Baden-Badener Fabergé-Sammler weist Plagiatsvorwurf zurück

Baden-Baden (cl) – „Kunstmarktquatsch“ nennt Alexander Iwanow, Inhaber des Baden-Badener Fabergé-Museums, im BT-Interview die Plagiatsvorwürfe, die gegen ihn und seine Fabergé-Sammlung erhoben werden.

Das Fabergé-Museum in der Baden-Badener Sophienstraße sieht sich mit Fälschungsvorwürfen konfrontiert. Im Zentrum der Vorwürfe steht das „Hochzeits-Ei“ Fabergés von 1904.  Foto: BT-Archiv

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Das Fabergé-Museum in der Baden-Badener Sophienstraße sieht sich mit Fälschungsvorwürfen konfrontiert. Im Zentrum der Vorwürfe steht das „Hochzeits-Ei“ Fabergés von 1904. Foto: BT-Archiv

Stehen die Eremitage in St. Petersburg und das Fabergé-Museum in Baden-Baden im Zentrum eines der größten Kunstfälscherskandale der Moderne? Das jedenfalls behauptet die FAZ und fordert den Direktor der Eremitage in St. Petersburg, Michail Pjotrowski, auf, den Fehler endlich einzuräumen. Die Fallhöhe für die Eremitage in St. Petersburg, als eines der renommiertesten kunsthistorischen Museen der Welt und Zentrum der Fabergé-Eier rund um den berühmen Hofjuwelier der Zarenfamilie, selbst ausgestattet mit einer hochkarätigen Fabergé-Sammlung, ist hoch.

Bei der im März zu Ende gegangenen, international bestückten Ausstellung „Fabergé – Juwelier des Zarenhofs“ anlässlich des 100. Todestags von Peter Carl Fabergé in St. Petersburg sind auch Fabergé-Eier aus der Sammlung von Alexander Iwanow, dem Gründer des Baden-Badener Fabergé-Museums in der Sophienstraße, präsentiert worden. Angefacht wurden die Fälschungsvorwürfe gegen den Kunstsammler Iwanow von einem in London lebenden russischen Kunsthändler namens Andre Ruzhnikov: Dieser stellt ins Zentrum seiner Plagiatsvorwürfe, das sich in Iwanows Eigentum befindliche „Hochzeits-Ei“ Fabergés mit den Porträts der Zarenfamilie von 1904 und eine Tiara (Diadem). Ruzhnikov sagt: Das Ei von 1904 sei deshalb eine Fälschung, weil „in den Jahren 1904/05 aufgrund des russisch-japanischen Kriegs von Fabergé keine kaiserlichen Ostergeschenke produziert“ worden seien, deswegen gebe es auch keine Hinweise auf in der Zeit entstandene Fabergé-Eier in den Archiven, betont der in London ansässige Galerist. Außerdem könnten die gemalten Porträts der Zarentöchter auf dem „Hochzeits-Ei“ nicht von 1903/04 sein, da die Fotografien von den Zarentöchtern, die als Vorlagen dienten, erst 1906 beziehungsweise 1907 entstanden seien. Denn die Mädchen, die auf den Porträts des Eis abgebildet sind, seien schon wesentlich älter als sie zur Entstehungszeit des „Hochzeits-Eis“ eigentlich waren. Die mutmaßlichen Plagiatsvorwürfe gegen den Baden-Badener Museumsgründer Iwanow gehen sogar so weit, dass auf der Homepage von Ruzhnikov Collection in London neben den vorgebrachten „Beweisen“ für diese Fälschungsvorwürfe eine Karikatur von Iwanow zu sehen ist, die ihn als habgierigen Gollum zeigt, der den Ring (hier: ein Fabergé-Ring aus der Baden-Badener Sammlung) hochhält.

