Baden-Badener Stipendiatin für Buchpreis nominiert

Baden-Baden/Frankfurt (sr) – Die Entscheidung fällt am 12. Oktober in Frankfurt: Dort wird zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse darüber entschieden, ob Deniz Ohde den wichtigsten Buchpreis erhält.

Die 32-jährige Schriftstellerin Deniz Ohde verbringt seit 1. Oktober die kommenden sechs Monate in Baden-Baden als Baldreit-Stipendiatin der Stadt. Foto: Suhrkamp Verlag/dpa

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Die 32-jährige Schriftstellerin Deniz Ohde verbringt seit 1. Oktober die kommenden sechs Monate in Baden-Baden als Baldreit-Stipendiatin der Stadt. Foto: Suhrkamp Verlag/dpa

Sie ist bereits eingezogen in die Atelierwohnung im Schatten der Stiftskirche und staunt über den Kontrast: Die Atmosphäre in der Baden-Badener Altstadt ist in allen Punkten das Gegenteil von dem, was sie in ihrem Erfolgsbuch „Streulicht“ immer nur als „den Ort“ bezeichnet: Jener Ort ist leicht als Stadtteil ihrer Geburtsstadt Frankfurt zu erkennen – Fluglärm, der Geruch einer Müllverbrennungsanlage und die Nähe eines Industrieparks prägen ihn. „Streulicht“ steht neben fünf anderen Romanen auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis, der am Montag zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im dortigen Kaisersaal verliehen wird. Der Preis honoriert nichts weniger als den „Roman des Jahres“.

Der zweite Roman soll in Baden-Baden geschrieben werden

Für das Baden-Badener Baldreit-Stipendium hatte sich Deniz Ohde (32) Ende 2019 mit den Skizzen für ihren zweiten Roman beworben. Sie hofft, dass sie jetzt während der kommenden sechs Monate an der Oos diesen Roman schreiben kann. Darin erwägt eine Figur den Eintritt ins Kloster – Deniz Ohde könnte dafür gleich vor Ort im Kloster Lichtenthal recherchieren.

„Streulicht“ war ihr erster größerer Text, der Suhrkamp Verlag hat ihn in sein Programm aufgenommen und druckt bereits die vierte Auflage. „Das hat mich überrascht“, sagt Deniz Ohde im BT-Gespräch, es ist eine große Freude und eine Bestätigung für sie. In dem Buch schildert sie die Rückkehr einer jungen Frau in ihre Frankfurter Arbeiterfamilie. Anlass ist die Hochzeit der beiden engsten Freunde aus der Jugendzeit. In Rückblenden schildert sie mit dem unbestechlichen Blick des oft übersehenen Kindes Szenen ihres Erwachsenwerdens und eines beschwerlichen Bildungsweges, der glücklich mit einem akademischen Grad endet, aber keineswegs im Triumph.

Schwieriger Bildungsweg

Die „Gefühle des Scheiterns verselbstständigen sich bei der Hauptfigur, sie ist viel trauriger als ich“, sagt Deniz Ohde. Denn weil sie eine Icherzählerin gewählt hat, wird sie nun oft gefragt, ob der Roman autobiografisch sei. „Diese Figur hat denselben Bildungsweg wie ich, ich bin auch vom Gymnasium abgegangen und habe dann die Schulabschlüsse auf der Abendschule nachgemacht, damit ich studieren konnte,“ sagt Deniz Ohde. Aber darüber hinaus ist die Geschichte nicht ihre eigene, „ich habe andere Entscheidungen getroffen.“

Während des Schreibens konnte Deniz Ohde überhaupt keine andere Literatur lesen, „meine Stimme, mein Stil hätten sich sonst verändert“, glaubt sie. Ob sie sich in einer Erzähltradition sieht? Vielleicht, sagt sie, gibt es da einen Einfluss von Ingeborg Bachmann, mit der sie sich im Germanistikstudium auseinandergesetzt hat und in deren Sinne sie eigenes Erleben literarisch erfahrbar machen will.

Der Ton in „Streulicht“ ist betont sachlich, die Beobachtungen sind messerscharf, die Zeichnung der Figuren bei aller Kritik versöhnlich: Ohde schildert die Versuche der Mutter, das Kind zu fördern und ihm schlechte Nachrichten zu ersparen. Die Ratschläge des Vaters, sich am besten fern von allem zu halten, sich unsichtbar zu machen. Die Lehrer, die das zarte Stimmchen mit der richtigen Lösung überhören. Und das Leben in Sophias Haus, der Freundin, die zum Ballett geht und zum Voltigieren und sich häufig auf sehr subtile Art ihrer vermeintlichen Überlegenheit vergewissert.

Unrecht als normale Lebenssituation – so beschreibt Deniz Ohde im Gespräch ihre Geschichte. Sie zeigt in dieser Bildungsbiografie einerseits die Diskriminierung durch soziale Herkunft, analysiert andererseits aber auch die inneren Schranken, mit denen ihre Hauptfigur kämpft – und hat damit offenbar bei vielen Lesern einen Nerv getroffen.

Deniz Ohde ist jetzt – im Rahmen des während einer Pandemie Möglichen – auf Lesereise unterwegs. Am Montag wird sie natürlich in Frankfurt sein, ohne Publikum, allein mit der Jury und den fünf anderen Nominierten Bov Bjerg, Thomas Hettche, Christine Wunnicke, Anne Weber und Dorothee Elmiger. Die Preisverleihung wird ab 18 Uhr live aus dem Frankfurter Römer im Internet übertragen.

Das Baldreit-Stipendium der Stadt Baden-Baden wird seit 1988 vergeben, es richtet sich an Künstler aus Literatur, Musik und Bildender Kunst. Seit einigen Jahren wird es geteilt und gewährt jeweils zwei Stipendiaten pro Jahr den mietfreien Aufenthalt in einer Atelierwohnung für sechs Monate sowie einen monatlichen Zuschuss von 820 Euro. Die Baden-Badener Antrittslesung von Deniz Ohde findet am 23. Oktober um 19.30 Uhr im Alten Ratssaal statt.

Ihr Autor

Sabine Rahner

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Erstellt:
9. Oktober 2020, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 10sec

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