Bäcker-Innung: Ende einer Ära und Neuanfang

Rastatt (dm) – Um sich für die Zukunft zu rüsten, verschmelzen die Bäckerinnungen Rastatt und Baden-Baden. In Rastatt ist damit der „Zapfenstreich“ für Innungs-Obermeister Horst Ziegler verbunden.

Obermeister Horst Ziegler bei einer Brotprüfung des Deutschen Brotinstituts und der Bäckerinnung.Foto: Frank Vetter

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Obermeister Horst Ziegler bei einer Brotprüfung des Deutschen Brotinstituts und der Bäckerinnung.Foto: Frank Vetter

39 Jahre stand Ziegler der hiesigen Organisation vor – so lange wie sonst kein Obermeister im Land.
Der dienstälteste Bäcker-Obermeister Baden-Württembergs hatte das Amt im April 1982 angetreten, davor war er bereits neun Jahre lang Stellvertreter. Zu ihren Hoch-Zeiten in den 60er-Jahren zählte die Bäckerinnung Rastatt und Umgebung 116 Mitgliedsbetriebe; heute sind es vor dem Hintergrund des Bäckereiensterbens der vergangenen Jahrzehnte gerade noch ein Dutzend; den Kollegen in Baden-Baden gehe es nicht anders, so Ziegler. „Wir leiden gleich stark“, stellt der inzwischen 85-Jährige fest.

Supermärkte, die Brot- und Backwaren in Massen anbieten, zunehmend Groß-Filialisten: Der Markt ist eng geworden. „Früher hat man gesagt: Von einem Gebiet, in dem 600 Menschen wohnen, kann ein Bäcker leben“, erzählt Ziegler. „Heute müssen es 7.000 sein.“ Zugleich sei die Personal- und Nachwuchsgewinnung immer schwieriger geworden. Was zu den Gründen führt, warum die benachbarten Innungen künftig eins werden: Es gilt, Kräfte zu bündeln, Strukturen, Berufsausbildung, Beratung und Unterstützung zu sichern und zukunftsfähig zu bleiben. Immerhin werden nirgendwo in der Welt so viel unterschiedliche Backwaren hergestellt wie in Deutschland.

Man muss Nischenprodukte anbieten

Wer als selbstständiger Bäcker Erfolg haben will, müsse persönlichen Einsatz bringen, Nischenprodukte anbieten, die große Lebensmittelgeschäfte nicht im Sortiment haben – und Qualität abliefern, „das ist das A und O“, betont Ziegler. Man könne alles mit Maschinen herstellen und entsprechend in Form bringen – aber das Fingerspitzengefühl für den Teig könne eine Maschine nicht ersetzen, bricht er eine Lanze für das Handwerk.

Er selbst hatte 1950 begonnen, dieses zu erlernen, 1953 war er mit der Ausbildung fertig, 1957 legte er die Meisterprüfung ab, und am 6. September 1958 übernahm er den Betrieb in der Kapellenstraße mit eigenem Café. Sein Großvater hatte die Bäckerei einst gegründet, im Jahr 1903 war das, es gibt keine ältere noch existierende in der Barockstadt. Seit 1999 ist Horst Ziegler im Unruhestand, die Standorte in Kapellenstraße (Tochter Jutta und deren Ehemann Gerhard Späth) sowie Friedrich-Ebert-Straße (Tochter Petra Ziegler) blieben sozusagen in der Familie.

Die Bäckerinnung Rastatt und Umgebung leitete Ziegler seither weiter. Im März 2020 wurde die Vereinigung 120 Jahre alt –  gefeiert werden konnte wegen Corona bislang indes nicht (was aber nachgeholt werden soll). Eine Chronik und Festschrift zum „runden Geburtstag“ liegt bereits gedruckt vor, listet Höhen und Tiefen ihrer Geschichte auf. Daraus wird ersichtlich, dass auch Gesellschaft und Freizeitgestaltung ein wichtiger Bestandteil für den Zusammenhalt in der Innung ist. Den Kegelclub, den die Rastatter Bäcker um das Jahr 1944 herum gründeten (die „Rastatter Bandenkitzler“) gibt es zwar seit 2015 nicht mehr, wohl aber den 1924 ins Leben gerufenen Bäckergesangverein, dessen stellvertretender Vorsitzender Horst Ziegler seit 48 Jahren ist.

Doch schon im eigentlichen Innungs-Jubeljahr 2020 machte man sich längst Gedanken, wie das Fortbestehen gesichert werden soll. Dies wird mit einer neuen Führungsriege geschehen. Wenn die beiden Innungen nun am 28. September im „Rantastic“ in Haueneberstein fusionieren, stellt sich Oliver Braun zur Wahl, der ebenfalls einen Traditions-Familienbetrieb führt und aktuell Obermeister der Innung Baden-Baden/Murgtal/Bühl ist und Filialen an sechs Standorten zwischen Gaggenau und Durmersheim führt. Er hat sein Handwerk – wie könnte es anders sein – einst bei Horst Ziegler gelernt.


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