Londoner Kunsthändler behauptet: „Hochzeits-Ei“ aus Baden-Baden sei nicht echt

Angesichts der Vorwürfe, die dann in den Medien weiterverbreitet wurden, ist es keinem gelungen, ein Interview mit Alexander Iwanow zu bekommen. Die Kulturredaktion des Badischen Tagblatts sei die erste und einzige, die ein Interview bekomme, sagt Kunstsammler Iwanow. „Dann ist die Geschichte auserzählt.“ Das BT ist somit die einzige Zeitung, die exklusiv über eine Stellungnahme von ihm zu den Vorwürfen berichtet.

Die Ausstellungsstücke sind aus der Eremitage in St. Petersburg wieder in Baden-Baden eingetroffen – und Iwanow erläutert anhand des „Hochzeits-Eis“, wieso sein Ei ein echtes Fabergé-Ei sei. Hinsichtlich des Datums 1904 sagt Iwanow: Seit 1885 fertigte Fabergé zu jedem Osterfest ein aufwändig gestaltetes Schmuck-Ei, als prachtvolles Geschenk für die Zarin. Die von Alexander III. beauftragte erste Kreation von Carl Fabergé begeisterte die Zarin über alle Maßen, so dass fortan an Karfreitag kunstfertige, übergroße goldene Fabergé-Eier mit einer Besonderheit im Inneren vom Zaren verschenkt wurden. Für jedes dieser an die Zarin und später auch an die Zaren-Mutter verschenkten Eier aus der Werkstatt Fabergés benötigte der Juwelier – von der Bestellung bis zur Produktion – nach Auskunft des Sammlers Alexander Iwanow ein Jahr.

„Porträts auf dem Ei zweimal ausgetauscht“

Also 1903 sei laut Iwanow an Ostern ein Ei ausgeliefert worden, und weil man auch 1903 schon wusste, wann 1904 Ostern sein würde, sei im Hinblick auf die einjährige Produktion, das nächste Ei 1903 bereits in Auftrag gegeben worden – und 1904 dann ausgeliefert worden. Die Rechnung hierüber befände sich in den russischen Staats-Archiven von St. Petersburg, samt eines Briefs, der die Echtheit des Eis bezeuge. Beides liege ihm vor, so Iwanow. Auch im St. Petersburger Ausstellungskatalog, der dem BT vorliegt, ist der Brief abgedruckt.

Das betreffende „Hochzeits-Ei“ wurde 1904 an Zarin Alexandra Fjodorowna ausgeliefert. Es zeigt die Familie und ist zum zehnjährigen Hochzeitstag mit zahlreichen, aufwendig gestalteten Details ausgestattet worden. Der Verschluss ist derart konstruiert, dass das Ei sogar wasserfest sei; das heißt, man habe in der Fabergé-Werkstatt die Wasserdichtigkeit geprüft. Das Innere des Eis ist wie ein Überraschungsei gestaltet, die herausnehmbare Miniatur darin stellt ein Blumenbouquet dar mit einem Henkel, an dem vier Schleifen für die vier Töchter, die das Zarenpaar bis 1904 hatte – und einem Marienkäferchen, das für die Hoffnung auf den ersehnten Thronfolger stehe, der auch tatsächlich im August 1904 auf die Welt kam. Gleichzeitig verweisen schwarze Blüten neben dem Marienkäferchen auf den 1894, kurz nach der Hochzeit, gestorbenen Vater des Zaren, Alexander III., hin.

Allein die Porträts von Zar Nikolaus II. und Alexandra Fjodorowna, einer Prinzessin von Hessen-Darmstadt, haben der Zarin nicht gefallen. Weshalb sie umgehend noch im Jahr 1904 den Auftrag an Fabergé erteilt habe, die Porträts neu zu malen. Auch dies sei im Archiv ersichtlich, ebenso eine Rechnung Fabergés von 1904 über 480 Gold-Rubel für den Austausch der beiden Porträts, führte Iwanow weiter aus. Damit sollte das „Hochzeits-Ei“ für die Zarenfamilie aber noch nicht perfekt sein. 1908 habe die Zarin Alexandra Fjodorowna dem Juwelier Fabergé einen weiteren diesbezüglichen Auftrag erteilt, die Porträts der inzwischen älter gewordenen Mädchen zu aktualisieren. Fabergé kam dem Auftrag nach und gestaltete die kleinen Großfürstinnen nach den Fotovorlagen des Hoffotografen von 1906/07. Diese Fotografien befänden sich heute im russischen Staatsarchiv. Die Porträts auf dem „Hochzeits-Ei“ seien folglich bis 1908 zweimal ausgetauscht worden, wofür es eine Dokumentation gebe. „Die Geschichte ist längst bekannt“, sagt Iwanow.

