Christoph Sieber begeistert in Baden-Baden

Baden-Baden (baw) – Kabarettist Christoph Sieber füllte mit seinem Auftritt am vergangenen Freitag die Tische im Veranstaltungssaal des Rantastic in Haueneberstein und sorgte für beste Unterhaltung.

„Die Welt ist so schräg, wenn ich da schief reingucke, dann stimmts wieder!“: Kabarettist Christoph Sieber mit seinem aktuellen Programm „Mensch bleiben“ im Rantastic Haueneberstein. Foto: Barbara Wersich

© baw

„Die Welt ist so schräg, wenn ich da schief reingucke, dann stimmts wieder!“: Kabarettist Christoph Sieber mit seinem aktuellen Programm „Mensch bleiben“ im Rantastic Haueneberstein. Foto: Barbara Wersich

„Egal was kommt, eines bleibt uns am Ende und das ist Auftrag und Anspruch in einem: Mensch bleiben“. „Mensch bleiben“ ist auch der Name des aktuellen Bühnenprogramms von Sieber, auch bekannt als Moderator der WDR-Mitternachtsspitzen, weiß genau um seine Bestimmung. „Ich muss ja jeden Morgen hoffen, dass alles Scheiße läuft, damit ich abends was zu erzählen habe!“ Denn, was wolle die Menschheit schon mehr, als schlechte Nachrichten? Wofür ginge man denn in den Zirkus oder schaue Videos auf Youtube? Bestimmt nicht, weil immer alles glatt läuft, sondern gerade weil man sich doch erhoffe, dass die Hauptakteure auf übelste Art und Weise scheitern. „Nur so wird doch ein Hit draus!“, so Siebers satirischer Blick auf den Menschen, die angebliche Krönung der Schöpfung.

Wie er beim Thema Scheitern wohl den Übergang zur Bundesregierung bekäme, fragte der Galgenhumorist sein Publikum schelmisch grinsend und schwenkte aber sogleich um auf vermeintlich wichtigere Themen, die im „Kabaretthandbuch“ abzuhaken seien. Corona stünde natürlich ganz oben auf der Liste, erst dann dürfe er sich ja um die schönen Dinge im Leben kümmern: „Armut, Arbeitslosigkeit und Andreas Scheuer“, schloss er den Kreis und verpasste es nicht, in seinem 100-minütigen Auftritt auch die politische Situation und den Klimawandel gnadenlos unter die Lupe zu nehmen.

Tanzeinlagen und Balljonglage

„Wollen wir die Klimaziele erreichen oder reichen uns die Klimaziele?“, hinterfragte er die wirkliche Motivation der Erdenbewohner, die scheinbar nach dem Motto „Lieber faul, als immer müde“ ihr Dasein verbringen und gab sich sogleich selbst die Antwort. „Wir Deutschen sind nicht gemacht für Veränderungen“ und trotzdem bereit für sinnbefreiten technischen Fortschritt. Man nehme zum Beispiel die Digitalisierung. Die große Frage sei da für ihn, was sich wohl durchsetzen werde: die künstliche Intelligenz oder die menschliche Dummheit? Sei es wirklich nötig, über das Smartphone aus dem Strandurlaub einen Blick in das leere Zuhause werfen zu können, um die Waschmaschine anzusteuern, damit womöglich die Einbrecher, denen man noch hilflos zusehen müsse, frische Wäsche erbeuten könnten? App, App, App und fertig ist der Depp“, so sein persönliches Fazit.

Doch Sieber jonglierte nicht nur wild mit Worten und sarkastischen Spitzfindigkeiten, sondern zeigte seine verborgenen Talente mit echter Balljonglage und amüsierte seine Zuschauer mit urkomischen Tanzeinlagen zu Reggae-Beats, spontanen Moonwalkeinlagen und sang als „Charity-Dieter“ über die Mangelware Sozialstaat in seinem selbst komponierten Song „Apokalyps deluxe“ bei lauter Schlagermusik im grellen Discolicht bis zur totalen Erschöpfung.

König der schonungslosen Kommentare

„Wir haben immer weniger Werte und dafür immer mehr Bewertungen“, beschrieb Sieber kritisch einen weiteren Missstand in der Gesellschaft und brachte seine Gäste mit Zitaten der absurdesten Internetkommentare zum Lachen. „Da wird die Bibel auf Amazon wie folgt bewertet: ,Sehr dünne Story! Zieht sich über 1.500 Seiten. Der Hauptdarsteller tritt sehr spät ins Geschehen ein und stirbt dann früh – enttäuschend‘.“ Auch vor bekannten europäischen Reisezielen werde nicht Halt gemacht. Über das Kolosseum sei da zu lesen: „Vorsicht! Baufälliges Gebäude in schlechtem Zustand. Hab ich schon oft in Filmen gesehen, dort sah es besser aus.“

Doch Sieber selbst war klar der König der schonungslosen Kommentare an diesem Abend, wie er beim Thema Kirche unter Beweis stellte. Kirche sei seiner Meinung nach für eines gut zu gebrauchen: Und zwar „als Garage für Giraffen“. „Ich glaube nicht an Gott und ich denke, er weiß es“, entschuldigte er seine unverblümte Meinung und forderte gleichermaßen von allen anderen, es ihm gleich zu tun und endlich Gesicht zu zeigen.

Ihr Autor

Barbara Wersich

Zum Artikel

Erstellt:
18. Oktober 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 49sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.