Baden Board: Trillerpfeifen gegen das Aus

Gernsbach/Weisenbach (ama) – An einer Mahnwache vor der insolventen Firma Baden Board nehmen am Mittwoch rund 50 Menschen teil.

„Zappenduster“ sieht es für die Arbeitnehmer aus: So beschreiben viele Betroffene der Schließung von Baden Board ihre Situation. Foto: Adrian Mahler

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„Zappenduster“ sieht es für die Arbeitnehmer aus: So beschreiben viele Betroffene der Schließung von Baden Board ihre Situation. Foto: Adrian Mahler

Auf Plakaten stehen Aussagen wie „Kein Profit auf unsere Kosten!“, „Jobs retten!“ oder „Wir sind nur die Spielfiguren“. Dutzende Menschen blasen gleichzeitig in Trillerpfeifen. Bei der Aktion sind neben einigen betroffenen Angestellten auch Vertreter der lokalen Politik anwesend. „Wir können das drohende Aus von Baden Board nicht mehr rückgängig machen“, sagt Nico Fatebene, der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins. „Wir wollen aber Solidarität zeigen und auf die schwierige Situation der Arbeitnehmer aufmerksam machen.“

Ziel der Mahnwache sei es, für die rund 280 Betroffenen eine Perspektive etwa in anderen benachbarten Betrieben zu eröffnen. Nach Fatebenes Aussage habe der Ortsverein der benachbarten Firma Mayr-Melnhof bereits einen schriftlichen „Denkanstoß“ gegeben, den Mitarbeitern von Baden Board eine Zukunft zu bieten. Zum Hintergrund: Mayr-Melnhof hat die Gebäude und Flächen von Baden Board aufgekauft.

In seiner Rede am Mittwoch sagt Fatebene auch, dass die Aktion ein starkes Zeichen der Unterstützung sei. Er übt scharfe Kritik an den Verantwortlichen der Insolvenz: „Es macht sprachlos, dass eine 140-jährige Unternehmensgeschichte für den Profit beendet wird. Die Mitarbeiter wurden wie Spielfiguren benutzt und im Stich gelassen.“

Katzmarek: Vorgänge erinnern an finsterste Zeiten im Murgtal

Schließlich trägt Johanna Wilhelm-Lang, ebenfalls Vorsitzende des SPD-Ortsvereins, eine Rede der SPD-Bundestagsabgeordneten Gabriele Katzmarek vor. Sie könne aus gesundheitlichen Gründen nicht anwesend sein, sagt Wilhelm-Lang. „Das, was hier bei Baden Board geschieht, ist ein moralisches Verbrechen“, zitiert sie aus der Rede Katzmareks. „Die Vorgänge erinnern mich an finsterste Zeiten im Murgtal. Sie erinnern mich an die Schließung der Papierfabrik Wolfsheck in Forbach.“

Damals habe Katzmarek als zuständige Gewerkschaftssekretärin Ähnliches erlebt. Der Käufer versicherte, weiter produzieren zu wollen. „Er trennt dann aber die Filetstücke vom Rest des Unternehmens und überlässt die Arbeitnehmer ihrem Schicksal – oder wie hier: dem Insolvenzverwalter.“

Schließlich spricht der Gernsbacher Bürgermeister Julian Christ vor den Anwesenden. Bei dem schönen Wetter gebe es angenehmere Anlässe, um sich zu treffen. Es gehe nicht nur um 280 Arbeitsplätze, sondern auch um die Schicksale und Biografien, die hinter der traurigen Entwicklung der Karton-Firma stünden. Der Weisenbacher Bürgermeister Daniel Retsch und er hätten intensiv mit Unternehmern gesprochen, um die Firma zu retten. „Der unvorhersehbare Grundstücksdeal hat den Bemühungen einen Strich durch die Rechnung gemacht“, erklärt Christ.

„Wir befinden uns im luftleeren Raum“

Retsch sagt indes: „Viele Betroffene kommen auch aus Weisenbach.“ Zum Teil seien ganze Familien von dem Baden Board-Aus schwer getroffen. Bei der Mahnwache sind auch mehrere Arbeitnehmer der Firma vor Ort. Von den Befragten will niemand seinen Namen in der Zeitung lesen, weil sie zusätzliche Schwierigkeiten bei der Jobsuche befürchten. Eine Arbeitnehmerin sagt: „Das Aus kam 2021 wie ein Brett. Das war freilich kein schönes Weihnachten.“

Eine andere Mitarbeiterin betont: „Mein 40-jähriges Betriebsjubiläum werde ich in diesem Jahr voraussichtlich nicht mehr erleben.“ Sie gehört zum sogenannten Abwicklungsteam, das voraussichtlich bis März noch arbeitet. „In den Hallen ist es gespenstisch.“ Es seien kaum Leute unterwegs, ein Großteil der Geräte seien bereits weg. „Die Situation ist einfach nur traurig.“

Eine andere Angestellte äußert gegenüber dieser Redaktion ihre Sorge, in Zukunft einen Job zu finden. „Die Unsicherheit, wie es weitergeht, ist extrem belastend. Wir befinden uns im luftleeren Raum.“ Mittlerweile sei bei den Menschen, die vor Ort noch arbeiten, die Motivation fast gänzlich verschwunden. Die befragten Betroffenen sind sich mit Blick in die Zukunft einig: Von Tag zu Tag werde es unwahrscheinlicher, dass ein Unternehmen die an Mayr-Melnhof verkauften Räume anmietet und die bisherige Produktion fortsetzt.

Verkauf unter dubiosen Umständen kurzfristig geplatzt

Ein Sprecher des Betriebsrats von Baden Board betont, dass es „zappenduster“ für die Arbeitnehmer aussehe. Es hänge nicht nur mit den derzeit hohen Gaspreisen zusammen, dass es mit dem Unternehmen in Gernsbach bergab ging. Dieser negative Trend habe sich bereits vor längerer Zeit angekündigt, als Baden Board 2018 von Smurfit Kappa an die Münchener Livia Gruppe veräußert wurde.

2021 hatte der schwedische Konzern Fiskeby Board den Karton- und Verpackungsspezialisten mit Standorten in Weisenbach und Obertsrot übernehmen wollen. Der Sprecher des Betriebsrats erklärt am Mittwoch, dass „der Deal unter dubiosen Umständen kurzfristig geplatzt ist“ – was letztlich das Ende von Baden Board eingeläutet habe.

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