Baden-Badener Pfadfinderprozess: Verteidiger will in Revision

Baden-Baden (nof) – Das Urteil des Landgerichts Baden-Baden im „Pfadfinderprozess“ wird zunächst nicht rechtskräftig. Der Verteidiger des Angeklagten kündigte Rechtsmittel an.

Verteidiger Andreas Kniep (rechts) kündigt einen Antrag auf Revision an. Foto: Sönke Möhl/dpa

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Verteidiger Andreas Kniep (rechts) kündigt einen Antrag auf Revision an. Foto: Sönke Möhl/dpa

„Wir werden auf jeden Fall einen Revisionsantrag stellen“, sagte Rechtsanwalt Andreas Kniep am Montagmorgen auf Anfrage des Badischen Tagblatts. Dann wird der Fall beim Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe landen, der darüber befinden muss, ob der Antrag zugelassen wird und ob das Urteil des Landgerichts Baden-Baden tatsächlich Rechtsfehler aufweist. Sollte der BGH zu diesem Schluss kommen, wird der Fall an eine andere Strafkammer des Landgerichts Baden-Baden zur erneuten Verhandlung zurückverwiesen. Doch das ist ein langer Werdegang, der wohl noch viel Zeit in Anspruch nimmt. Zunächst müsse er bei Gericht formal Revision einlegen, erläuterte Kniep den weiteren Ablauf. Dann werde die schriftliche Urteilsbegründung des Gerichts abgewartet, wofür es sechs Wochen Zeit habe. Nach Zustellung der Urteilsbegründung habe der Verteidiger wiederum einen Monat Zeit, um die Revision beim BGH zu begründen.

Fall landet beim Bundesgerichtshof

Die Zweite Große Strafkammer des Landgerichts Baden-Baden hatte den ehemaligen Leiter einer Pfadfindergruppe am 29. Dezember wegen Anstiftung zur Vergewaltigung zu drei Jahren Haft verurteilt. Eine „Vielzahl von Facetten“ hätte sich innerhalb der neuntägigen Verhandlung aufgetan, machte der Vorsitzende Richter Wolfgang Fischer in seinem Urteilsspruch deutlich, dass es sich um einen „ungewöhnlichen Fall“ gehandelt hatte. Vor allem auch, weil die Tat mehr als 30 Jahre zurückliegt. In den 1980er Jahren soll der heute 64-jährige Rentner als Teamleiter einige männliche Mitglieder seiner Pfadfindergruppe dazu angestiftet haben, ein zur Tatzeit zwischen sieben und elf Jahre altes Mädchen, ebenfalls Mitglied der Gruppe, zu vergewaltigen. Die Jungen sollen das kleine Mädchen in den Räumlichkeiten der Pfadfinder in der Baden-Badener Scheibenstraße an einen Tisch gebunden haben und nacheinander in sie eingedrungen sein.

Landgericht sah „Klima sexueller Übergriffigkeit“

Das Gericht kam zu dem Schluss, dass das Erlebnis der heute 44-jährigen Frau, die als Nebenklägerin auftrat, real war. Nach Einschätzung der Zweiten Großen Strafkammer hat der Verurteilte in einem „Klima sexueller Übergriffigkeit“ gehandelt.

Verteidiger Kniep hatte das Ergebnis eines von ihm beantragten Glaubwürdigkeitsgutachtens eines psychiatrischen Sachverständigen in Zweifel gezogen. Das Gericht hingegen zweifelte „in keiner Weise“ an den Ausführungen des psychiatrischen Sachverständigen, der keinerlei Einschränkungen der Gedächtnis- und Erinnerungsfunktionen des Opfers attestierte.

Der Prozess war in weiten Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt worden – zum Schutz des Opfers. Auch die Plädoyers wurden hinter verschlossenen Türen gehalten. Im Zuge der Ermittlungen waren zahlreiche weitere Missbrauchstaten an Kindern und Jugendlichen zu Tage getreten, die wegen Verjährung aber nicht mehr geahndet werden konnten. Allerdings wurden „Überprüfungen zu möglicherweise strafrechtlich relevanten Sachverhalten, die im Rahmen von Zeugenaussagen in dem anhängigen Strafverfahren zutage getreten sind“, eingeleitet, teilte die Staatsanwaltschaft kürzlich auf Anfrage mit. Ob sich hierdurch Anhaltspunkte für noch nicht verjährte Taten ergeben, werde sich zeigen. „Im Pfadfinderprozess hat die Staatsanwaltschaft keine Revision eingelegt und beabsichtigt dies auch nicht zu tun“, teilte Pressesprecher Michael Klose am Montag auf Anfrage mit.

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Erstellt:
4. Januar 2021, 14:33 Uhr
Aktualisiert:
4. Januar 2021, 15:55 Uhr
Lesedauer:
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