Baden-Badener Kutschbetrieb steht vor dem Aus

Baden-Baden (nof) – Die Betreiberin des Baden-Badener Kutschbetriebs Sabrina Möller ist für den Erhalt der Kutschfahren auf Unterstützung angewiesen. OB Margret Mergen will sich dafür starkmachen.

Es ist ungewiss, ob jemals wieder Kutschen durch die Lichtentaler Allee fahren. Foto: Monika Zeindler-Efler/Archiv

© Monika Zeindler-Efler

Es ist ungewiss, ob jemals wieder Kutschen durch die Lichtentaler Allee fahren. Foto: Monika Zeindler-Efler/Archiv

Sie gehören in die Lichtentaler Allee wie die Baumexoten und die Blumenpracht: Die edlen Kutschengespanne, die dort mit Kurstadt-Besuchern ihre Runden drehen. Doch mit dem gewohnten Hufgetrappel und dem Fotomotiv schlechthin könnte bald Schluss sein. Seit Oktober herrscht coronabedingter Stillstand, sagt Betreiberin Sabrina Möller, „die Kosten laufen weiter“.

„Ich kann nicht einfach runterfahren. Die Pferde müssen versorgt und trainiert werden, genau wie im laufenden Betrieb.“ Vergangenes Jahr habe schon einen ordentlichen Schlag ins Kontor bedeutet, als mit der Corona-Pandemie über viele Monate keine Gäste kutschiert werden durften. „Der Sommer lief zwar dann mit den vor allem deutschen Besuchern deutlich besser als erwartet“, doch der zweite Lockdown von Herbst bis jetzt und ohne Hoffnung auf eine baldige Wiederaufnahme des Kutschbetriebs habe alle Planungen zunichtegemacht.

Betrieb arbeitet ohne Gewinn

Sehr dankbar ist Möller den Spendern, „die uns mit zum Teil sehr großen Summen über den Winter gerettet haben“. Auch staatliche Überbrückungsgelder habe sie bekommen, „die aber bei Weitem nicht die Kosten decken“, so Möller, die den Kutschbetrieb in der Kurstadt seit 2015 führt. Seither arbeite sie „ohne Gewinn“, macht sie keinen Hehl daraus, dass die betriebswirtschaftliche Situation auch in normalen Jahren schwierig sei. Doch wolle sie gewisse Standards halten: „Die Kutschen müssen topgepflegt dastehen und das Wohl der Tiere steht natürlich im Vordergrund“, sagt sie. „Klapprige Kutschen und ausgemergelte Pferde wären kein gutes Aushängeschild für die Stadt.“

Und die hat sich den traditionellen Kutschbetrieb in den Jahren 2019, 2020 und 2021 auch schon einiges kosten lassen. Mit einem Zuschuss von 50.000 Euro jährlich hat sie Möller und ihrem Team kräftig unter die Arme gegriffen. „Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Möller und fügt an – „ohne diese Unterstützung kann ich nicht weitermachen“. Anders gesagt: „Bekomme ich für 2022 keine Hilfe mehr, muss ich jetzt schon damit beginnen, den Verkauf der Pferde in die Wege zu leiten.“ Durch den Sommer käme sie noch, „wenn der Kutschbetrieb wieder aufgenommen werden kann. Aber den Winter schaffen wir nicht mehr“, schaut Möller in eine düstere Zukunft. Schon seit fünf Jahren verdiene sie mit dem Kutschbetrieb „kein Geld“, zahle selbst nur einen minimalen Beitrag für ihre Rente ein. „Das kann ich gegenüber der Familie irgendwann nicht mehr verantworten“, sagt die Mutter eines siebenjährigen Sohnes. Sollte es hart auf hart kommen, bliebe für sie als gelernte Verwaltungsfachangestellte nur der Weg zurück ins Büro, und die Reiterei allenfalls „noch ein Hobby“.

