Baden-Württemberg plant drei neue Gewaltambulanzen

Baden-Baden/Heidelberg (for) – Nach der Gewaltambulanz in Heidelberg sollen nun in Ulm, Freiburg und Stuttgart Einrichtungen entstehen, in denen Spuren nach Gewaltverbrechen gesichert werden können.

Kathrin Yen hat 2011 die Gewaltambulanz am Universitätsklinikum in Heidelberg ins Leben gerufen. Foto: Christoph Schmidt/dpa

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Kathrin Yen hat 2011 die Gewaltambulanz am Universitätsklinikum in Heidelberg ins Leben gerufen. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Nach Gewalteinwirkungen ist es wichtig, dass Opfer ihre Verletzungen schnellstmöglich von Spezialisten untersuchen und dokumentieren lassen, um so Beweise zu sichern. In Heidelberg ist das seit 2011 in einer sogenannten Gewaltambulanz möglich. Bislang ist diese Einrichtung einzigartig in Baden-Württemberg, das soll sich nun aber ändern: Künftig sollen auch in Ulm, Freiburg und Stuttgart schnell Spuren nach Gewaltverbrechen gesichert werden können.

Kostenlos und rund um die Uhr

„Die Gewaltambulanz ist eine Einrichtung, die sich an alle Menschen wendet, die Opfer von Gewalt werden – dabei spielen Alter, Geschlecht, Herkunft oder finanzielle Mittel keine Rolle“, erklärt Kathrin Yen, Ärztliche Direktorin am Institut für Rechtsmedizin und Verkehrsmedizin am Universitätsklinikum in Heidelberg. Wer Opfer von Gewalt ist, kann sich rund um die Uhr unter (0152) 54648393 kostenlos bei der Gewaltambulanz melden. Dabei könne es sich um ganz unterschiedliche Gewaltformen handeln, die im zwischenmenschlichen Bereich körperlich ausgeübt werden. „Da gehören etwa Kindesmisshandlung und -missbrauch dazu, sexuelle Gewalt, häusliche Gewalt, aber auch Folter, Gewalt an betagten Menschen oder Messerstechereien und Schlägereien“, zählt Yen auf. Rein psychische Gewalt gehöre dagegen nicht zu den Kernaufgaben der Gewaltambulanz. „Dafür sind wir nicht spezialisiert, wir können Betroffene aber an entsprechende Stellen vermitteln, mit denen wir vernetzt sind“, so Yen.

Zugang zur Gewaltmedizin ermöglichen

Ziel der Gewaltambulanz sei, Betroffenen den Zugang zur Gewaltmedizin zu ermöglichen. „Rechtsmedizin ist Gewaltmedizin. Es handelt sich dabei um eine eigene wissenschaftliche Fachdisziplin, die als einzige dafür ausgebildet ist, Gewalt zu erkennen und einzuschätzen, wie die Gewalt entstanden ist“, betont Yen. Dabei gilt es laut Yen etwa zu klären, wie heftig ein Übergriff war, ob mit beiden Händen gewürgt wurde oder ob es tatsächlich zu einem sexuellen Übergriff kam. „All diese Fragen sind klassische Aufgaben der Rechtsmedizin. Sie können später vor Gericht eine wichtige Rolle spielen“, sagt die Expertin. Mittels Untersuchungen durch Ärzte am Körper der Opfer und durch die Sicherung von Spuren wie DNA, etwa Speichel oder Sperma, könnten die Rechtsmediziner solche Fragen beantworten. „Dadurch können wir Klarheit darüber schaffen, was passiert ist und objektive Beweise sichern“, betont Yen. Insbesondere, wenn es zu einem Strafverfahren komme, seien solche Beweise „von unschätzbarem Wert und erhöhen die Rechtssicherheit“.

Angebot ist niederschwellig

Als weitere wichtige Aufgabe der Gewaltambulanz nennt Yen die Prävention. „Unsere Untersuchungen führen dazu, dass wir auch im niederschwelligen Bereich Menschen erfassen können, die Gewalt erleiden.“ Danach könne man Betroffene unterstützen und versuchen, sie an entsprechende Hilfsorganisationen zu vermitteln, ohne dass sofort Anzeige erstattet werden muss. Diese Niederschwelligkeit des Angebots – Opfer können sich auch an die Gewaltambulanz wenden, ohne die Polizei zu informieren – sei ein ganz wichtiger Punkt. „Nur so erreichen wir einen Großteil der Menschen“, weiß Yen aus Erfahrung. Gerade bei häuslicher Gewalt oder Gewalt an Frauen gebe es eine hohe Hemmschwelle, den eigenen Partner anzuzeigen. Wer sich zu einem späteren Zeitpunkt dann doch dazu entscheidet, Anzeige zu erstatten, könne auch dann noch auf die Untersuchungsergebnisse zurückgreifen. „Wir dokumentieren alles und bewahren die Beweise für einige Jahre auf“, teilt Yen mit. Entnommene Spuren, zum Beispiel DNA-Abstriche, würden in der Regel aber nur ein Jahr aufbewahrt. „Bei Kindern und Jugendlichen beginnt dieses Jahr jedoch erst ab dem 18. Lebensjahr“, merkt Yen an. So hätten sie die Möglichkeit, auch erst als Erwachsener ein Verfahren einzuleiten.

Umso früher, umso besser

Die Rechtsmedizinerin fordert Gewaltopfer dazu auf, sich so früh wie möglich einer Untersuchung zu unterziehen. „Dafür kann man uns auch nachts immer kontaktieren“, betont sie. Das sei insbesondere für den Nachweis von DNA-Spuren, aber auch bei dem Verdacht auf K.O.-Tropfen im Blut wichtig, weil diese nach sechs bis acht Stunden nicht mehr nachweisbar seien.

In den vergangenen beiden Jahren hätten sich jeweils mehr als 500 Menschen bei der Gewaltambulanz Heidelberg gemeldet, blickt Yen zurück. Dass künftig noch drei weitere Einrichtungen dieser Art in Baden-Württemberg entstehen sollen, bezeichnet sie als „ganz großen Schritt“ in die richtige Richtung. Im Moment sei die Möglichkeit, dass ein Gewaltopfer auch tatsächlich Zugang zur Rechtsmedizin findet, leider noch nicht an allen Orten gegeben. Staatssekretärin Bärbl Mielich betont, durch die neuen Standorte könne die flächendeckende Versorgung von Gewaltopfern im Land deutlich verbessert werden. Wie das Sozialministerium mitteilt, stehen für die Einrichtungen bis Jahresende rund 450.000 Euro bereit. In Ulm soll die Ambulanz am 3. Mai starten.


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