Baden-Baden eröffnet Muße-Literaturmuseum

Baden-Baden (cl) – Das Muße-Literaturmuseum der Stadtbibliothek öffnet am Sonntag. Es verbindet den Flair der Sommerhauptstadt Europas im 19. Jahrhundert mit der literarischen Tradition der Stadt.

Im neuen Muße-Literaturmuseum in der Stadtbibliothek Baden-Baden wird der Bereich „Rien ne va plus“ präsentiert. An diesem Wochenende ist die Eröffnung des Museums.  Foto: Uli Deck/dpa

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Im neuen Muße-Literaturmuseum in der Stadtbibliothek Baden-Baden wird der Bereich „Rien ne va plus“ präsentiert. An diesem Wochenende ist die Eröffnung des Museums. Foto: Uli Deck/dpa

Es ist schon sehr spannend, das neue Muße-Literaturmuseum bei der Baden-Badener Stadtbibliothek. Man kann bequem in Otto Flakes Sessel Platz nehmen – auch seine Bücher liegen zum Schmökern bereit nebst einer Auswahl an Bänden von Reinhold Schneider, Werner Bergengruen und vielen, vielen anderen bedeutenden Autorinnen und Autoren. „Psst – bitte leise – Konzentration“ – lautet die Auffordernung zur „Muße“ im zweiten Obergeschoss der Stadtbibliothek. Das neue Museum, das am Sonntagmorgen eröffnet wird, will schließlich in aller Ruhe, mit Muße eben, besucht werden, geleitet von eigenen Interessen oder Schmöker-Bedürfnissen.

Und die Anzahl der Entdeckungen, die man hier machen kann, ist immens. Auch für Baden-Badener, die sich in der literarischen Geschichte ihrer Heimatstadt gut auskennen, ist das Museum eine Fundgrube. Es geht weit über eine Aneinanderreihung von Literaturstationen hinaus. Didaktisch ansprechend, verspielt und auch plakativ aufbereitet werden die Inhalte vertieft, öffnen sich Bereiche zu vergessenen, einst erfolgreichen Autoren und zu den Baden-Baden-Geschichten berühmter Literaten, auch von Schriftstellerinnen. Die wissenschaftlich aufgearbeitete Bandbreite der Literaturstadt wird greifbar und an vielen Sitzecken nachlesbar.

In Baden-Baden hatte sich im 19. Jahrhundert nicht nur eine große musikalische Salonkultur gebildet, auch viele Schriftsteller der Weltliteratur besuchten die Sommerhauptstadt des europäischen Hochadels, bis heute ist die Stadt ein kulturelles Zentrum. Von Alexandre Dumas, Honoré de Balzac, Victor Hugo, Clemens Brentano, Mark Twain, Alfred Döblin bis hin zu Iwan Turgenjew oder Fjodor Dostojewski – über 100 Schriftsteller werden vorgestellt, die in Baden-Baden geboren sind, wohnten, weilten oder kurten. Baden-Baden spiegelt sich in ihrem Werk wider oder hat auf ihre Biografien eingewirkt.

Reinhold Schneiders Kachelofen auch untergekommen

„Es ist ein Museum, das die Bedeutung von Baden-Baden als kulturellen Kristallisationspunkt herausarbeitet“, sagte die Freiburger Slawistik-Professorin Elisabeth Cheauré gestern. Sie verantwortet Konzeption und Einrichtung des Projekts – das laufend weiterentwickelt werden soll – zusammen mit ihrer Fach-Kollegin Regine Nohejl sowie Stadtbibliotheksleiterin Sigrid Münch.

Die vielfältige Geschichte des „literarischen Baden-Badens“ wird interaktiv über 16 Themenbereiche, in Schubladen, an riesigen, wie Bücher aufklappbaren Lesestationen, mittels Audio- und Videoeinspielungen ausgebreitet. „Im Grunde ist das Museum wie ein begehbares Buch mit Kapiteln, die man für sich entdecken kann“, sagte Cheauré. Und das Schöne sei, fügte Bibliotheksleiterin Münch hinzu: „Die Bücher sind auf alle Fälle auch zum Ausleihen da.“

Grundlage des neuartigen Museumskonzepts über „Baden-Baden im Spiegel der Weltliteratur“ ist der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Sonderforschungsbereich „Muße“. Das Phänomen der „Muße“ wurde in der 2016 angestoßenen Forschung aus verschiedenen Perspektiven interdisziplinär aufgearbeitet: Neben Geisteswissenschaftlern waren Psychologen, Geografen sogar Forstwissenschaftler beteiligt.

