Baden-Badener „Pfadfinderprozess“ auf Zielgeraden

Baden-Baden (nof) – Der spektakuläre „Pfadfinderprozess“ steuert auf sein Ende zu. Am 29. Dezember könnten die Plädoyers gehalten werden.

Im Pfadfinderprozess könnte noch dieses Jahr ein Urteil gefällt werden.  Foto: Nico Fricke

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Im Pfadfinderprozess könnte noch dieses Jahr ein Urteil gefällt werden. Foto: Nico Fricke

Es dürfte ein, wenn nicht das entscheidende Mosaiksteinchen bei der Frage nach Verurteilung oder Freispruch im „Pfadfinderprozess“ sein: das Gutachten, das die Glaubwürdigkeit der Frau einschätzen soll, die den spektakulären Prozess vor dem Landgericht Baden-Baden mit ihrer Anzeige ins Rollen gebracht hat. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die heute 44-Jährige in ihrer Kindheit auf Anordnung des nun Angeklagten von einer Gruppe junger Pfadfinder vergewaltigt worden ist. Mehr als 30 Jahre liegt der Fall zurück, der erst vor knapp zwei Jahren zur Anzeige gebracht wurde und polizeiliche Ermittlungen in Gang gesetzt hat. Im Rahmen einer Traumatherapie soll sich die Frau an die Tat im Keller der Pfadfinderräumlichkeiten in der Baden-Badener Scheibenstraße erinnert haben. Mögliche Tatausführende blieben im Dunkeln, nicht aber die Erinnerung an die Anstiftung zur Vergewaltigung durch den damaligen Leiter der Pfadfindergruppe, einem heute 64-jährigen Rentner. Dessen Verteidiger zweifelte naturgemäß die Glaubwürdigkeit der Aussage der als Nebenklägerin auftretenden Frau an. Ein Gutachten sollte nun Aufschluss geben.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Am achten Verhandlungstag trug der psychiatrische Sachverständige, Dr. Peter Winckler aus Tübingen, über mehrere Stunden seine Ergebnisse vor – allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit, so wie es die Vertreterin der Nebenklage beantragt hatte. Der Verteidiger des Angeklagten hätte die Öffentlichkeit lieber zugelassen. Doch die Zweite Große Strafkammer unter Vorsitz von Wolfgang Fischer folgte dem Antrag der Nebenklagevertreterin. So wurde über den Inhalt des Gutachtens nichts bekannt.

Der spektakuläre Prozess, der auch bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat, neigt sich nun seinem Ende zu. Ein weiterer Verhandlungstermin ist für den 29. Dezember, 9 Uhr, anberaumt. Dann sollen noch zwei Zeugen gehört werden. Auch die Plädoyers könnten – je nach weiterem Prozessverlauf – an diesem Tag gehalten werden. Auch dies könnte wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen. Das Urteil wird allerdings noch nicht erwartet. Dafür wird die Kammer wohl einen weiteren Termin bestimmen.

Staatsanwaltschaft überprüft weitere Vorwürfe

Der Ende September begonnene Prozess hatte auch deshalb für viel Aufsehen gesorgt, weil zahlreiche Zeugen dem Angeklagten sexuelle Übergriffe in ihrer Kindheit und Jugend in den 80er und 90er Jahren vorgeworfen haben, als sie selbst bei den Pfadfindern aktiv waren. Doch all diese Tatvorwürfe standen nicht zur Anklage oder waren bereits verjährt.

Wie die Staatsanwaltschaft Baden-Baden auf Anfrage mitteilt, „konnten weitere Tatbeteiligte zu der Tat, die Gegenstand des beim Landgericht Baden-Baden anhängigen Strafverfahrens sind, bislang nicht identifiziert werden“. Allerdings wurden „Überprüfungen zu möglicherweise strafrechtlich relevanten Sachverhalten, die im Rahmen von Zeugenaussagen in dem anhängigen Strafverfahren zutage getreten sind“, eingeleitet. „Ob sich hierdurch Anhaltspunkte für noch nicht verjährte Taten ergeben, wird sich zeigen“, so die Information der Strafverfolgungsbehörde.

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Erstellt:
10. Dezember 2020, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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