BT-Sportkolumne über die Eigentor-EM

Baden-Baden (moe) – Die pan(demie)europäische Fußball-EM ist ein Turnier der Eigentore. Die BT-Sportkolumne widmet sich den Slapstick-Protagonisten, die besonders oft im Tor zu finden sind.

Für die Volleyball-Bundesliga reicht es noch nicht, aber zweifelsohne für jeden EM-Rückblick: Der slowakische Keeper Martin Dubravka (Mitte) schmettert den Ball ins eigene Netz. Foto: Marcelo del Pozo/AFP

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Für die Volleyball-Bundesliga reicht es noch nicht, aber zweifelsohne für jeden EM-Rückblick: Der slowakische Keeper Martin Dubravka (Mitte) schmettert den Ball ins eigene Netz. Foto: Marcelo del Pozo/AFP

Komik ist Tragik in Spiegelschrift. Das wusste nicht nur der US-amerikanische Humorist James Grower Thurber – oder wahlweise die Rapper von „Freundeskreis“. Seit dem dritten Gruppenspieltag dieser Europameisterschaft, die auf ihren Höhepunkt am Sonntag zusteuert, ist das auch Martin Dubravka klar. Wobei der Torhüter der slowakischen Nationalmannschaft auf diesen Erkenntnisgewinn freilich liebend gerne verzichtet hätte, weil sein Eigentor aus dem Kuriositäten-Kühlschrank nach exakt einer halben Stunde letztlich der Flaschenöffner für den spanischen Cava-Fußball war. Vier weitere Male ließen die Iberer in der Folge noch die Korken knallen.

Zugegeben, überliefert ist es nicht, aber es scheint zumindest nicht ausgeschlossen, dass Dubravka – unabhängig von den für die Slowaken tragischen Folgen – mit ein wenig Abstand und nach eingängigem Videostudium über seine eigene Slapstick-Einlage wird lachen können. Viele andere haben das schon getan, teilweise sogar recht herzhaft. Wenig überraschend waren nicht alle Kommentare frei von Häme, Sie wissen es, die Sache mit dem Schaden und dem unweigerlichen Spott. Nachdem Dubravka den Ball in bester Grozer-Schorsch-Manier ins eigene Netz geschmettert hatte, konnten es sich die gelernten Fachkräfte von den BR Volleys aus Berlin nicht verkneifen, dem Slowaken ein nicht ganz ernst gemeintes Angebot zu unterbreiten: „Vertrag ist in der Post, Medizincheck steht noch aus“, schrieben die Hauptstädter auf Instagram unter ein Video, das Dubravkas skurriles Missgeschick rekapitulierte.

Irrläufer – auch von der UEFA

Doch geteiltes Leid – so sagt es der Volksmund – ist bekanntlich nur halb so schlimm. Wobei das mit Blick auf die aktuelle EM so nicht ganz richtig ist, weil sich der Anteil des Kummers drastisch reduziert angesichts der Tatsache, dass bei diesen pan(demie)europäischen Titelkämpfen noch insgesamt neun weitere Irrläufer im eigenen Netz gelandet sind. Das kapitale Eigentor der UEFA in Sachen Regenbogen-Symbolik noch nicht einmal mitgerechnet. Nur zur Einordnung, die in der Tat historische Ausmaße annimmt: Bei dieser EM fielen bis dato mehr Eigentore als bei allen bisherigen kontinentalen Endrunden zusammen.

Und Martin Dubravka ist bei Weitem nicht der einzige Akteur, der auf der nach oben offenen Piplica-Skala – der Cottbuser Kult-Keeper hat weiland 2002 mit seiner legendären Übersprungshandlung sozusagen die Mutter aller Eigentore fabriziert – äußerst respektable Bestwerte eingeheimst hat. Beispielsweise Unai Simon. Der spanische Schlussmann hat mit seiner Luft(loch)nummer nach einem harmlosen Rückpass zumindest die Lacher der Kroaten auf seiner Seite.

