Baden-Baden bereitet Zensus 2022 vor

Baden-Baden (nof) – Mit einem Jahr Verspätung soll der Zensus 2022 stattfinden. Die Stadtverwaltung sucht aktuell noch nach Interviewern für die Datenerhebung.

Verantwortlich für die sensiblen Daten: Eunike Bottesch leitet seit Dezember die „Erhebungsstelle Zensus 2022“ in Baden-Baden. Foto: Nico Fricke

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Verantwortlich für die sensiblen Daten: Eunike Bottesch leitet seit Dezember die „Erhebungsstelle Zensus 2022“ in Baden-Baden. Foto: Nico Fricke

Eunike Bottesch ist die Herrin der Zahlen. Sie wacht in den nächsten Monaten über den Zensus 2022 in der Kurstadt. Bei der europaweiten Datenerhebung werden 5.000 zufällig ausgewählte Personen im Stadtkreis zu ihren Lebensverhältnissen befragt.

Und weil die sensiblen Daten einem ganz besonderen Schutz unterliegen, arbeitet Bottesch auch unter ganz besonderen Bedingungen „in einem abgeschotteten Bereich“, wie Bürgermeister Roland Kaiser betont: „Sie hat eine herausragende Rolle im Rathaus, es gibt kein Zugriffs- oder Weisungsrecht von anderen Stellen.“ Bedeutet: Die erhobenen Daten sind streng geheim, „es gibt keinen Austausch mit anderen Behörden“, versichert Bottesch, die nicht nur räumlich getrennt arbeitet, sondern auch bei der EDV abgekapselt sei. Seit 1. Dezember ist die „Erhebungsstelle Zensus 2022“, deren Leiterin Bottesch ist, eingerichtet. Doch schon in den Monaten zuvor hat Mitarbeiter Joshua Treffert zahlreiche Vorbereitungen getroffen, damit die Stelle planmäßig ihre Arbeit aufnehmen kann. Denn eine Verschiebung liegt schon hinter dem Zensus, der europaweit alle zehn Jahre ansteht und turnusmäßig somit eigentlich schon 2021 hätte erhoben werden sollen. „Doch wegen Corona wurde eine allgemeine Verschiebung notwendig“, erklärt Kaiser. Nun sei man aber guter Dinge, dass der Zensus zwischen 16. Mai und Ende Juli trotz anhaltender Pandemie erhoben werden könne.

Es gelte ohnehin das Motto „online first“, erklärt Eunike Bottesch: „Um die Kontaktzeit an der Haustüre kurz zu halten, sollen die auskunftspflichtigen Personen die Fragen nach Möglichkeit digital beantworten.“ Dazu bekommen sie beim Besuch des so genannten Erhebungsbeauftragten die Zugangsdaten für den digitalen Fragebogen. „Einen persönlichen Kontakt muss es aber geben, um die Existenz der befragten Person festzustellen“, sagt Bottesch. In die Wohnung müsse der Interviewer, der seinen Besuch vorab mit einem Terminvorschlag ankündigen und sich auch entsprechend ausweisen muss, aber nicht gelassen werden.

Teilnahme keinefreiwillige Sache

„Können die Befragten den Erhebungsbogen mit den rund 40 Fragen nicht online ausfüllen, werden die Interviewer unterstützend tätig sein und den Papierfragebogen zusammen mit den Einwohnern ausfüllen“, erklärt Bottesch. Freiwillig ist die Teilnahme aber nicht. „Für die Befragten besteht Auskunftspflicht“, unterstreichen Kaiser und Bottesch.

Im Gegensatz zu einer traditionellen Volkszählung, bei der alle Bürgerinnen und Bürger befragt werden, stütze sich der Zensus 2022 auf bereits bestehende Verwaltungsregister, erläutert Bottesch. Um die Qualität der Datenbasis zu verbessern, werde nun aber in einer Haushaltsbefragung auf Stichprobenbasis ein Teil der Bevölkerung – rund zehn Prozent – zusätzlich direkt befragt.

Die geschützten Daten werden von der Erhebungsstelle eingepflegt und dem Statistischen Landesamt übermittelt, das diese dann auswertet. „Das wird aber erst Ende 2023/Anfang 2024 der Fall sein“, schätzt Bottesch, deren Erhebungsstelle nach getaner Arbeit zum Mai kommenden Jahres wieder aufgelöst werden soll.

Doch damit die Befragungen in rund vier Monaten starten können, sucht die Stadtverwaltung noch nach Erhebungsbeauftragten. Rund 35 Interessenten, darunter viele Verwaltungsmitarbeiter, stehen laut Bottesch bereits auf der Liste, rund 70 werden benötigt.

