Baden-Badener Geschäftsleute üben Kritik

Baden-Baden (nof) – Geschäftsleute aus Baden-Baden kritisieren die Antragsverfahren für Corona-Hilfen als zu kompliziert. Die Hoffnungen der Händler ruhen auf dem März.

Hürden der Bürokratie: Zum Ausfüllen des Antrags brauchen Geschäftsleute den Steuerberater.  Foto: Robert Michael/dpa

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Hürden der Bürokratie: Zum Ausfüllen des Antrags brauchen Geschäftsleute den Steuerberater. Foto: Robert Michael/dpa

Fitnessstudios, Einzelhändler oder Friseure: Sie alle sind von der Corona-Pandemie besonders hart getroffen. Seit Wochen müssen sie geschlossen bleiben. Und das schon zum zweiten Mal. Doch die von der Politik versprochenen Corona-Hilfen für Unternehmen und Dienstleister sind vor allem eines: sehr kompliziert zu beantragen. Das ergibt eine BT-Umfrage unter Geschäftsleuten.

Und manch ein Antragsteller wartet auch noch auf die finanzielle Unterstützung. „Geklappt, wenn auch spät“, hat es bei Annemarie Staib. „Zuerst gab es eine kleine Abschlagszahlung, vor rund einer Woche kam dann die zweite Tranche der Novemberhilfe“, sagt die Geschäftsführerin des „Dr. Bienzle Gesundheitsclubs“. Die Hälfte der beantragten Summe sei ausbezahlt worden: „Die Politik verspricht viel, hinterher gibt es aber immer Abstriche. Doch beklagen möchte ich mich nicht“, sagt die Chefin des Sinzheimer Sportstudios: „Ich bin froh, dass wir überhaupt etwas bekommen.“ Der Fitnessbereich ist coronabedingt geschlossen, „Physiotherapie dürfen wir anbieten.“

Das Antragsverfahren für die Überbrückungsgelder sei „sehr kompliziert. Selbst für den Steuerberater“, kritisiert Annemarie Staib: „Was darf man abziehen, was nicht, wo ist vielleicht ein Gewinn erzielt worden?“ Und wer nur auf die staatlichen Finanz-Hilfen zurückgreifen könne, für den sehe es düster aus. Die Fitnessbranche sieht sie arg gebeutelt. Ein Großteil ihrer Mitarbeiter sei seit März 2020 in Kurzarbeit. „Und nun fallen die für uns wichtigsten Monate Januar und Februar weg“, sagt Staib.

Rund 15 Prozent der aktiven Mitglieder fehlten, auch wenn es nun nahezu keine Kündigungen mehr gebe. „Neue Mitglieder können wir derzeit jedenfalls nicht hinzugewinnen.“ Staibs Hoffnung: Eine Öffnung am 1. März. Für realistischer hält sie mit Blick auf die Infektionszahlen aber „einen Zeitpunkt nach Ostern“. Doch das bedeute nicht das Ende der Probleme: „Die sind nur verschoben: Die Mitglieder, die ihre Beiträge bezahlt haben, müssen dann ja für die Zeit der Schließung als Entschädigung beitragsfrei gestellt werden“, erklärt Staib.

Dickicht an Regelungen im Kleingedruckten

„Die Hilfen sind beantragt, doch auf dem Konto ist noch kein Cent eingegangen“, sagt Frank Scheyder, Inhaber des gleichnamigen Herrenmodengeschäfts in der Gernsbacher Straße. Anfang Januar habe sein Steuerberater die Überbrückungsgelder II für November und Dezember beantragt. „Man selbst kann das ja gar nicht.“ Nun heißt es abwarten. Ihn ärgere das Dickicht an Regelungen im Kleingedruckten, zum Beispiel der Passus, dass die Hilfen nur als „Beitrag zu den ungedeckten Fixkosten eines Unternehmens“ gelten sollen. „Das wird noch ein Riesen-Drama“, prognostiziert Scheyder. Ohnehin werden viele Betriebe mit der Frage von Insolvenz oder Schließung konfrontiert: „Man muss sich die Frage stellen: Wann macht es keinen Sinn mehr?“ Er habe nun noch mal einen Kredit beantragt. „Das scheint auch zu klappen. Aber das ist Geld, das man irgendwann wieder zurückzahlen muss. Auch er glaubt: „Das Problem wird in die Zukunft verschoben.“

Dass das Prozedere für die staatlichen Hilfen nach viel Kritik nun erheblich vereinfacht werden solle, begrüßt Scheyder: Gerade weil Mode ja kurzlebigen Trends unterliege, sei die nun geplante Möglichkeit zur Abschreibung bei den Fixkosten auf saisonale Ware ein Schritt in die richtige Richtung: „Die Lösung ist das aber nicht.“ Die sieht Scheyder vielmehr in einer Wiedereröffnung der Geschäfte. Den Februar könne man noch aussparen. „Das ist in meiner Branche kein Riesenmonat“, sagt Scheyder mit Blick auf die in Normalzeiten zu erwartenden Umsätze. „Aber der März ist sehr wichtig. Da läuft das Frühjahrsgeschäft“, macht der Herrenausstatter deutlich.

