Baden-Badens Antiquarin Thelen über Buchleidenschaft

Baden-Baden (cl) – Kempowski kam oft, die Bibel der letzten Zarin gehörte zu ihren Schätzen: Zum „Tag der Buchliebhaber“ am 9. August spricht Antiquarin Gertrud Thelen über bibliophile Passionen.

Seit 40 Jahren Antiquarin: Gertrud Thelen inmitten ihrer Schätze in der Baden-Badener Büttenstraße.  Foto: Thomas Viering

© vie

Seit 40 Jahren Antiquarin: Gertrud Thelen inmitten ihrer Schätze in der Baden-Badener Büttenstraße. Foto: Thomas Viering

Das Sammeln von schönen, seltenen, wertvollen alten Büchern ist auch im Internetzeitalter nicht aus der Mode. Die wahren Buchliebhaber – auch Bücherwürmer genannt, wohl weil sie sich mit Vorliebe in gedruckte Seiten vertiefen – sind ihrerseits eng mit Antiquariaten und Auktionshäusern verbunden. Stets auf der Suche nach alten Schätzchen – von hochwertigen historischen Pressendrucken, gerne handkoloriert. Die Antiquariatsmesse in Stuttgart, Deutschlands älteste und größte, ist alljährlich ein Bezugspunkt. Unterm Jahr ist auch Baden-Baden ein gutes Pflaster für Sammler gedruckter Raritäten und historischer Prachtbände.
Gertrud Thelens alteingesessenes Antiquariat etwas abseits in der Büttenstraße scheint perfekt, um sich zwischen bibliophilen Kostbarkeiten neu zu orientieren. „Viele meiner Kunden kommen aus den Großstädten, sie lieben es, dass sie hier Ruhe finden und in dieser stillen Atmosphäre zwischen den Büchern stöbern können“, sagt die Antiquarin. Sie ist selbst eine Büchersammlerin aus Leidenschaft.
Vor 40 Jahren hat sie sich selbstständig gemacht, seit 35 Jahren führt sie ihr Geschäft mit den guten Büchern in dem historischen Haus aus dem 18. Jahrhundert in der Altstadt. Wie eine Schutzpatronin hängt das historische Porträt einer norddeutschen Adligen an der Eingangstür zu den hellen Antiquariatsräumen. Bis unter die Decke reichen die Bücherregale voller gedruckter Ausgaben vom 15. bis ins 21. Jahrhundert – mehr als 100 000 Bücher, nebst alten Ansichten von Baden-Baden und Umgebung.

Die Bibel der letzten Zarin war unter Thelens „Schätzchen“

„Die Wissensgebiete haben sich seit Jahren nicht geändert: Atlanten, Reisebeschreibungen, Geschichtsbücher, Naturwissenschaftliches, Kunstbücher mit aufwendigen Grafiken und Literatur in alten Pressendrucken – alles ist nach wie vor sehr gefragt“, erklärt Gertrud Thelen. Bei ihr wird ausgiebig nach Überraschendem gesucht. Eine Bibel, die noch in Händen der letzten Zarin Alexandra Feodorowna Romanowa, einer einstigen Prinzessin von Hessen und bei Rhein, Mutter Anastasias, gehörte zu Thelens „Schätzchen“. Auch eine Ausgabe des einstigen Kirchenreformers Melanchthon aus Bretten von 1568. Beides längst weiterverkauft. „So etwas bekommt man nicht alle Tage. Und man muss doch lernen, sich wieder davon zu trennen“, so die Händlerin.
Momentan hat sie einen Bibel-Erstdruck des berühmten Goethe-Verlegers Cotta von 1729 da – sehr, sehr schwer, mit Original-Einband in dickem Leder, mit Kupferstichen und einem Stadtplan von Jerusalem. Oder das Kräuterbuch von Adam Lonicer von 1616 mit den handgemalten Pflanzen. Die Reiseberichte weltweiter Städte von 1835 sind voller detailreicher Stahlstiche und 15-bändig erhalten. Schon haptisch erfahrbar ist die Feinmalerei der rotbackigen Äpfel in der Lexika-Reihe des 19. Jahrhunderts.
Der Verkauf alter Bücher sei etwas ganz Spezielles – und ihre meisten Kunden wollten die alten Bücher, für die sie sich interessieren, vor einem Erwerb in den Händen halten. Ihr Kundenstamm kommt aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland; nicht zuletzt wuchs er, weil sie früher viele Kataloge gemacht habe.

