Baden Board stellt die Maschinen ab

Gernsbach/Weisenbach (stj) – Die Belegschaft des Murgtäler Traditionsunternehmens Baden Board wird kurz vor Weihnachten über das Aus des Verpackungsmittelherstellers informiert.

Beim Familientag 2018 machen sich zahlreiche Murgtäler ein Bild von der Produktion bei Baden Board. Foto: Raimund Götz

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Beim Familientag 2018 machen sich zahlreiche Murgtäler ein Bild von der Produktion bei Baden Board. Foto: Raimund Götz

Mit der Baden Board GmbH ist zu Jahresbeginn ein traditionsreiches Unternehmen im Murgtal Geschichte: Kurz vor Weihnachten hat am Mittwoch der vorläufige Insolvenzverwalter Marc Schmidt-Thieme die Beschäftigten des mittelständischen Karton- und Verpackungsspezialisten darüber informiert, dass die Produktion ausläuft. Mit rund 200 Beschäftigten wird in den Werken in Obertsrot und Weisenbach ein Großteil der Belegschaft freigestellt.

Der Rechtsanwalt der Kanzlei Hoefer Schmidt-Thieme (Baden-Baden) verwies im BT-Gespräch allerdings darauf, dass nach wie vor Hoffnung für den Standort bestehe: „Der Prozess der Investorensuche läuft mit Volldampf weiter“, versprach der vorläufige Insolvenzverwalter und betonte: „Wir haben alles richtig gemacht.“ Letztlich liege es an der extremen Entwicklung des Gaspreises, dass die Produktion nicht weiter aufrechterhalten werden kann und kurzfristig die Ausproduktion eingeleitet werden müsse. Das heißt: Rund 80 Mitarbeiter werden zunächst als Abwicklungsteam im Unternehmen bleiben.

Paradoxe Situation

Das Paradoxe an der Situation sei laut Schmidt-Thieme, dass „Karton ja gebraucht wird, die Auftragsbücher von Baden Board sind voll“. Die Energiepreise stellten allerdings „eine zu starke Belastung für uns dar, sodass wir infolge wirtschaftlicher und insolvenzrechtlicher Vorgaben zwingend handeln müssen“. Mit aktuell rund 184 Euro pro Megawattstunde sei das für die Produktionsprozesse des mittelständischen Karton- und Verpackungsspezialisten erforderliche Erdgas so teuer wie noch nie in Deutschland. Ein Ende dieser problematischen Preisentwicklung sei nach wie vor nicht abzusehen, weshalb Schmidt-Thieme gar keine andere Wahl gehabt habe. Er stehe schließlich auch in der Pflicht der Gläubiger. Der entsprechende Ausschuss hatte jüngst getagt und das Aus beschlossen.

Das bestätigte der zuständige Gewerkschaftssekretär Dirk Schmitz-Steinert von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) Karlsruhe gegenüber dieser Zeitung. „Papier- und Karton-Herstellung ist nun mal keine Energiesparveranstaltung.“ Das Unternehmen werde beim Erhalt des Status quo bezüglich der Produktion allein mit Energiekosten von rund zehn Millionen Euro pro Monat belastet. „Das muss man erst mal verdienen“, erklärt der Gewerkschafter, der bei der Betriebsversammlung am Mittwoch dabei war.

Die Stimmung in der Belegschaft beschrieb er genauso wie der Insolvenzverwalter als „gefasst“, die Reaktionen seien sehr sachlich ausgefallen. Es seien auch viele Fragen gestellt worden, von denen die meisten hätten beantwortet werden können. Zwei Damen von der Agentur für Arbeit waren ebenfalls vor Ort. Sie haben gleich die entsprechenden Formulare dabei gehabt, mit denen sich die Betroffenen zu Jahresbeginn arbeitssuchend melden müssen, damit sie im Februar Arbeitslosengeld bekommen, ohne persönlich bei der Agentur vorstellig zu werden. „Diesen harten Schritt so kurz vor Weihnachten bedauern wir sehr. Wir waren bis dato auf einem guten Kurs“, betonte der Insolvenzverwalter aus Baden-Baden.