Will im Trikot versinken – oder am besten gleich im Boden: Unai Simon. Foto: Stuart Franklin/AFP

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Will im Trikot versinken – oder am besten gleich im Boden: Unai Simon. Foto: Stuart Franklin/AFP

Bei einem Blick ins Eigentor-Kapitel des großen Fußball-Almanachs wird übrigens deutlich, dass Torhüter sehr häufig die Gelackmeierten sind. Etliche Seiten sind traditionell den Goalies auf der Insel gewidmet, viel zu häufig Verirrte im Dickicht des eigenen Unvermögens. Das lässt sich schon alleine an den Spitznamen der englischen Torsteher ablesen: David „Calamity“ James oder Paul „Misses“ Robinson, um nur zwei zu nennen.

Eigentorjäger-Kanone für Kaltz und Noveski

Doch auch in Deutschland tragen Torhüter Spitznamen, die die Karriere überdauern – „Pannen-Olli“ zum Beispiel. Diesen hat Oliver Reck auch einem Eigentor mit Slapstick-Charakter zu verdanken. Saison 1991/92, Prestigeduell gegen Bayern, die Stollen lang, die Hosen kurz. Nach einem Mazinho-Kopfball springt der Ball von der Latte gegen Recks Stirn – und von dort ins Tor. Peinlich getroffen fällt der Keeper wie eine Bahnschranke um, ein echter Klassiker in allen historischen Rückblicken. Kleiner – und aktuell kaum vorstellbarer – Trost: Werder gewann auswärts mit 4:3.

Der Spitzname „Pannen-Olli“ überdauert die Zeit – auch wenn Oliver Reck nicht alle Gegentore selbst erzielte. Foto: Werner Baum/dpa

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Der Spitzname „Pannen-Olli“ überdauert die Zeit – auch wenn Oliver Reck nicht alle Gegentore selbst erzielte. Foto: Werner Baum/dpa

Aber nicht nur Schluss-, sondern auch deren Vordermänner haben bisweilen Probleme, das gegnerische vom eigenen Tor zu unterscheiden. Eklatante Defizite traten 2009 bei Hannover 96 zutage. Die Niedersachsen erzielten gegen Gladbach sechs Tore, verloren aber 3:5. Das lag daran, dass nicht nur Constant Djakpa ins eigene Netz traf, sondern Karim Haggui gleich doppelt.

Nikolce Noveski kann angesichts dieser Statistik nur müde lächeln. Der Mazedonier, der beim Karnevalsclub in Mainz Kultstatus errang, hält gleich zwei kuriose Rekorde. Im Derby gegen die Frankfurter Eintracht gelang dem Verteidiger ein verrückter „Hattrick“: Erst traf er innerhalb von nur 132 Sekunden zweimal ins eigene Tor, sorgte aber – Stichwort Polyvalenz – später auch für den 1:2-Anschluss. Das Spiel endete 2:2. Zusammen mit der bananenflankenden HSV-Ikone Manfred Kaltz hat sich Noveski obendrein die Eigentorjäger-Kanone gesichert: Beide sorgten jeweils sechsmal für „Friendly Fire“ – Bestmarken, die noch immer bestand haben.

Doch zurück zum großen EM-Dilettanten-Ball: Diesbezüglich ist der wahrscheinlich größte Pechvogel übrigens ein 18-jähriger Debütant: Pedri. Eigentlich traf den Barca-Youngster bei seinem Rückpass auf seinen Keeper Simon nicht den Hauch einer Schuld. Doch weil sein Torhüter wie eingangs beschrieben den unfreiwilligen Assist des Flügelstürmers nur marginal touchierte, hat doch tatsächlich irgendein sesselflatulierender UEFA-Hinterbänkler den Treffer dem bemitleidenswerten Pedri „gutgeschrieben“. Manchmal ist eben auch Tragik Komik in Spiegelschrift.

Ihr Autor

BT-Redakteur Moritz Hirn

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Erstellt:
8. Juli 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 24sec

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