Badische Staatskapelle Karlsruhe feiert Weltoperntag

Karlsruhe (sr) – Auch wenn es die Kultur in diesen Tagen schwer hat und Opernaufführungen überall verkürzt und verkleinert werden müssen: In Karlsruhe wird das Genre gewürdigt.

Der Komponist und Dirigent Richard Strauss (1864-1949) – auf dem Foto noch als junger Student – gab der europäischen Opernkultur eine  neue Richtung vor. picture alliance/dpa

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Der Komponist und Dirigent Richard Strauss (1864-1949) – auf dem Foto noch als junger Student – gab der europäischen Opernkultur eine neue Richtung vor. picture alliance/dpa

Eigentlich wäre in Karlsruhe „Elektra“ vorgesehen gewesen, aber die gigantische Orchesterbesetzung der Strauss-Oper machte am Weltoperntag den Gedanken an eine Aufführung in Pandemiezeiten obsolet. Gefeiert wird der Weltoperntag am 25. Oktober, dem Geburtstag von Georg Bizet und Johann Strauß II. Mehr als ein Ersatz am Badischen Staatstheater Karlsruhe war aber das Programm „Der späte Strauss“. In mehrfacher Hinsicht.

Auf den ersten Blick mag es zum Weltoperntag zu einem Programm mit den Spätwerken von Richard Strauss keinen direkten Bezug geben, aber welcher Komponist außer Mozart hat solch wunderbare Musik für weibliche Stimme komponiert wie dieser Komponist, und sind nicht die „Metamorphosen“ für 23 Solostreicher ein Abgesang auf die abendländische (Opern)-Kultur nach der Zerstörung der deutschen Opernhäuser, besonders dem im München, auch ein Mahnmal heute, da nicht nur die traditionelle Kultur erneut bedroht ist?

Georg Fritzsch, seit dieser corona-bedingt problematischen Spielzeit am Badischen Staatstheater Generalmusikdirektor, konnte auf ein beachtliches Arbeitspensum zurückschauen, dirigierte er an diesem Sonntag doch nicht nur das exquisite Strauss-Programm nebst Wiederholung, um möglichst vielen Zuhörern in diesen Zeiten dieses musikalische Erlebnis zu ermöglichen, sondern auch (ebenfalls zwei Mal) das zweite Sinfoniekonzert der Saison.

Fritzsch erinnerte in seinen klugen Anmerkungen zu beiden Spätwerken – die „Metamorphosen“ wurden 12. April 1945 vollendet, die „Vier letzten Lieder“ 1948 kurz vor dem Tod des Komponisten – an deren Entstehungsbedingungen. So sind die Metamorphosen, ursprünglich als Streichsextett konzipiert, als eine explizite „Trauermusik für München“ gedacht, wie Anmerkungen des Komponisten belegen.

Sopranistin Libor macht Abend zum Erlebnis


Dass Strauss sich vor der Komposition der „Metamophosen“ mit seiner frühen Sinfonischen Dichtung „Tod und Verklärung“ wieder befasste, stellt nach Fritzschs Worten neben den berühmten motivischen Bezügen zu Beethoven (Trauermarsch aus der „Eroica“) so etwas wie einen „Bauplan“ für das Streicherwerk dar, mit einem bedeutenden Unterschied: Während die frühe sinfonische Dichtung mit einer apotheosenhaften Verklärung endet, sei die Idee der „Metamorphosen“ ein „Tod ohne Verklärung“. Im Kontrast dazu setzt Strauss bei dem die „Vier letzten Lieder“ beschließenden „Im Abendrot“ mit dem Verklärungsmotiv aus „Tod und Verklärung“ hingegen einen hoffnungsvollen Schlusspunkt.

Die allesamt solistisch geforderten Streicher der Badischen Staatskapelle, imponierend die Soli des Konzertmeisters Janos Ecseghy, spürten unter der fordernden Zeichengebung ihres Generalmusikdirektors all den Verästelungen der Metamorphosen nach. Schönklang allein würde für die teilweise herb-strenge Musik nicht ausreichen, so stand bei dieser Interpretation auch stets die formale Durchhörbarkeit im Mittelpunkt.

Trotz der resignativen, dunkel timbrierten Grundstimmung der Komposition gelang eine bei aller dunkel glühenden Dramatik transparente Sicht auf den späten Strauss, dessen kompositionstechnische Meisterschaft sich hier mit größter Ausdruckskraft verbindet. Schönklang und tiefe Emotionalität ergänzten sich. Die „Vier Letzten Lieder“ nach drei Gedichten von Herrmann Hesse und dem Lied „Im Abendrot“ nach Eichendorff gestaltete die erfahrene Strauss- und Wagner-Sopranistin Christiane Libor, seit 2011 Professorin an der Karlsruher Musikhochschule, mit ihrem dunkel timbrierten dramatischen Sopran. Mit ihrer warm flutenden, die Bögen der Lieder ebenso wie ihre Ausdruckstief auslotenden Stimme machte sie diesen Abend zu einem Erlebnis.

Bei aller Textverständlichkeit gehört sie nicht zu den Interpretinnen, die jedes Wort überbetonen, sondern die großen Bögen standen im Mittelpunkt. Die emotionale Dichte der Musik wurde von ihr souverän ausgelotet, sie zeichnete den Gehalt der Texte des Zyklus der Lieder von „Im Frühling“, „September“ „Beim Schlafengehen“ hin zum finalen „Im Abendrot“ mit unzähligen Farb- und Stimmungsnuancen nach. Der resignative Rückblick wurde immer wieder von Momenten der Hoffnung gesanglich durchbrochen.

Das Strauss-Programm gibt es noch einmal am 4. November um 18 und 20 Uhr.

Ihr Autor

Thomas Weiss

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Erstellt:
26. Oktober 2020, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 49sec

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