Baden-Baden: Pfadfinderprozess geht in die Verlängerung

Baden-Baden (nof) – Das Landgericht Baden-Baden nimmt sich viel Zeit für die Aufarbeitung eines Tatvorwurfs, der rund 30 Jahre in der Vergangenheit liegt.

Noch kein Urteil in Sicht: Der Pfadfinderprozess am Landgericht geht weiter.  Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa

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Noch kein Urteil in Sicht: Der Pfadfinderprozess am Landgericht geht weiter. Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa

Um zu klären, ob der Angeklagte damals tatsächlich mehrere Pfadfinder zur Vergewaltigung eines Mädchens angestiftet hat, beraumte das Gericht am Mittwoch drei weitere Verhandlungstage an. Wie auch immer am Ende das Urteil im „Pfadfinderprozess“ ausfallen wird, das Gericht ist sichtlich bemüht, keine Revisionsgründe zu bieten. Der einst auf vier Verhandlungstage angesetzte Prozess geht nun in die Verlängerung: Zwei weitere Termine zur Fristwahrung noch im November – eine Verhandlung darf maximal für drei Wochen unterbrochen werden – sowie einen substanziellen Prozesstag am 10. Dezember legte das Gericht fest. Dann soll ein Sachverständiger die Ergebnisse eines sogenannten Glaubwürdigkeitsgutachtens vortragen. Dieses hatte der Verteidiger des 64-jährigen Angeklagten beantragt. Er zieht die Glaubwürdigkeit der heute 44 Jahre alten Nebenklägerin in Zweifel, die behauptet, in den 1980er Jahren in den Kellerräumen der Pfadfinder in der Scheibenstraße von mehreren Pfadfindern gefesselt und vergewaltigt worden zu sein – auf Anordnung des nun angeklagten ehemaligen Gruppenleiters. In Erinnerung soll ihr diese Tat in einer „tiefenpsychologischen Behandlung“ gekommen sein, mittels einer „EMDR-Methode“, die der Verteidiger ebenfalls hinterfragt. Das Gericht folgte dem Antrag und gab dieses Gutachten nun in Auftrag.

Weiterer Zeuge meldete sich auf Zeitungsbericht hin

Über mehrere weitere Beweisanträge der Verteidigung haben die Richter noch nicht entschieden. So sieht Verteidiger Andreas Kniep auch Ungereimtheiten in den Aussagen des „angeblichen Opfers“. Diese erfolgten jeweils unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Unterdessen wurde bekannt, dass die 44-Jährige in einem Antrag auf Entschädigungszahlungen weitere Fälle sexuellen Missbrauchs angegeben haben soll. Demnach soll sie in der elterlichen Wohnung von einem Nachbarsjungen missbraucht worden sein und mindestens noch ein weiteres Mal Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden sein. Am fünften Verhandlungstag befragte das Gericht einen weiteren Zeugen, der sich auf einen Zeitungsbericht über den Prozess hin gemeldet hatte. Seine Aussage deckte sich mit den Angaben, die schon zahlreiche Zeugen vor ihm gemacht hatten: In seiner Zeit als Pfadfinder in den 80er Jahren sei es zu mehreren sexuellen Übergriffen durch den Angeklagten auf ihn gekommen. Er sprach von gegenseitigem Masturbieren, habe dem Angeklagten auch eine Nadel durch die Brustwarze stechen und mit diesem Pornos gucken müssen.

„Ich hatte immer Bilder im Kopf“

„Ich habe mich von ihm bevorzugt behandelt gefühlt. Bei meiner Ausbildung zum Gruppenleiter hat er mich unterstützt.“ 30 Jahre habe es gedauert, bis er die Übergriffe verarbeitet hatte. „Ich hatte immer Bilder im Kopf und ein Ekelgefühl.“ Dann habe er seiner Mutter davon berichtet – ohne ihr aber Details zu nennen. Zum angeklagten Tatvorwurf konnte auch er keine Angaben machen. Der Prozess wird am 18. November, 13 Uhr, fortgesetzt.

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Erstellt:
28. Oktober 2020, 16:45 Uhr
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