BT-Sportkolumne über kultige Playoff-Bärte

Baden-Baden (mi) – Was einst mit einer spleenigen Idee zweier schwedischer Eishockey-Cracks begann, ist mittlerweile nicht nur Tradition, sondern Kult – der NHL-Playoff-Bart.

Joe Thornton trug sein Prachtstück für die San Jose Sharks. Auch in Toronto ist der Bart noch nicht ab.Foto: Paul Beaty/AP

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Joe Thornton trug sein Prachtstück für die San Jose Sharks. Auch in Toronto ist der Bart noch nicht ab.Foto: Paul Beaty/AP

Schweden sind cool. Zumeist blond. Schweden sind auch erfinderisch. Nicht wenige Wissenschaftler und Mediziner haben schon den Nobelpreis gewonnen. Abba hat die Popmusik revolutioniert. Im Sport hat Jan Boklöv vor und 30 Jahren den V-Stil im Skispringen aus der Taufe gehoben. Und wiederum zwei andere Profis haben am 8. April 1980 für eine Weltneuheit im Eishockey gesorgt: den Playoff-Bart. Wenn ab Mitte Mai die entscheidende Saisonphase in der weltbesten Liga NHL eingeläutet wird, auch fünfte Jahreszeit genannt, bleiben der Rasierer und die Klinge im Badezimmerschrank und aus Flaum rund um den Hals entstehen bisweilen wild wachsende Büschel.

Wer ganz weit kommt, gar noch im Stanley-Cup-Finale steht, trägt dann einen gepflegten Rauschebart mit sich herum und würde mit roter Zipfelmütze statt Helm auch als Weihnachtsmann jederzeit eine Beschäftigung finden.

Aberglaube steht Pate

Stefan Persson und Anders Kallur sind die Erfinder dieser spleenigen Idee, die heute zur festen Tradition im schnellsten Mannschaftssport gehört. Der Kult ist längst auch nach Europa übergeschwappt. Wahrscheinlich stand auch der Aberglaube Pate bei dem skandinavischen Duo, das sich vom viel berühmteren Landsmann Björn Borg inspiriert fühlte. Der frühere Tennis-Superstar hatte immer ab dem Turnierstart in Wimbledon auf seine morgendliche Rasur verzichtet – und zwischen 1976 und 1980 fünfmal in Folge das wichtigste Grand-Slam-Turnier in London gewonnen.

Was Borg kann, können harte Jungs allemal, dachten sich die beiden. Und was mit einem 8:1 gegen die Los Angeles Kings in den Playoffs begann, endete mit dem Stanley-Cup-Triumph der New York Islanders, für die die Schweden damals spielten. Auch in den folgenden drei Spielzeiten räumten die Isles den Pott ab, der von lauter Hünen, die wie Höhlenmenschen aussahen, in die Höhe gestemmt wurde.

Indes war der (Aber-)Glaube an die Magie von zotteligen Siegertypen noch nicht überall verbreitet. Denn auf die Dynastie der Cracks aus Long Island folgte jene der Edmonton Oilers. Deren angehender junger Superstar Wayne Gretzky rasierte mit seinen Teamkollegen die Gegner reihenweise, in der Finalserie 1984 auch die Islanders – mit glatter Teeniehaut. Auch in den folgenden drei Jahren sammelten die Oilers mit eher wohlgepflegten Gesichtern weitere drei Titel.

Verpönte Hippie-Bewegung

In den frühen 70er Jahren hatten einige stockkonservative NHL-Organisationen ihren Spielern gar zur Auflage in ihren Verträgen gemacht, keine langen Haare und Vollbärte tragen zu dürfen. Letzteres hing mit der aufgekommenen Hippie-Bewegung zusammen. Hippies galten den Vereinsoberen schlicht als Weicheier, also das genaue Gegenteil von hart gesottenen Eishockey-Profis. Brutale Checks und Sieger-Zigarren passen nicht zu Love and Peace sowie Haight-Ashbury-Räucherstäbchen.

Erst 1994 fanden die Bärte dank der New Jersey Devils wieder Einzug im öffentlichen Bewusstsein – und seitdem gehört das Ritual zum Frühling wie die blühenden Knospen. Die als brutaler Trupp verschrienen Philadelphia Flyers – ihr Spitzname lautete „Broad Street Bullies“ – schüchterten nicht nur mit ihrem Spielstil, sondern auch mit ihrem Aussehen als Steinzeitmenschen bei ihren zwei Cup-Erfolgen sämtliche Gegner ein. Keiner dachte bei ihrem Anblick mehr an Woodstock-Blumenkinder. Phillies Protagonisten gaben gar das perfekte Ebenbild ab für den späteren Kultfilm „Slapshot“.

„So lange der Bart wächst, gewinnt man. Je länger der Bart wird, desto länger ist man in den Playoffs dabei – oder holt sogar am Ende den Cup. Man versucht halt alles, um einen besseren Teamgeist zu haben“, erklärte der frühere Verteidiger Dennis Seidenberg die simple Denke der Spieler. Er selbst schleppte im Juni 2011 einen Monsterbart mit sich herum, denn bei den Boston Bruins gelang ihm mit dem Gewinn der riesigen und wichtigsten Vereinstrophäe sein Karriere-Highlight.

Seidenberg-Gattin: „Wie ein Wattestäbchen

Als absolutes Tabu gilt in der Szene, dass während des Spiels am Bart nicht gezogen werden darf. Joe Thornton präsentierte mehr als ein Jahrzehnt im Trikot der San Jose Sharks das Vorzeige-Prachtstück mit dem größten Volumen der gesamten Liga. Als er sich mit Nazem Kadri bei einem Faustkampf buchstäblich in die Haare geriet, riss ihm der Toronto-Gegenspieler ein Stück raus. „Plötzlich hatte ich die Haare in meiner Hand. Ich wollte ihn nicht dort erwischen. Ich bin ein Eishockeyspieler und kein Barbier“, rechtfertigte sich der geschockte Kadri. Während die Kollegen weiterprügelten, ließ „Jumbo Joe“ Gnade walten: „Ich hätte ohnehin zum Friseur gemusst, somit habe ich Geld gespart.“

Die größten Feinde der haarigen Angelegenheit sind die Spielerfrauen. Seidenberg weiß aus eigener Erfahrung, dass kratzbürstige Gesichtsbehaarung wie wild wucherndes Unkraut nicht gerade die Liebste zu Hause anturnt. „Dann wachsen dir die Haare auch in den Mund rein. Das ist ekelhaft.“ Seiner Ehefrau Rebecca spricht er da aus dem Herzen.

Als Dennis Seidenberg nach dem Cup-Triumph wieder zum Rasierer griff und ums Kinn herum wieder glatt wie das Eis war, war sie einerseits erleichtert und zugleich erstaunt. „Du siehst ja aus wie ein Wattestäbchen.“


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