Kempowski verlangt zuerst ein Glas Wasser

Auch Prominenz findet den Weg aus Norddeutschland zu ihr. „Ich hatte noch einen alten Briefwechsel mit Walter Kempowski aus den 90er Jahren. Ein toller, origineller Mensch, der hat ins Antiquariat reingekuckt und gesagt: ,Zuallererst möchte ich mal ein Glas Wasser. Wo kann ich mich hinsetzen?‘“ Über den Versand sammelte er Tagebücher und alte Kriegsaufzeichnungen für seine umfangreiche Deutsche Chronik und das „Echolot“, erinnert sich die Antiquarin – „und als er hier war, hat er noch vielseitiger gesucht. Wir waren über 20 Jahre lang in Kontakt.“
Zu vielen Sammlern gebe es freundschaftliche Beziehungen. Nicht nur die bibliophile Leidenschaft verbindet, auch die Gespräche sind ihr wichtig. „Diese frühere Generation war schon von der Persönlichkeit her hochinteressant, geprägt durch ihr ganzes Leben. Wer schon Anfang des 20. Jahrhunderts gelebt hat, der weiß zu berichten“, sagt Thelen. Manche hätten im Weltkrieg alles verloren oder heimatvertrieben alles zurücklassen müssen. Danach haben sie ihre Privatbibliothek oftmals wieder neu aufgebaut.
Ein Großteil von Gertrud Thelens antiquarischem Bestand stammt aus Nachlässen ehemaliger Kunden. Das sei sozusagen der natürliche Kreislauf, den alte Bücher nehmen könnten. Mittlerweile böten ihr auch Privatsammler ihre Bücher als Vorlass an. „Einer sagte mir, er möchte seine Sammlung wieder zurückgeben in gute Hände, weil er genau wisse, dass seine Kinder dafür keinen Sinn haben.“ Gertrud Thelen fuhr also die 500 Kilometer zu ihm hin, durchforstete seine Bibliothek drei Tage lang, mietete sich einen Lkw, um alles hierher zu schaffen.
Früher gehörten auch öffentliche Archive zu ihren Kunden. „Da hatten die Archive noch ein eigenes Budget für alte Bücher, heutzutage haben sie kein Geld mehr“, sagt sie. Jetzt stiftet sie mitunter selbst Manuskripte. Schenkungen gab sie auch schon an das große deutsche Literaturarchiv nach Marbach. „Von Autoren, die längst vergessen sind und bei mir nicht nachgefragt werden, aber literaturhistorisch wichtig sind. Ausgefallene Dinge sind dort gut aufgehoben.“

Zwei Knaben mit Sinn fürs gute Buch

Wenn sich bei ihr bibliophiler Nachwuchs meldet, ist Gertrud Thelen besonders erfreut. „Meine jüngsten Besucher sind zwölf, 13 Jahre alt, es sind nicht viele, aber einige“, erzählt sie. „Letztes Jahr kamen zwei Knaben, ganz schüchtern rein, weil sie das Schaufenster so schön fanden, haben gefragt, ob sie sich mal umschauen dürften, ich habe ihnen manches gezeigt, sie waren sehr interessiert und haben fast die Zeit verpasst, sie hatten eine Freistunde in der Schule.“ Einer, der Jungs sei direkt nach dem Corona-Lockdown, als auch ihr Antiquariat wieder öffnete, gekommen, um zu fragen, ob es ihr gut gehe.
Die Corona-Zeit hat Gertrud Thelen – nicht so ausgiebig, aber ähnlich wie die Buchhändler aktueller Ausgaben – mit dem Internethandel überbrückt. „Das Internet ist doch eher ein Segen“, sagt Gertrud Thelen – eine gute Plattform, um auf sich aufmerksam zu machen. Früher hat sie aber auch schon ähnliche Aufmerksamkeit durch den Versand von Katalogen und auf Messen erreicht. Obwohl Mitglied des ehrwürdigen Verbands der deutschen Antiquare, besucht Thelen deren Stuttgarter Messe nicht mehr. „Viele Kollegen nehmen an Messen teil, die keinen Laden haben. Die Hälfte der Antiquare arbeitet als reine Versandhändler von zu Hause aus.“ So hat auch die gebürtige Baden-Badenerin als Antiquarin angefangen.

Vor 40 Jahren erstes Antiquariat in Hinterzarten gegründet

Schon als Kind habe sie viel gelesen. „Ich bin als Schülerin in Antiquariate gegangen und habe Klassiker für fünf Mark, gesammelt.“ Nach der Buchhändlerlehre und anschließendem Studium machte sich Gertrud Thelen 1980 als Antiquarin an ihrem damaligen Wohnort Hinterzarten selbstständig. „Ich habe noch in der Ausbildung meine eigene Firma gegründet, denn ich musste ja meinen eigenen Buchbestand aufbauen – das dauert Jahre.“
Hauptberuflich war sie als wissenschaftliche Bibliothekarin an der Universitätsbibliothek Freiburg angestellt – dort, wo Kostbarkeiten wie die Schedel‘sche Weltchronik gleich in dreifacher Ausgabe in den Archiven lagern. Das erste Antiquariatsgeschäft eröffnete sie nahe der Universität. „Wegen der Studentenunruhen habe ich Freiburg dann den Rücken gekehrt“, erzählt sie, „als die Scheiben vieler Geschäfte um mein Antiquariat herum eingeschlagen wurden, wollte ich dort nicht mehr bleiben.“ Gertrud Thelen kehrte 1985 in ihre Heimatstadt Baden-Baden zurück. Mit einem kleineren Geschäft fing sie am heutigen Standort an. Im Oktober feiert sie ihr 40-jähriges Firmenjubiläum. Hier in der für sie „besten Lage“ – umgeben von gedruckten Raritäten und Prachtbänden aus Büttenpapier, das in den Händen rauscht.
Schon Hermann Hesse, der aus Calw stammende Weltschriftsteller, schwärmte einst von der Buchliebhaberei: „Es ist mit dem Lesen wie mit jedem anderen Genusse: Er wird stets desto tiefer und nachhaltiger sein, je inniger und liebevoller wir mit ihm umgehen.“


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.