Baden-Badener Rotenbachsee als Blütenmeer?

Baden-Baden (sre) – Der Rotenbachsee in Baden-Baden verlandet langsam, das Ausbaggern wäre teuer. Ein Baden-Badener Biologe hält diese Variante für Geldverschwendung und hat eine andere Idee.

•Nicht gegen die Natur arbeiten, sondern mit ihr: Jochen A. Pfisterer zeigt, dass sich am Rotenbachsee bereits ein Niederungsmoor mit Schilfrohr und Brunnenkresse entwickelt. Foto: Sarah Reith

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•Nicht gegen die Natur arbeiten, sondern mit ihr: Jochen A. Pfisterer zeigt, dass sich am Rotenbachsee bereits ein Niederungsmoor mit Schilfrohr und Brunnenkresse entwickelt. Foto: Sarah Reith

Mindestens 100.000 Euro soll das Ausbaggern des verschlammten Rotenbachsees laut Stadtverwaltung kosten, allein das Gutachten zur Planung der Arbeiten schlägt mit 20.000 Euro zu Buche. Die enorme Summe sorgt für Unverständnis beim Baden-Badener Biologen Jochen A. Pfisterer. Er hält das für Geldverschwendung und macht einen Gegenvorschlag, der seiner Meinung nach für wenige 100 Euro zu haben wäre.

Noch vor wenigen Wochen war von dem Gewässer im Herz der großen Parkanlage im Rotenbachtal nicht viel übrig: Dort, wo einmal die Wasserfläche war, waren fast nur noch Schlamm und Gesteinsteilchen zu sehen. Derzeit ist durch stärkere Regenfälle zwar wieder etwas mehr Wasser im See, doch das Grundproblem bleibt: Der Rotenbach, der durch den See hindurchfließt, hat im Lauf der Jahre viel Sediment mitgebracht. Das hat sich abgesetzt, der See verlandet langsam. Und: Man kann den Bereich nicht einfach ausbaggern, weil die Entsorgung des Schlamms dem Abfallrecht unterliegt und sich kompliziert gestaltet.

Die Verwaltung will deshalb von einem externen Ingenieurbüro ein Konzept erarbeiten lassen, wie man in diesem Fall genau vorgehen könnte. 20.000 Euro sind allein für diese Planungsaufgabe im noch nicht beschlossenen Haushalt vorgesehen. Und diese Summe ist erst der Anfang. Den See wieder herzustellen, wird nach Schätzung von Gartenamtschef Markus Brunsing auf jeden Fall einen sechsstelligen Betrag kosten.

Niederungsmoor entwickelt sich schon

Biologe Pfisterer sieht das kritisch. „Das ist eine Methode, um zu rekonstruieren, was einmal war“, macht er klar. Statt gegen die Natur zu arbeiten und den künstlichen See mit großem Aufwand wieder herzustellen, könne man auch den natürlichen Prozess begleiten. Er schlägt vor, den Bereich einfach passend zu bepflanzen.

Blühende Vielfalt: Unter anderem Sumpfdotterblume, Wasser-Knöterich und Sumpf-Schwertlilie (von links) würden sich laut dem Biologen Jochen A. Pfisterer im Rotenbachsee wohlfühlen. Fotos: Karl-Josef Hildenbrand, dpa/Lars Johansson, stock.adobe.com/Felix Kästle, dpa

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Blühende Vielfalt: Unter anderem Sumpfdotterblume, Wasser-Knöterich und Sumpf-Schwertlilie (von links) würden sich laut dem Biologen Jochen A. Pfisterer im Rotenbachsee wohlfühlen. Fotos: Karl-Josef Hildenbrand, dpa/Lars Johansson, stock.adobe.com/Felix Kästle, dpa

Da gebe es verschiedene Möglichkeiten: Die Fläche könne als Blütenmeer gestaltet werden oder als Niederungsmoor. Für beide Varianten gebe es eine Vielfalt attraktiver Pflanzen, die sich in Sumpfbiotopen wohlfühlten. An heimischen Blütenstauden nennt Pfisterer unter anderem den Wasser-Knöterich, die Sumpf-Schwertlilie, die Sumpfdotterblume und auch die Brunnenkresse. Im Tiefwasserbereich könnten Teichrosen gedeihen. Ebenfalls denkbar sei die Ergänzung durch exotische Zierstauden – schließlich habe man mit den Blüten-Hartriegeln in der Umgebung ebenfalls nicht auf heimische Arten gesetzt. Die Natur gebe ihm recht, meint Pfisterer: „Das Niederungsmoor hat schon begonnen, sich zu etablieren. Schilfrohr und Brunnenkresse haben sich bereits angesiedelt.“

Eine Bepflanzung könnte vom Gartenamt selbst umgesetzt werden, ist Pfisterer überzeugt. Und auch der modrige Geruch des Gewässers im Sommer lasse sich so in den Griff bekommen: Er werde von Algen verursacht. Diese könne man bei Bedarf einmalig mit einem Kescher abschöpfen, danach sorge die Bepflanzung dafür, dass für die Algen weniger Nahrung vorhanden sei. Auch eine kleine Umlenkung des Rotenbachs könne helfen: Dann würde dieser mitten durchs Gewässer hindurch und nicht am Rand entlang fließen.

Gartenamtschef will Vorschlag prüfen

Gartenamtschef Markus Brunsing findet diesen Vorschlag „interessant und überlegenswert“. Er selbst würde dennoch lieber die Wasserfläche wieder herstellen, wie er auf Nachfrage betont. Das entspreche auch dem Wunsch vieler Bürger. Die Idee Pfisterers werde man aber ebenfalls prüfen lassen. Auch sie gäbe es allerdings nicht zum Nulltarif, zudem müsse geklärt werden, ob das dauerhaft funktionieren könne. Eine erste Prüfung der Situation vor Ort sei mittlerweile in Auftrag gegeben.

Unterstützung aus dem Gemeinderat

Auch an mehrere Stadträte hat sich der Biologe Jochen A. Pfisterer mit seiner Idee zur Bepflanzung des Rotenbachsees gewendet. Rückmeldung hat er bereits von Rainer Lauerhaß (FW) bekommen, der selbst Gärtnermeister ist. Dieser findet den Vorschlag „wirtschaftlich und logisch“, wie er auf Nachfrage betont, und möchte sich dafür auch im Gemeinderat stark machen. Pfisterer ist vielen in der Stadt bekannt: Er hat einst beim Baden-Badener Gartenamt eine Lehre als Gärtner gemacht, nach seinem Studium hat er am Richard-Wagner-Gymnasium unter anderem Biologie unterrichtet. Parallel hat er stets wissenschaftlich gearbeitet und etliche Bücher veröffentlicht. Zudem war er als Sachverständiger für Baumbiologie und Baumpflege tätig.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sarah Reith

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Erstellt:
9. Mai 2022, 19:00 Uhr
Lesedauer:
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