Auf der Grundlage dieser vermeintlichen Unregelmäßigkeit behauptet Ruzhnikov, etliche Fabergé-Leihgaben und Eier aus der Baden-Badener Sammlung Iwanows in der Ausstellung in St. Petersburg seien falsch. Iwanow erklärt seinerseits, dass der Galerist Ruzhnikov gar nicht befähigt sei, eine Expertise im Hinblick auf Fabergé-Werke zu erstellen, weil er lediglich ein Kunsthändler sei. Es gebe von ihm auch überhaupt keine kunsthistorischen Publikationen, die ihn als Experten in diesen Fragen ausweisen könnten. Im Gegensatz zu ihm selbst, wie der Fabergé-Museumsgründer in Baden-Baden ausführte – denn er sei Kunsthistoriker, habe verschiedene Publikationen zu Fabergé veröffentlicht und fünf Jahre im russischen Staatsarchiv über den berühmten Juwelier geforscht.

Bei seinen Anschuldigungen gehe es Ruzhnikov, so sagt Iwanow, vordergründig zunächst einmal nur darum, sich zu profilieren, und sich in Stellung zu bringen im Hinblick auf den saudi-arabischen Raum, wo beabsichtigt sei, ähnlich wie die Louvre-Dependance in Abu Dhabi, eine Fabergé-Dependance zu eröffnen. Darüber hinaus seien die Fälschungsvorwürfe „Kunstmarktquatsch“ und eine „Intrige“. Mit „Expertisen“ würde viel Geld verdient. Der Versicherungswert eines Fabergé-Eis liegt laut Iwanow bei rund 65 Millionen Euro derzeit.

Iwanow: Saphir-Tiara von Fabergé bei Christie's im Privatverkauf erworben

Im Hinblick auf einen Verkauf eines echten oder eines nur vermeintlich echten Fabergé-Kunstwerks, auch hier ist die Fallhöhe groß: zwischen gar nichts wert oder durchaus einem hohen zweistelligen Millionenbetrag.

Auf diese „Intrige“ sei auch der Wiesbadener Horst Becker angesprungen, der seine private „Forschungsstelle Fabergé Wiesbaden“ betreibt und Fabergés deutsche Exilgeschichte recherchierte. Der über 70-jährige, kranke Peter Carl Fabergé (geboren am 30. Mai 1846 in St. Petersburg, gestorben am 24. September 1920 in Pully bei Lausanne) hatte nach seiner Flucht vor den Bolschewiken von St. Petersburg über Riga in Richtung Schweiz auch zwei Jahre in Wiesbaden im Exil verbracht.

Die BT-Kulturredaktion hat Alexander Iwanow auch mit den Vorwürfen des Wiesbadeners Becker konfrontiert, der sich auf Ruzhnikov beziehend jetzt auch lautstark zu Wort meldet und enttäuscht zeigt. Becker wirft Iwanow vor, im Zusammenhang mit dem Gedenkgottesdienst zum 100. Todestag Carl Fabergés am 24. September 2020 in der berühmten russisch-orthodoxen Kirche auf dem Wiesbadener Neroberg, zu dem auch der Patriarch aus Berlin kam, eine falsche Ikone ausgeliefert zu haben. Becker sagt dem BT: „Ich bin furchtbar enttäuscht, dass uns eine Fälschung für diesen würdevollen Moment ausgeliehen wurde.“ Auch dabei bezieht er sich in seiner Argumentation auf den Londoner Kunsthändler Ruzhnikov. Von der neuen gestifteten Gedenktafel aus Anlass des Gottesdienstes sei das Werk bereits wieder entfernt worden, fügt Becker hinzu. Iwanow allerdings erklärt, die wertvolle Fabergé-Ikone des Heiligen Nikolaus aus dem Fabergé-Museum Baden-Baden sei echt; er selbst habe ihren Transport nach Wiesbaden zum Gottesdienst begleitet und sie nur für einen Tag ausgeliehen.

