Barockoper mit Mundschutz und Handschuhen

Mannheim (sr) – Rameaus erste Oper „Hippolyte et Aricie“ sollte in Mannheim schon vor einem Jahr aufgeführt werden – jetzt wird die Premiere in coronagerechter Ausstattung nachgeholt.

Jupiter mit seinem Hofstaat – in Mannheim wurde die Barockoper „Hippolyte et Aricie“ professionell aufgezeichnet. Premiere ist am 1. Mai.  Foto: Christian Kleiner/Nationaltheater Mannheim

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Jupiter mit seinem Hofstaat – in Mannheim wurde die Barockoper „Hippolyte et Aricie“ professionell aufgezeichnet. Premiere ist am 1. Mai. Foto: Christian Kleiner/Nationaltheater Mannheim

Für die Opernszene ist diese Pandemiezeit extrem herausfordernd: Singen wird wegen der Aerosole als hochgefährlich eingestuft, und gemeinsam mit dem Orchester sind schon deutlich zu viele Menschen im Raum. Wie soll man da eine vernünftige Produktion hinkriegen, die wenigstens via Onlinedienste ihr Publikum erreicht?

Das Nationaltheater Mannheim hat da schon reichlich Erfahrung gesammelt und lädt am Samstag, 1. Mai, zu einer offiziellen Opernpremiere vor die Bildschirme. Dazu wurden als Marketinggag sogar virtuelle Eintrittskarten verschickt – charmanterweise sitzen alle in der virtuellen Loge in Reihe eins auf Platz eins. Und der Eintritt ist sogar frei. Es gibt mit Jean-Philippe Rameaus 1733 entstandener erster Oper „Hippolyte et Aricie“ ein Barockkunstwerk, auf dessen besondere Stilistik der auf historische Aufführungspraxis spezialisierte Geiger und Dirigent Bernhard Forck die Mannheimer Musiker schon lange im Voraus vorbereitet hat. Dazu kommen einige alte Instrumente wie Cembalo, Gambe, Laute zum Einsatz und sogar ein eigens in moderner Stimmung gebauter Dudelsack, eine sogenannte Musette. Regie führt der Schweizer Lorenzo Fioroni. Das Team hatte bereits im März 2020 an der Inszenierung gefeilt, die dann im ersten Lockdown nicht mehr zur Aufführung kam.

Nachfrage aus Schulen ist gestiegen

Für die jetzt ein Jahr später realisierte Videoaufnahme musste das Regiekonzept technisch und coronagerecht komplett umgestaltet werden. Ein Trailer im Internet zeigt dennoch eine volle Bühne, wirbelnde Figuren und ein großes Orchester. Cordula Demattio, die Leitende Dramaturgin am Mannheimer Nationaltheater, berichtet im BT-Gespräch von den Herausforderungen dieser Produktion, mit der sich das Opernhaus der internationalen Konkurrenz stellt. „Wir arbeiten bei ,Hippolyte et Aricie’ mit der Streaming-Plattform Opera Vision zusammen, einem europaweiten Anbieter, und dem Kölner Medienunternehmen Klangmalerei für eine optimale Aufnahme von Bild und Musik.“ Perfektion ist gefragt, denn diese Aufnahme können Opernfans natürlich vergleichen mit Studioaufnahmen der Oper, die sie vielleicht zu Hause im Regal haben. In Mannheim bemüht man sich einerseits, den Charakter der Live-Aufführung zu bewahren, will aber andererseits keine Abstriche an klanglichen oder gesanglichen Finessen haben. Das Kamerateam konnte sich bei einigen Proben direkt auf der Bühne bewegen, um Nahaufnahmen einzufangen.

Die obligatorischen Gesichtsmasken wurden ebenso in das Spiel integriert wie Plexiglaswände und die vielfältigen Abstandsregeln – wer singt, muss mehr Abstand zu den anderen halten als etwa ein Statist. Und sicherheitshalber tragen alle Handschuhe. Flächendeckende Coronatests sind in so einem Rahmen selbstverständlich. Als oberste Instanz kontrollieren die Coronabeauftragten unter den Bühnenmeistern das Geschehen.

Zukunftspläne mit digitalem Theaternetzwerk

Das Mannheimer Nationaltheater hat 2020 zunächst mit neuen „Oper-kompakt“-Projekten den Weg ins Internet gesucht – dafür wurden eigene Fassungen geschrieben, in denen große Opern wie „Madame Butterfly“ für 16 Instrumente und ein kleines Sängerensemble verknappt und verkürzt wurden. Auch der Rameau ist jetzt um gut eine Stunde gekürzt – da bringt man schon Opfer, aber, so Cordula Demattio, „wir haben mit diesen Formaten auch die Chance, ein neues Publikum anzusprechen.“ So sei zum Beispiel die Nachfrage aus Schulen nach diesen Kompakt-Projekten deutlich gestiegen, wodurch die Zusammenarbeit der Theaterpädagogik mit den Schulen verstärkt und neu inspiriert wurde. „Hier hat das Digitale uns auch Vorteile gebracht, die wir in die Nach-Corona-Zeit übernehmen werden.“

Internet auch nach Corona im Blick

Die Rameau-Oper aber, deren Libretto auf Racines „Phädra“ beruht, wird ganz stilecht als festliche Opernpremiere gefeiert. Beginn ist nicht, wann jeder Lust hat, sondern am Samstag um 19 Uhr. Anschließend gibts eine virtuelle Premierenfeier, und im Live-Chat können sich die Zuschauer austauschen wie in der Theaterpause auch.

Das Nationaltheater ist jetzt auch dem „Theaternetzwerk digital“ beigetreten, das für die Zukunft neue Perspektiven erarbeiten will. Denn auch nach Corona will man auf das weitaus größere Publikum im Internet nicht mehr verzichten.

Den Link zur kostenlosen Premiere von Rameaus „Hippolyte et Aricie“ am Samstag, 1. Mai, 19 Uhr findet man auf der Homepage des Nationaltheaters Mannheim. Danach steht die Produktion on demand zur Verfügung.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sabine Rahner

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Erstellt:
29. April 2021, 16:58 Uhr
Lesedauer:
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