Jedem von ihnen werde ein „Arbeitsbezirk“ mit rund 130 zu erhebenden Personen im Stadtkreis zugeteilt, die von Mitte Mai bis Ende Juli befragt werden sollen. In der Zeiteinteilung sind die Interviewer, die volljährig sein und im Zeitraum März/April an einer Schulung teilnehmen müssen, frei. Sie dürfen hauptberuflich aber nicht in sensiblen Bereichen wie Einwohnermeldeamt, Steueramt oder Baurechtsamt arbeiten, sagt Bürgermeister Kaiser. Auch dürfe kein Interviewer im eigenen Wohnbezirk eingesetzt werden, fügt Bottesch hinzu. Selbstverständlich werde auch jeder Interviewer zur Vertraulichkeit verpflichtet. Für die ehrenamtliche Tätigkeit erhalten die Erhebungsbeauftragte eine steuerfreie Aufwandsentschädigung von voraussichtlich 600 bis 700 Euro, wirbt Kaiser um Interessenten. Die tatsächliche Höhe der Entschädigung richte sich nach der Anzahl der durchgeführten Interviews.

Seit Mittwoch ist auf der Homepage der Stadtverwaltung eine Online-Bewerbung möglich. Weitere Informationen gibt es auch bei Eunike Bottesch unter (0 72 21) 9 31 85 90 oder per E-Mail: zensus2022@baden-baden.de.

Zum Thema

Die Europäische Union verpflichtet ihre Mitgliedsstaaten, alle zehn Jahre einen Zensus durchzuführen. Mit dieser statistischen Erhebung wird ermittelt, wie viele Menschen in Deutschland leben, wie sie wohnen und arbeiten. Damit wird Zensus eine wichtige Planungsgrundlage für viele Entscheidungen in Bund, Ländern und Gemeinden, die auf Bevölkerungs- und Wohnungszahlen beruhen. So können beispielsweise Schulen und Kitas dort gebaut werden, wo sie fehlen, Wohnungen da, wo sie gebraucht werden und der Ausbau von Verkehrswegen dort, wo es benötigt wird, heißt es in einer Mitteilung der Stadtverwaltung. Um verlässliche Basiszahlen zu haben, ist eine regelmäßige Bestandsaufnahme der Bevölkerungszahl notwendig. Gezählt werden hierbei aber nicht nur die Menschen, sondern auch Gebäude und Wohnungen. Zusätzlich werden Daten zur Wohn- und Wohnungssituation wie Nettokaltmiete, Leerstand und Eigentümerquote erfragt. Ziel des Zensus ist es, in Zukunft bedarfsgerecht zu handeln. Mit dem Stichtag am 15. Mai 2022 werden bundesweit bis Juli rund 11,4 Millionen Menschen befragt, davon allein rund 5.000 Bürger und Bürgerinnen im Stadtkreis Baden-Baden.

Es geht um jeden Kopf

BT-Redakteur Nico Fricke kommentiert
Ein großer Aufwand wird von den Statistischen Bundes- und Landesämtern im Auftrag der EU betrieben, um zu schauen, wie viele Menschen tatsächlich in Bund, Land und Kommune wohnen. Rund 11,4 Millionen Menschen werden dazu in Deutschland befragt, 5.000 allein in Baden-Baden. Überflüssig sei das, sagen die Kritiker, dafür gibt es doch die Daten der Einwohnermeldeämter. Doch deren Zahlen weichen manches Mal von den statistischen Erhebungen ab. Viele werden sich noch an die Ergebnisse des Zensus 2011 erinnern, als in zahlreichen Städten und Gemeinden plötzlich weniger Einwohner leben sollten, als bei den Ämtern eigentlich gemeldet waren. Was damals einige Gerichtsverfahren nach sich gezogen hat. Denn diese „Karteileichen“ – Personen zum Beispiel, die umgezogen sind und einfach vergessen haben, sich amtlich abzumelden – sind bares Geld wert. Von der Einwohnerzahl hängt unter anderem ab, wie viele Euro eine Kommune aus dem Finanzausgleich erhält. Bürgermeister Roland Kaiser taxierte die Bevölkerungszahl in Baden-Baden bei der Vorstellung der Zensus-Erhebungsstelle aus dem Stegreif auf „um die 55.000“. Mit 55.449 gibt das Statistische Landesamt die Zahl der Einwohner in der Kurstadt an – basierend auf den Zensus-Ergebnissen von 2011. So darf man gespannt sein, was nun im Frühsommer bei den stichprobenartigen Befragungen gezählt und statistisch erhoben wird. Man muss sich klar sein: Es geht um jeden Kopf.

Ihr Autor

BT-Redakteur Nico Fricke

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Erstellt:
6. Januar 2022, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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