Iwanow sagt über Becker, dieser sei eigentlich ein Immobilienmakler und Hobbykunsthistoriker und könne gar nicht beurteilen, ob der Stempel eines Fabergé-Kunstwerks falsch oder richtig sei. Von Alexander Iwanow gibt es eine wissenschaftliche Publikation, einen Wälzer über Echtheitsstempel auf russischen Kunstwerken, die für das Russische Kulturministerium Referenzwert für die russische Kunstgeschichte hat.

Iwanow: Eremitage-Experten haben Objekte in Baden-Baden geprüft

In der Hintergrundrecherche des BT schildert Iwanow auch Praktiken des Kunstmarkts in Großbritannien, wo die großen Auktionshäuser ihren Sitz haben. Dort habe er bei einem Privatverkauf bei Christie‘s die von Ruzhnikov ebenfalls in ihrer Echtheit angezweifelte Tiara für lediglich 100.000 Euro mit vier echten Saphiren und Brillanten mit Rosenschliff erworben, und das, weil man bei Christie‘s den Kopfschmuck nicht als Fabergé-Werk erkannt habe, und es deshalb auch keinerlei entsprechende Expertisen dazu gegeben habe. Da er selbst aber Experte sei, habe er es als Fabergé-Werk erkannt.

Iwanow erklärte auch Kunstmarktmachenschaften, bei denen „Dealer“ versuchten, Diademe zu verdoppeln, in dem sie das Label des echten Fabergé-Werks auf eine minderwertige Kopie auftragen würden – um damit zwei Fabergé-Werke zu erhalten. Deshalb sei dem Auktionshaus aufgrund des fehlenden Stempels, die Fabergé-Herkunft der betreffenden Tiara entgangen. Da er selbst aber Zugriff auf Archive in Russland habe, und man dort besser nach Fabergé-Herkunftsnachweisen forschen könne als in Großbritannien oder in den USA, habe er die Tiara anhand von Bleistift-Vorzeichnungen aus der Fabergé-Werkstatt und Beschreibungen identifizieren können. „Ein Fabergé-Kunstwerk zu erwerben, ist immer eine große Ausgabe, da bereitet man sich vor“, sagt Iwanow.

Dass die Eremitage in St. Petersburg eine große Fabergé-Ausstellung vornimmt, ohne vorher die Exponate auf Herz und Nieren zu prüfen, sei abwegig. Iwanow sagt, bevor seine Exponate in St. Petersburg ausgestellt worden seien, habe es vonseiten des Petersburger Museums intensive technische und kunsthistorische Untersuchungen aller Objekte gegeben sowie Recherchen im Staatsarchiv. Experten aus der Eremitage seien auch für einige Tage in Baden-Baden gewesen.

Ob der Direktor der Eremitage, Michail Pjotrowski, nun einen Fehler einräumen wird oder nicht, ist also die große Frage. Hinsichtlich der Anschuldigungen aus dem Umfeld des russischen Kunsthändlers Ruzhnikov in London mutmaßt Iwanow, dass dahinter ein Kreis von Fabergé-Kennern steckt, die diesen in Person selbst nicht anerkennen würden, aber verstünden, ihn zu manipulieren. Es ist gut möglich, dass die Fälschungsvorwürfe und die Zurückweisung derselben von Gerichten entschieden werden müssen.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
18. April 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 30sec

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