„Baurecht, das ist pralles Leben“

Karlsruhe (BNN) – Als Direktor des Regionalverbands Mittlerer Oberrhein bestimmte Gerd Hager 21 Jahre lang mit, wo im Großraum Karlsruhe/Rastatt gebaut werden soll. Nun geht Hager in den Ruhestand.

Plant im Ruhestand eine Fünf-Tage-Woche: Gerd Hager, Verbandsdirektor des Regionalverbands Mittlerer Oberrhein. Foto: Rake Hora

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Plant im Ruhestand eine Fünf-Tage-Woche: Gerd Hager, Verbandsdirektor des Regionalverbands Mittlerer Oberrhein. Foto: Rake Hora

Als Direktor des Regionalverbands Mittlerer Oberrhein (RVMO) bestimmte Gerd Hager 21 Jahre lang mit, wo im Großraum Karlsruhe/Rastatt gebaut werden soll. Teure Großprojekte wie die Ikea-Ansiedlung oder der Streit um das Fabrikverkaufszentrum in Roppenheim bedeuteten ein hartes Ringen. Nun geht Gerd Hager in den Ruhestand – und will für seinen Job als Opa wöchentlich weit pendeln.

Beim Stichwort „Baurecht“ verdrehen Laien die Augen – das klingt für sie nach ganz viel undurchschaubarer Bürokratie. Gerd Hager widerspricht da vehement. „Baurecht, das ist pralles Leben“, betont er. „Ich habe sogar mal eine Baugenehmigung für ein Fußballspiel erteilt – für den Waldhof Mannheim.“ Ausgerechnet ein Spiel gegen den großen FC Bayern drohte damals zu scheitern. Es ist eine von Hagers Lieblingsanekdoten aus seinem langen Arbeitsleben. Als Direktor des Regionalverbands Mittlerer Oberrhein verabschiedet sich der 67-Jährige an diesem Freitag in den Ruhestand – nach 21 Jahren. Zur Rettung des hochkarätigen Fußballspiels trug er noch in seinem vorherigen Job bei.

Der Karlsruher Jurist Hager war Referatsleiter beim Regierungspräsidium Karlsruhe, als die Bayern im Dezember 1999 in Mannheim aufspielen sollten. „Es war das Pokal-Achtelfinale“, erinnert sich der Baurechtsexperte. Das Problem: „Das Benz-Stadion liegt im Wohngebiet und hatte daher nur ein gewisses Kontingent an Spielen pro Jahr – und diese Obergrenze hatte der Verein bereits durch Freundschaftsspiele ausgeschöpft.“ Sollte man in Frankfurt gegen den FC Bayern kicken? Heikle sportdiplomatische Verhandlungen mit dem DFB, Behörden und Anwohnern folgten. Schließlich fand man die Lösung: Die baurechtliche Genehmigung wurde für das Spiel geändert, und der SV Waldhof Mannheim spendete für einen guten Zweck. Das Fußballspiel endete zwar mit einem Sieg der Bayern. Doch für das Baurecht war das 0:3 in Mannheim aus Hagers Sicht ein Volltreffer. „In anderen Gesellschaften hätte man das mit Korruption gelöst – da wäre Geld geflossen. Bei uns ist das Planungsrecht ganz, ganz offen, bei uns geht es um gelebte Demokratie“.

„Da ist Betroffenheit und Geld im Spiel - da geht es zur Sache“

Diese Begeisterung versucht Hager, auch Studenten aus aller Welt zu vermitteln. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist Hager Dozent am Institut für Regionalwissenschaft. „Spannend“ findet er die Begegnung mit Studenten aus aller Welt. Da betreut er dann zum Beispiel eine Doktorarbeit über Stadtentwicklung in Westafrika.

Der Regionalverband ist im Großraum Karlsruhe/Rastatt für die großen Leitlinien zuständig, wenn es um Bauen, Gewerbeansiedlungen und Flächenverbrauch geht. „Da ist Betroffenheit und Geld im Spiel – da geht es zur Sache“, sagt Hager. „Wenn man in die Raumordnung geht, darf man kein rein konsensorientierter Mensch sein.“ Solchen Ärger abends nicht nach Hause zu nehmen, sei wichtig in diesem Job. Joggen half auch beim Dampfablassen. Gelegentlich reichte die Zeit auch für einen Marathon.

Das nervenaufreibendste Großprojekt seiner Amtszeit? Da muss Hager nicht lange überlegen. Das war der jahrelange Rechtsstreit um die Ikea-Ansiedlung. Dass der schwedische Möbel-Gigant letztlich doch in der Großstadt Karlsruhe baute und nicht auf einer riesigen grünen Wiese in Rastatt, sieht Hager als einen großen Erfolg.

Durchgeplante Woche auch als Pensionär

Als er 2001 Regionalverbandsdirektor wurde, startete der Baden-Airpark gerade neu durch. Der Schock über den Milliarden-Betrug des Flowtex-Bosses und Flughafenchefs Manfred Schmider saß noch tief. „Was ich so spannend fand: Wie ,Big Manni‘ von allen hofiert wurde – und später hat ihn keiner mehr kennen wollen“, erinnert sich Hager.

Eine durchgeplante Fünf-Tage-Woche will sich Hager auch als Pensionär auferlegen. Zwei Opa-Tage, ein Tag an der Universität – und zwei Tage pro Woche will der Ex-Regionalverbandsdirektor an Studien und Büchern arbeiten. Die Raumplanung lässt ihn nicht los. Den heftigen Streit um das Fabrikverkaufszentrum in Roppenheim beschäftigte ihn jahrelang. Baden war lange als Standort im Gespräch. Groß war die Angst der badischen Händler vor der Konkurrenz.

„Heute ist der Online-Handel das Problem“, betont Hager. „Da stehen riesige Lagerhallen auf der grünen Wiese, nur damit man Schuhe fünfmal hin und her schicken kann.“ Hier müsse der Staat regulierend eingreifen. Leidenschaftlich spricht Hager über Flächenfraß und Fehlentwicklungen.

Zugleich ärgert ihn die hartnäckige Kritik am deutschen Planungsrecht. „Ich höre oft: In China geht alles schneller“, sagt er. „Aber dort heißt es auch einfach mal: Ihr Haus steht im Weg, das muss weg.“ Wenn Bürgersorgen und Umweltschutz nicht zählen, sei es leicht, Mammutprojekte in Rekordzeit zu stemmen. „Bei uns werden viel mehr Interessen beteiligt“, betont Hager. „Wollen wir das alles über Bord werfen?“

Ihr Autor

BNN-Redakteurin Elvira Weisenburger

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Erstellt:
26. Februar 2022, 12:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 18sec

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