Hoffnung bleibt

Dass die Beschäftigten von Baden Board trotzdem noch eine Zukunft an der Murg haben, unterstrichen sowohl Schmitz-Steinert als auch Schmidt-Thieme. Letzterer berichtete als Insolvenzverwalter von mehreren Interessenten, die es nach wie vor für den Standort von Baden Board gebe – sowohl für den gesamten Betrieb als auch für Teile dessen. Eine Doppellösung erscheine ihm derzeit als die wahrscheinlichste. Namen wollte der Rechtsanwalt keine nennen, auch der Gewerkschafter hielt sich diesbezüglich bedeckt. Letzterer verwies aber darauf, dass mit dem Kauf des Unternehmens auch die Mitarbeiter übernommen werden müssten (wenn auch nicht alle). Verhandlungen zum Interessensausgleich und Sozialplan werden sich wohl nicht vermeiden lassen, dennoch gebe es Hoffnung.

Das sieht auch Schmidt-Thieme so. Er arbeite weiterhin unter Hochdruck daran, möglichst vielen der rund 280 Mitarbeiter im Rahmen einer übertragenden Sanierung eine Perspektive zu ermöglichen. Ergebnisse aus dem Prozess werden frühestens Ende Januar 2022 erwartet.

Faltschachtelkarton für die Lebensmittel- und Konsumgüterindustrie

Die Baden Board GmbH ist eine Herstellerin von Recyclingkarton und Anbieterin von Verpackungslösungen. Im Betriebsteil Baden Karton werden eigenen Angaben zufolge jährlich rund 150.000 Tonnen Faltschachtelkarton für die Lebensmittel- und Konsumgüterindustrie aus 100 Prozent Altpapier gefertigt. Der Betriebsteil Baden Packaging ist Verpackungsspezialist und Hersteller von innovativen Verpackungslösungen aus Karton. Jährlich werden dort rund 60.000 Tonnen Faltschachtelkarton zu bedarfsgerechten Verpackungen für Kunden der Food-, Non-Food und Getränkeindustrie verarbeitet. Baden Board war im vergangenen Jahr im Rahmen eines Schutzschirmverfahrens erfolgreich durch die Covid-19-Pandemie navigiert und restrukturiert worden. Aufgrund des überraschenden Rückzugs eines Investors und der belastenden Entwicklung am Energiemarkt hatte das Unternehmen beim Amtsgericht Baden-Baden Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gesellt.

Keine schöne Bescherung: Ein Kommentar von Stephan Juch

Auch wenn das nun offizielle Aus von Baden Board keine große Überraschung mehr ist, dürfte es neben den Beschäftigten vielen Murgtälern die ohnehin getrübte Weihnachtsstimmung weiter vermiesen. Fast jeder hier hat Verwandte, Bekannte oder Freunde, die Verbindungen zur 1882 gegründeten, ehemaligen Badischen Karton- und Pappenfabrik haben. Der stolzen Murgtäler Papierindustrie bricht damit ein weiterer Eckpfeiler weg. Nicht auszudenken, sollte es tatsächlich nicht gelingen, den Standort einer sinnvollen Folgenutzung zuzuführen. Die Wolfsheck-Ruinen sind schlimm genug, sie liegen aber im Gegensatz zu Baden Board relativ gut versteckt. Ortsnahe Arbeits- und nicht zuletzt Ausbildungsplätze sind jenseits der Automobilindustrie in Gaggenau rar im Murgtal. Ohne sie wird es aber immer schwieriger, junge Menschen hier zu halten. Von daher ist es nicht nur für die von der Arbeitslosigkeit bedrohten Beschäftigten, sondern für die Zukunft des Murgtals insgesamt sehr wichtig, dass dieser Traditionsstandort nicht auch noch vergammelt.


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