OB Mergen will Zuschüsse fortsetzen

Oberbürgermeisterin Margret Mergen weiß um die Probleme des Kutschbetriebs, „der uns sehr, sehr wichtig ist“. Sie sei sehr froh gewesen, als Sabrina Möller den Betrieb 2015 vom Vorgänger übernommen habe. „Schon damals habe ich befürchtet, dass die Kutschen-Tradition endet.“ Soweit soll es aber auch jetzt in Pandemie-Zeiten nicht kommen, sagt die OB. „Ich werde mich dafür einsetzen, dass der städtische Zuschuss auch weiterhin bezahlt wird.“ Eine Erhöhung der Unterstützung sei jedoch ausgeschlossen. Entscheiden müsse darüber aber der Gemeinderat.

Stadtverwaltung und Baden-Baden Kur- und Tourismus GmbH (BBT) versuchten immer wieder, den Kutschbetrieb zu unterstützen. „Frau Möller betreibt diesen mit viel Herzblut“, so Mergen. Doch für einen rentablen Betrieb müsse auch die Kostenstruktur im Auge behalten werden, rät sie. „Vielleicht müsste das Angebot etwas runtergeschraubt werden. Eine Kutsche weniger und Fahrten nur nachmittags und am Wochenende würde zum Beispiel Kosten sparen.“

Mergen hofft darauf, dass auch der seit geraumer Zeit geplante Förderverein zum Tragen kommen kann. „Das Finanzamt ist da sehr streng und prüft das gerade.“

Sabrina Möller weiß nicht, wann sie die Pferde wieder vor die Kutsche spannen und Gäste befördern darf. Als „Freizeiteinrichtung“ dürfen wir nach dem Lockdown wohl als letzte wieder öffnen, befürchtet sie: „Draußen scheint die Sonne, eigentlich wären wir jetzt schon unterwegs“, sagt Möller.

Stadt ohne Kutschen: Kaum vorstellbar

BT-Redakteur Nico Fricke kommentiert: „Die Corona-Pandemie ist sicher der schlechteste aller Zeitpunkte, um Wünsche zu äußern, welche Schmankerl sich die Stadt Baden-Baden in Zukunft noch leisten soll. Doch in Sachen Kutschbetrieb drängt offenbar eine Entscheidung, denn Betreiberin Sabrina Möller steht eigenen Angaben zufolge kurz vor der Aufgabe. Ohne die Zusage für eine weitere finanzielle Unterstützung durch die Stadt auch für das kommende Jahr, müsse sie jetzt die „Reißleine ziehen“. Über den nächsten Winter schaffe sie es nicht mehr.

Dass nicht allein die mittlerweile fünfmonatige Corona-Zwangspause für die finanzielle Schieflage des Betriebs verantwortlich ist, sondern dieser schon seit 2019 auf städtische Zuschüsse angewiesen ist, um halbwegs über die Runden zu kommen, muss bei der Suche nach einer Lösung berücksichtigt werden. Aber eine Lösung muss her. Die „Sommerhauptstadt Europas“ dauerhaft ohne Kutschen und Pferde in der Lichtentaler Allee? Für Einheimische kaum vorstellbar. Und auch den Touristen, deren Rückkehr in die Kurstadt man doch so sehnlichst herbeisehnt, ginge eine ganz besondere und weithin bekannte Attraktion verloren. Der Image-Verlust für die Stadt – möglicherweise kurz vor der Ernennung zum Weltkulturerbe – wäre immens. Doch ein Fass ohne Boden kann der Steuerzahler auch nicht füllen. Eine Überarbeitung des Businessplans, die externe Suche nach Stellschrauben, die die Kutscherei vielleicht effizienter machen, einen dauerhaften, gedeckelten städtischen Zuschuss, eine Verwandlung in einen mit Spenden finanzierten Verein – oder gar die Umwandlung in einen städtischen Eigenbetrieb? Wirklich alle Möglichkeiten sollten ausgelotet werden, ehe die Baden-Badener den wohl unwiederbringlichen Verlust der edlen Pferde-Gespanne aus ihrem Stadtbild erleben müssen.“

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Erstellt:
27. März 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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