Das sieht auch Felix Kaiser so, der in der Innenstadt die beiden Lederwarengeschäfte „Inka“ und „No. 8“ betreibt. Zu öffnen, wenn ohnehin keiner komme, sei teurer als das Geschäft geschlossen zu halten. Die Anträge für die Corona-Hilfen „sind in Arbeit: beim Steuerberater“. Die Soforthilfe beim ersten Lockdown „haben wir sehr schnell erhalten“. Dass das Verfahren nun viel aufwendiger ist, „hängt wohl damit zusammen, dass es damals viele Betrugsversuche gab“, vermutet Kaiser.

„Schwierig, wenn man nicht weiß, was kommt“

Die Berechnungsgrundlagen akzeptiert er, auch wenn sie manches Mal nicht schlüssig erscheinen mögen: Im Dezember habe er ein paar Euro „zu viel“ Umsatz gehabt, deswegen fielen die Hilfen wohl deutlich niedriger aus, berichtet Kaiser: „Aber irgendwie muss das Ganze ja berechnet werden. Und ein Verlust bleibt immer.“ Er blickt nach vorne: März, April, Mai seien die starken Monate – „aber nur, wenn die Kultureinrichtungen, Hotels und Restaurants bis dahin wieder geöffnet sind und Touristen in die Stadt kommen können“. Darauf setzt Kaiser, der sich nun schon mit der Bestellung der Herbst- und Winterware beschäftigen muss. „Schwierig, wenn man nicht weiß, was kommt.“

Vor Hürden der Bürokratie steht auch Katharina Vaccaro, die den Friseursalon „Kathi’s Haarwerk“ in Oosscheuern führt. „Die Antragsstellung ist viel komplizierter als im vergangenen Frühjahr“, stellt sie fest. Sie übergebe das Bürokratische nun ihrem Steuerberater und hofft auf baldige Hilfe. „Aber es ist, wie es ist“, sagt die selbstständige Friseurmeisterin: „Ich bin froh, dass wenigstens mein Mann im Moment Geld verdient.“ Ihr Wunsch? „Die Möglichkeit, bald wieder öffnen zu können.“ Vor Mitte März rechne sie nicht damit. „Doch jeder Tag früher wäre elementar wichtig für uns.“

Das dicke Ende

BT-Redakteur Nico Fricke kommentiert: Wohlgemerkt: Die Umfrage unter Geschäftsleuten in der Region zu den Corona-Hilfen ist nicht repräsentativ. Doch die Aussagen der von der Schließung ihrer Dienstleistungsunternehmen und Geschäfte betroffenen Unternehmer überlappen sich und zeichnen darin ein düsteres Stimmungsbild: Das dicke Ende kommt erst noch, prognostizieren sie. Die staatlichen Hilfen für die ausgefallenen Monate sind demnach mehr ein Pflaster denn ein Heilmittel. Verlorene Umsätze können damit nicht kompensiert werden. Und ein verpasstes Geschäft lässt sich auch nicht nachholen: Nicht im Fitnessbereich, wo die Jahresanfangsmonate getragen von den guten Vorsätzen traditionell die stärksten zwölf Wochen des Jahres sind, nicht im Modehandel, wo das Weihnachtsgeschäft flachfiel und nun auch der Winterschlussverkauf allenfalls per Abhol- oder Lieferservice (Click & Collect) mehr schlecht als recht über die Bühne gebracht werden kann. Und auch nicht im Friseurhandwerk: Es geht ja nach dem Lockdown niemand zweimal zum Haareschneiden, weil man einen Schnitt hat ausfallen lassen müssen. Mit Krediten und dem Rückgriff auf die Altersvorsorge halten sich nun viele Geschäftsleute über Wasser. Doch ewig lässt sich so nicht schwimmen. Den Februar haben die von den Lockdown-Schließungen Betroffenen nun auch schon abgehakt. Aber sie alle sind sich einig: Spätestens der März muss wieder Perspektiven bieten, mit Frühlingserwachen muss es auch wieder Öffnungsstrategien geben. Das ist wohl die letzte Chance, damit das Ende nicht ganz so dick daherkommt.

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Erstellt:
21. Januar 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
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