In der Stadtbibliothek Baden-Baden fanden die Freiburger Wissenschaftler ideale Voraussetzungen, ihre Erkenntnisse in ein veritables Museumskonzept zu gießen. Das sei ein Glücksfall gewesen, so Cheauré. Die engen „Dichterzimmer“ im Gartenhaus der 2010 sanierten Stadtbibliothek waren noch veraltet geblieben – und Baden-Badens literarische Fülle, an der illustre „Müßiggänger“ mitgewirkt haben, dort nie berücksichtigt worden. Das Gartenhaus mit den ehedem eingerichteten Gedenkräumen für Otto Flake und die Baden-Badener Autoren – Reinhold Schneider, Werner Bergengruen, Georg Groddeck und Franz Büchler – wurde ausgeräumt und fürs neue Museumskonzept entkernt.

Weltliteratur im Blickwinkel europäischer Großmächte

Jetzt ist eine großzügige Präsentation für die Literatur entstanden mit offen gelegtem Gebälk. Die historischen Räume stellen dabei vielfältige, vertiefende Zusammenhänge her; die Baden-Badener Dichter sind nun in die internationale Literatengemeinschaft eingebettet. Original-Objekte wie der Sessel aus dem Nachlass Flakes, Schneiders Kachelofen aus seiner Wohnung in Freiburg und auch die Büsten der Autoren illustrieren das Konzept und verorten es räumlich.

Ausgehend von seinem Kern im Gartenhaus und dem Lesecafé verschmilzt das Muße-Literaturmuseum mit der Bibliothek. Die russische Literatur ist in der entsprechenden Bücher-Abteilung „eine Welt für sich“, auch die Reiseliteratur findet sich noch an separaten Stationen. Das Spektrum der Themen reicht von großen Romanen, über Krimis, Liebesromane, Lesekultur und Herausgebergeschichten – seit der mittelalterlichen Badekultur bis in die Gegenwart. „In der Breite der Thematik schlagen wir jedes Literaturmuseum in der Bundesrepublik“, so Münch.

Dabei entwickelt sich die international geprägte Historie Baden-Badens und seiner illustren Gesellschaft im Blickwinkel europäischer Großmächte – seit der, scherzhaft, „Schwiegermutter Europas“ genannten badischen Erbprinzessin Amalie Ende des 18. Jahrhunderts, deren Töchter mit dem Zaren und dem schwedischen König verheiratet wurden, bis hin zur Neuordnung des badischen Flickenteppichs unter dem Machtanspruch Napoleons sowie den russischen Einflüssen nach dessen Verbannung. Die Politik im Hintergrund bildet den Spannungsbogen für die literarische Geschichte.

Mit all diesen ordnungspolitischen Kriegen und Einflüssen in Europa, die auf die deutschen Lande Einfluss nahmen, sind auch Migrationsgeschichten und Verwerfungen seit dem 19. Jahrhundert verbunden, in deren Folge viele Künstler und Literaten hierher kamen.

Trickreiche „Mäuseaffäre“ des Schiller-Urenkels

„Mein Zuhause fort, mein Zimmer fort... alles fort“, heißt es im Themenraum über die Hoffnungen und Aufbrüche Entwurzelter, die nach Baden-Baden kommen, wie Werner Bergengruen, der aus dem Baltikum stammte. Schillers Urenkel, der Publizist Alexander von Gleichen-Russwurm, bezog 1938 hier die Villa Menschikow; mittels einer trickreichen „Mäuseaffäre“ entledigte er sich der Ansprüche der französischen Besatzungsmacht nach 1945.

Schublade auf, Schublade zu. So enthüllt das Muße-Museum allerschönste, lustige, literarische und strategische Absichten, wie Hauptmanns Idee, in Baden-Baden schon vor 100 Jahren ein Konzerthaus zu initiieren, aber die unsicheren Zeiten und die Geldnot vereitelten die Pläne. Über „Die Schönen“ von Baden-Baden, die „in heiterster Gemütsverfassung“ anreisten, wird berichtet und über den Autor des erotischen Romans „Lady Chatterley“, D.H. Lawrence, der seit dem Erscheinen seines Skandalromans auf der Flucht eine neue Leidenschaft für Baden-Baden entwickelte. Um all das und noch viel mehr zu entdecken, braucht es Zeit.

Das neue „Muße“ will den Besuchern keinen kompakten Rundgang in einem Rutsch anraten, sondern Anreize zum Einlesen schaffen. Der Eintritt soll frei bleiben, damit die Literaturfans – und auch die Schulklassen – möglichst häufig wiederkommen. Nach der Muße-Forschung und der Museumseinrichtung wäre dann noch ein dritter Sonderforschungsbereich empfehlenswert: für einen Muße-Museumskatalog, der zum Standardwerk der Literaturgeschichte, nicht nur Baden-Badens, werden könnte. Am Sonntag wird das Muße-Museum mit einem Festakt um 11 Uhr in der Trinkhalle eröffnet, ab mittags kann es bis 18 Uhr besichtigt werden.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
9. Oktober 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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