erich Ribbeck (rechts). Foto: Claus Felix/dpa

Im Vergleich zur Tragweite sorgte ein geplanter Putsch auf allerhöchster fußballerischer Ebene, nämlich bei der Nationalmannschaft vor der wenig ruhmreichen EM 2000, für recht wenig Empörung. Nach einer missglückten Trainingsübung in der Vorbereitung auf Mallorca hatten einige Spieler, so ist es kolportiert, endgültig die Nase voll von Erich Ribbeck. Die Bayern-Profis Dietmar Hamann, Jens Jeremies und Markus Babbel forderten Kapitän Lothar Matthäus auf, über Franz Beckenbauer beim DFB Einfluss zu nehmen und „Sir Erich“ ablösen zu lassen. Matthäus sollte als Spielertrainer die EM retten. Der Kapitän lehnte empört ab und machte den Vorfall erst nach der EM öffentlich. Die verlief dann so schlecht – der DFB wurde hinter Portugal, England und Rumänien Gruppenletzter –, dass Ribbeck zurücktrat. Wobei man ja – ebenso wie im aktuellen Schalker Fall – nicht ausschließen kann, dass die Revolte nach dem gescheiterten Versuch im stillen Kämmerlein auf dem Rasen stattfand.


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