Ballett im Museum Frieder Burda

Baden-Baden (kie) – Die Abschlussklassen der Ballettschule des Hamburg Balletts John Neumeier zeigten am Montag eigene Choreografien im besonderen Ambiente: Das Museum Frieder Burda wurde zur Bühne.

Besondere Atmosphäre: Im Vordergrund Carolin Inhoffen mit „De-Reconstruction“ von Paula Iniesta, im Hintergrund Katharina Sieverdings Foto-Arbeiten. Foto: Kiran West

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Besondere Atmosphäre: Im Vordergrund Carolin Inhoffen mit „De-Reconstruction“ von Paula Iniesta, im Hintergrund Katharina Sieverdings Foto-Arbeiten. Foto: Kiran West

Sichtlich begeistert war am Ende nicht nur das Publikum, sondern auch John Neumeier: „Ich fand es hervorragend“, befand der Gründer und Direktor der Ballettschule des Hamburg Balletts, nachdem die Schüler der Abschlussklassen ihre eigenen Choreografien präsentiert hatten. In intimer Atmosphäre zeigten die jungen Tänzer unter dem Titel „Absprung“ am Montagabend im Museum Frieder Burda facettenreiche Kreationen im modernen Gewand.

Dass es ein besonderer Ballettabend werden würde, war bereits zu Beginn der rund 40-minütigen Veranstaltung zu erahnen: Zu einem Medley bekannter Queen-Songs wirbelten die neun Tänzer von allen Seiten heran. Hinter, vor, neben dem Publikum – selbst das Geländer der Empore auf der ersten Ebene des Museums wurde mit einbezogen – waren Sprünge und Drehungen aus unmittelbarer Nähe zu erleben.

Improvisation als Beginn einer wiederholbaren Choreografie

Vor dem Hintergrund der großformatigen Foto-Arbeiten von Katharina Sieverding eroberten die jungen Balletttänzer mit ihren Improvisationen spielerisch die Tanzfläche im Erdgeschoss des Museums, bevor insgesamt acht Choreografien der ehemaligen Schüler präsentiert wurden, die als Beiträge für den erstmals ausgelobten Young Creation Award, einem Choreografie-Preis des renommierten Ballettwettbewerbs Prix de Lausanne, eingereicht wurden. Zum Abschluss wurde – einer inszenatorischen Klammer gleich – erneut eine Improvisation der Schüler gezeigt.

Wie Neumeier zur Einführung erklärte, seien es eben solche Improvisationen, die er als „eine Art nicht zu denken und nur zu tanzen“ umschreibt, aus denen letztlich Material für eine wiederholbare Choreografie gewonnen werde. „Sehr beeindruckt“ sei er von den Stücken der Ballettschüler gewesen, lässt er die Zuschauer wissen. Mit Samuel Winkler gewann schließlich einer von ihnen mit seiner Choreografie „Suppress“, getanzt von Gabriel Barbosa, den ersten Preis des Young Creation Award. Pablo Polos Choreografie „Guiado por...“, getanzt von Giuseppe Conte, schaffte es zudem bis ins Finale.

Doch nicht nur diese beiden Kreationen waren sehenswert – zumal in dem besonderen Ambiente des Museums Frieder Burda, das nun erstmals zur Bühne für Balletttänzer wurde. Es sei ihm ein Anliegen gewesen, so Neumeier, dass der „Tanz die ganze Stadt erfüllen soll“. Die Ortswahl sorgte vor allem für eine gewinnbringende Nähe zwischen Tänzern und Publikum – etwa indem nach einem Auftritt das laute Atmen der Tänzer am Rande der Zuschauerplätze zu hören war. Auch Neumeier trat mit den Zuschauern in einen unprätentiösen Austausch: „Wenn Sie nichts sehen, stehen Sie bitte auf. Das ist es wert“, riet er beispielsweise nach der ersten Choreografie von Giuseppe Conte, die von Pablo Polo getanzt wurde.

In die Seele des Tanzes blicken

Allen Choreografien gemein war an diesem Abend ein hohes Maß an emotionalem Ausdruck: Das Sprunghafte der Jugend, der rasche Wechsel der Gefühle, wurde stets spürbar. Neben Liebe und Schmerz umfasste die vertanzte Emotionspalette auch Hoffnung, Verunsicherung oder Verletzlichkeit. Die Lust am Spiel, das Ludische nahm als Motiv zudem einen großen Raum innerhalb der präsentierten Choreografien ein.

Dabei möchte man kaum glauben, dass die Hamburger Balletttänzer, die aus der ganzen Welt kommen, nicht älter als 20 Jahre sind: so berührend agieren sie, so tief lässt sich in die Seele des Tanzes blicken, so vollkommen scheint ihr technischer und künstlerischer Ausdruck. Die Präsentation der Abschlussklassen war demnach jung im besten Sinne: modern, frisch, mitreißend und inspirierend. Durch die Wahl des besonderen Veranstaltungsortes entstand zudem für die Zuschauer ein intimer, persönlicher Bezug zur kommenden Tänzergeneration.


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