Baden-Baden: Erste digitale Theaterpremiere

Baden-Baden (sr) – Das Theater ist geschlossen, das Programm geht weiter: Am Samstagabend findet mit dem soziokulturellen Theaterprojekt „Stadt Land Oos“ die erste Uraufführung im Internet statt.

Am Theaterprojekt „Stadt Land Oos“ sind neben den Schauspielern des Theaters auch Baden-Badener Bürger beteiligt. Foto: Jochen Klenk/Theater

© pr

Am Theaterprojekt „Stadt Land Oos“ sind neben den Schauspielern des Theaters auch Baden-Badener Bürger beteiligt. Foto: Jochen Klenk/Theater

Es wird mal wieder Zeit für ein hübsches Outfit und die feinen Schuhe: Am Samstagabend ist Premiere im Theater Baden-Baden. Um acht geht es los, wie meistens. Natürlich ist die Aufführung nur digital zu erleben, aber ein bequemer Coach-Event in Jogginghosen soll es trotzdem nicht werden: „Ich werde mich netter anziehen für die Premiere,“ hat Regisseur Michael Uhl gestern schon mal angekündigt, er will auch selbst den lange vorbereiteten Abend als etwas Besonderes genießen.

Vorstellung nur an festen Terminen

Deshalb werden die insgesamt sechs Aufführungen im Netz wie die „richtigen“ Theaterabende um 20 oder um 19 Uhr beginnen, sogar eine Sonntagnachmittags-Vorstellung ist dabei. Ein Rund-um-die-Uhr-Streamingangebot gibt es nicht. „Nichts kann das gemeinsame Erleben im Zuschauerraum ersetzen“, sagt Uhl, aber die Gewissheit, dass zur selben Zeit andere Freunde des Baden-Badener Ensembles auch vor ihren Bildschirmen sitzen, kann diesen besonderen Theatermoment wenigstens ein bisschen imitieren. Die Beliebigkeit der Mediathek-Funktion will man beim Theater auf jeden Fall vermeiden.

Tickets braucht man in diesem Fall keine. Uhl empfiehlt aber allen interessierten Zuschauern, rechtzeitig die Plätze einzunehmen, denn auch beim kostenlosen Streamen muss man sich vorher anmelden, und der Vorhang geht ohne Rücksicht auf Nachzügler pünktlich auf. Beim „richtigen“ Theaterbesuch ist es ja auch von Vorteil, sich vorher ein bisschen zu sammeln.

Die Vorarbeiten für diese Uraufführung gehen noch auf die Zeit vor Corona zurück. Schon im März habe es in der Konzeption dann den entscheidenden Schwenk hin zu Videoeinspielungen gegeben, sagte Uhl im BT-Gespräch. Ursprünglich war vorgesehen, Baden-Badener Bürger live mitwirken zu lassen in diesem Stück, das sich als Annäherung an die Stadtgesellschaft versteht und nach dem Zusammenhalt fragt. Jetzt werden die Bürger in Einzelgesprächen per Videoeinspielung vertreten sein. Bis heute konnten sich nicht alle Beteiligten an dieser Produktion persönlich kennenlernen. Was sie verbindet, ist die Freude am Theater und an der Musik, der in dieser Produktion eine besondere Bedeutung zukommt.

Aufzeichnung mit vier Kameras

Für die Aufnahme wurden Profis der Firma applegreen verpflichtet, die das gut einstündige Stück mit vier Kameras aufgezeichnet haben. „Das Theater Baden-Baden ist wirklich gut ausgestattet, aber für so ein Projekt braucht man ein anderes technisches Equipment, weil Streamen ja nicht zum Kernbereich der Theateraufgaben zählt“, erklärt Michael Uhl. Dennoch dürfe man keine Fernsehproduktion erwarten, es geht dem Regisseur vor allem um die Teilhabe, darum, das Theater-Jahresmotto „Zusammenhalt“ auch als Zuschauer zu spüren und zu leben.

„Zurzeit werden ja alle Probenprozesse am Theater mit der Generalprobe abgeschlossen“, resümiert Uhl die Folgen der Corona-Pandemie, „und hier haben wir die Möglichkeit einer echten Aufführung bekommen, dank der Unterstützung von der Patronatsgesellschaft und der Baden-Württemberg-Stiftung.“ Michael Uhl, der sich seit Jahren auf Stückentwicklungen auf der Basis eigener Recherchen spezialisiert hat, ist mit einem ähnlichen Projekt jetzt in Oldenburg beschäftigt. „Stadt Land Oos“ empfinde er ein bisschen wie ein „Weihnachtsmärchen für Erwachsene“, sagt er.

Das Theater Baden-Baden hat in diesem Jahr auch seinen Adventskalender digital aufbereitet: Während in „normalen“ Zeiten täglich eine Geschichte für Kinder im Theater vorgelesen wird, suchen die Schauspieler und weitere Mitarbeiter des Theaters jetzt den täglichen Kontakt zu den kleinen Zuschauern übers Internet.

Das Stück ist heute Abend um 20 Uhr über das Theater-Streaming-Portal Spectyou nach vorheriger Anmeldung zu sehen.

Ihr Autor

Sabine Rahner

Zum Artikel

Erstellt:
11. Dezember 2020, 20:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 42sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.