Baiersbronner fehlen nur drei Sekunden zu Gold

Baiersbronn/Peking (BNN) – Normalerweise hätte Manuel Faißt die Winterspiele vom Sofa aus verfolgt. Am Dienstag wäre der Kombinierer aus Baiersbronn nun um ein Haar zu Olympia-Gold gelaufen.

Vom Sofa zu Olympia und nur knapp an einer Medaille vorbei: Manuel Faißt aus Baiersbronn. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

© dpa

Vom Sofa zu Olympia und nur knapp an einer Medaille vorbei: Manuel Faißt aus Baiersbronn. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Es war später geworden als erwartet. Erst gegen 21 Uhr Ortszeit schloss Manuel Faißt die Tür zu seinem Hotelzimmer auf und ließ den Wahnsinn der vorangegangenen Stunden hinter sich. In der Medienzone war der Überraschungs-Vierte Faißt ein gefragter Mann gewesen.

Nicht dem „Goldjungen“ Vinzenz Geiger, der vergangenen Mittwoch die Konkurrenz im Wettbewerb von der Normalschanze in Grund und Boden gelaufen hatte und diesmal Siebter wurde, hatte die Aufmerksamkeit der Journalisten gegolten.

Und auch nicht dessen Teamkollegen Julian Schmid und Johannes Rydzek, die am Ende auf Rang zehn beziehungsweise 28 einliefen. Selbst den König der Nordischen Kombinierer, Jarl Magnus Riiber aus Norwegen, hatte Faißt in den Schatten gestellt.

Manuel Faißt aus Baiersbronn durfte sogar von Gold träumen

Nach einem Riesensatz von der Großschanze auf 135 Meter lag der Baiersbronner im Zehn-Kilometer-Lauf lange auf Medaillenkurs und durfte bis zur Zielgeraden sogar von Gold träumen, ehe er die Konkurrenten im Schlussspurt ziehen lassen musste. Der Rückstand auf Olympiasieger Jörgen Grabaak aus Norwegen: nur etwas mehr als drei Sekunden. Dazwischen liefen noch Grabaaks Landsmann Jens Luraas Öftebrö und Akito Watabe aus Japan ein.

„Ich habe einen super Wettkampf abgeliefert und kann mir nichts vorwerfen“, sagte Faißt später am Telefon bemerkenswert gefasst. Zugeben musste der 29-Jährige aber doch: „Natürlich wäre es überragend gewesen, wenn es mit der Medaille geklappt hätte.“

Faißts besondere Vorgeschichte als ein Schlüssel

In diesem Weltcup-Winter war Faißt zuvor nur einmal auf dem Treppchen gelandet, Mitte Dezember als Dritter im finnischen Otepää. Dass er nun in Peking ganz nah dran war an einer Medaille, führte Faißt auch auf die besondere Vorgeschichte zurück.

Eigentlich war der Athlet des SV Baiersbronn aufgrund der starken nationalen Konkurrenz für die Spiele überhaupt nicht berücksichtigt worden. Erst als Terence Weber und Eric Frenzel nach positiven Corona-Tests in Quarantäne gesteckt wurden, durfte Faißt nach Peking nachreisen und am Dienstag nun Weber ersetzen. Frenzel, der wie Weber inzwischen aus der Isolation entlassen wurde und seine Kollegen an der Strecke als Edelfan unterstützte, kommt noch für einen Start im Teamwettbewerb am Donnerstag infrage.

„Das kam alles sehr überraschend für mich. Ich hatte deshalb keinen Druck, mich zu beweisen“, meinte Faißt zu den besonderen Umständen, die ihn doch noch nach China gebracht hatten. Und der Underdog zeigte am Dienstag, dass er nicht nur als Olympia-Tourist nach Peking gekommen war.

Zwei Norweger als Spielverderber

Nach einem starken Sprung ging er als Vierter in die Loipe, in der er bis 500 Meter vor dem Ziel wie ein sicherer Medaillengewinner aussah. Bis dahin bildete er zusammen mit Watabe und dem Österreicher Johannes Lamparter das Führungs-Trio, doch dann flogen von hinten die beiden Norweger Grabaak und Öftebrö heran und schnappten dem Schwarzwälder noch Edelmetall weg.

„Wir haben in der letzten Runde alles gegeben und versucht, uns die beiden vom Leib zu halten“, berichtete Faißt über den packenden Rennverlauf, der für ihn ein so unglückliches Ende fand. Noch tragischer entwickelte sich der Wettkampf gleichwohl für Riiber.

Kombinierer-„König“ Riiber verläuft sich

Der wie Frenzel frisch aus der Corona-Quarantäne entlassene Norweger lag nach dem Springen klar vorne, bog in der Loipe aber nach zwei Kilometern aber versehentlich auf die Zielgerade ab, musste umkehren und verlor Platz eins. Am Ende reichte es im eiskalten Zhangjiakou auch wegen schwindender Kräfte nur für den achten Rang.

Und wie beschloss Faißt den Tag seiner spektakulären Olympia-Premiere? Mit einem Abendessen im Hotel, einer wohlverdienten Dusche, einer Radelrunde auf dem Ergometer und dem Beantworten der zahlreichen Nachrichten aus der Heimat.

Bier mit den Kollegen erst nach dem Teamwettbewerb

„Ein Bier mit den Kollegen werde ich mir übermorgen gönnen“, kündigte Faißt an. Dann steht der abschließende Teamwettbewerb an, für den Bundestrainer Hermann Weinbuch die Qual der Wahl hat. Neben dem Quartett um Faißt, das von der Großschanze gestartet war, steht ja auch Frenzel wieder zur Verfügung.

Dann wollen die deutschen Kombinierer möglichst eine neue Serie starten. Vor Dienstag hatten sie viermal Olympia-Gold in Folge geholt und acht olympischen Rennen mit mindestens einer Medaille beendet. „Ich hoffe einfach, dass ich berücksichtigt werde“, sagte Faißt, ehe er sich ins Bett verabschiedete. Ein besseres Bewerbungsschreiben für einen Start in der Staffel hätte er am Dienstag kaum abgeben können.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.