Bauprojekt in Altschweier stiftet Unfrieden

Bühl (BNN) – Ein geplantes Mehrfamilienaus in Altschweier sorgt seit 2019 für Streit: Anwohner kritisieren den Bebauungsplan – der Fall droht zur unendlichen Geschichte zu werden.

Streitpunkt: Das zweigeschossige Wohnhaus in der Bühler Seite im Stadtteil Altschweier mit der Hausnummer 48 soll durch einen Neubau ersetzt werden. Foto: Ulrich Coenen

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Streitpunkt: Das zweigeschossige Wohnhaus in der Bühler Seite im Stadtteil Altschweier mit der Hausnummer 48 soll durch einen Neubau ersetzt werden. Foto: Ulrich Coenen

Ein geplantes Mehrfamilienhaus im Bühler Stadtteil Altschweier sorgt seit 2019 für Streit. Anwohner kritisieren den Bebauungsplan und die Nachverdichtung. Der Fall droht zur unendlichen Geschichte zu werden.

Ein Blick zurück: Im Frühjahr 2019 hat ein Investor einen Bauantrag für ein Achtfamilienhaus eingereicht. Dieses sollte ein schlichtes zweigeschossiges Wohnhaus (Bühler Seite 48) ersetzen. Inmitten der kleinteiligen dörflichen Bebauung wäre ein massiver Baukörper entstanden. Die Nachbarn reagierten verärgert. Eine Unterschriftenliste gegen das Projekt kursierte. Auch der Ortschaftsrat äußerte Bedenken.

Das Problem in Altschweier ist typisch. Für die Bühler Seite gibt es – wie für die meisten dörflichen Ortskerne – keinen Bebauungsplan. Deshalb gilt dort Paragraf 34 des Baugesetzbuches, wonach sich Neubauten in die Eigenarten der näheren Umgebung einfügen sollen.

Der Widerstand hatte Erfolg. Am 18. September 2019 beschloss der Bühler Gemeinderat den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan „Bühler Seite-Rohrhirschmühle“. Ziel sei es, Spannungen und unerwünschte Tendenzen bei der Bebauung des Gebiets zu lenken, beispielsweise hinsichtlich der zulässigen Wohneinheiten, erklärte Oberbürgermeister Hubert Schnurr damals. Mit einem Bebauungsplan kann die Stadt direkt auf Formensprache und Dimensionen von Neubauten Einfluss nehmen. Ein Jahr später erließ die Stadt außerdem eine Veränderungssperre für das Gebiet, um baulichen Wildwuchs zu verhindern

In seiner letzten Sitzung vor Weihnachten beschäftigte sich der Gemeinderat erneut mit dem Thema. Nach der gesetzlich vorgeschriebenen Offenlage des Bebauungsplans waren im Sommer gleich 18 Stellungnahmen eingegangen. Der Bebauungsplan wurde überarbeitet, und zwar so gründlich, dass dadurch die Grundzüge der Planung betroffen sind. Deshalb muss der neue Bebauungsplan erneut offengelegt werden, Bürger können erneut Einsprüche geltend machen.

Zusätzliche Parkplätze nicht durchsetzbar

Der Archäologe Martin Strotz, der in Altschweier wohnt und sich von Anfang an gemeinsam mit Mitbürgern gegen das Projekt engagiert, bleibt skeptisch. „Der Bebauungsplan in der ersten Fassung sieht nunmehr für dieses Areal sechs Wohneinheiten vor“, stellt er fest. „Dieser Bau wird von verschiedenen Einwohnern als zu groß dimensioniert angesehen.“ Auch die Parkplatzsituation sei kritisch, weil der Investor lediglich acht Stellplätzen vorsehe.

Stadt-Pressesprecher Matthias Buschert spricht hingegen von einem guten Kompromiss. Im Vergleich zur ursprünglichen Planung sei eine Reduzierung um 25 Prozent erreicht worden. „Ziel ist, eine gewisse zusätzliche Verdichtung trotz der vorhandenen dörflichen Struktur zuzulassen“, stellt er fest. „Die erforderliche Anzahl der nachzuweisenden Stellplätze ist bauordnungsrechtlich vorgeschrieben. Das zusätzliche Anlegen nicht zwingend erforderlicher Stellplätze/Parkplätze ist wünschenswert, aber rechtlich nicht durchsetzbar.“

„Der Neubau würde wie ein Fremdkörper wirken“

Strotz betont, dass die Bühler Seite trotz moderner Bauten das Gepräge des 18./19. Jahrhunderts bewahrt habe. „Das Baufenster und auch die Neuplanung sprengen die vorherrschende Bebauung bei weitem“, meint er. „Der Neubau würde wie ein Fremdkörper wirken. Zudem wirkt er wie ein Riegel für die Fallwinde vom Sternenberg.“

Der Archäologe sieht auch denkmalpflegerische und landwirtschaftliche Probleme. So soll auch das prägnante Standkreuz, ein Kulturdenkmal, weichen. „Die Rohrhirschmühle, ebenfalls ein Kulturdenkmal, wird vom Sternenberg aus wohl nicht mehr sichtbar sein.“ Für die Anwohner rieche das nach „abgekartetem Spiel“.

Buschert weist die Vorwürfe zurück. „Das denkmalgeschützte Standkreuz muss nicht weichen, sondern erhält einen neuen Platz, gut sichtbar im Einmündungsbereich der Bühler Seite“, betont er. Überhaupt sei das gesamte Verfahren mit dem Landesdenkmalamt abgestimmt. Im Hinblick auf die Fallwinde sei ein Landschaftsplaner eingeschaltet worden, mit dem Ergebnis, dass die bestehende Luftleitbahn im Talraum zwar bereits gestört sei, jedoch dies nicht durch das geplante Bauvorhaben weiter verschärft würde.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Ulrich Coenen

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Erstellt:
5. Februar 2022, 06:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 56sec

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