„Bayerischer Wald“: Der lange Weg zurück zur Wildnis

Grafenau (sj) – Der Nationalpark „Bayerischer Wald“ war der erste überhaupt in Deutschland. Der frühere Leiter Hans Bibelriether erinnert sich an die Gründung vor 50 Jahren.

Abgestorbene Bäume sind ein wertvoller Lebensraum für Kleinstlebewesen. Foto: pr

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Abgestorbene Bäume sind ein wertvoller Lebensraum für Kleinstlebewesen. Foto: pr

„Wahnsinn, wie sich die Vegetation verändert hat“. Die zwei Wanderer sind überrascht vom Anblick des Lusen, der 1.373 Meter hohen Bergkuppe am Südostrand des „Bayerischen Walds“. Vor sechs Jahren waren die beiden das letzte Mal hier hoch gewandert. Ein gutes Stück Weg liegt noch vor ihnen, bis sie das markante Granitfeld erreichen. „Himmelsleiter“ nennen die Einheimischen den treppenartigen Aufgang. Von oben gibt es einen Ausblick ins Nachbarland Tschechien, in den weiter östlich liegenden Nationalpark Sumava.

Das grüne Dach Europas nennt man das Großschutzgebiet auch, das im Oktober vor 50 Jahren gegründet wurde und seit Öffnung des Eisernen Vorhangs mehr und mehr zusammen wächst – dort, wo Oberpfälzer Wald, Bayerischer Wald und Böhmerwald sich vereinen. Der Ausblick an diesem Tag bleibt bescheiden, dicke Wolken hängen am Himmel. Hohe Niederschläge und das kühle Klima sind mitverantwortlich, dass im „Bayerischen Wald“ keine reinen Laubwälder entstehen konnten.

Rund um den Lusen und die Erhebung Rachel gab es 1983 und in Folgejahren einen regelrechten Kahlschlag. Am Vormittag des 1. August 1983 ballten sich turmhohe schwarze Gewitterwolken über dem bayerisch-böhmischen Grenzkamm. Der Tag sollte für die Zukunft des ersten deutschen Nationalparks von größter Bedeutung werden. In nur einer Stunde warf der Sturm auf 90 Hektar Fläche der Waldhochebene 30.000 Festmeter Fichtenstammholz zu Boden. Schnell wurde entschieden – obwohl höchst umstritten – die gefallenen Stämme einfach liegen zu lassen. „ Wir wollen hier einen Urwald für unsere Kinder und Kindeskinder“, sagte der damals verantwortliche Forstminister Hans Eisenmann. 1984 folgte erneut ein schwerer Wintersturm. Zudem begannen die Folgejahre mit außerordentlich warmen und trockenen Monaten: mit massiver Vermehrung der Borkenkäfer in der Folge. Mit den Stürmen „Vivian“ und „Wiebke“ stieg der Befall in nicht vorstellbarem Tempo.

Das Ergebnis: Weitflächig wirkte der Nationalpark über fast zwei Jahrzehnte wie kahlgefegt. Bis zum Jahr 2012 waren auf mehreren Tausend Hektar die alten Fichtenwälder abgestorben. Der Nationalpark erschien – so erinnert sich sein erster Leiter Dr. Hans Bibelriether – „in den höheren Lagen großflächig braun“. Nur die Mischwälder, in denen die Fichte nicht dominierte, waren grün geblieben. Solche Monokulturen hätten für den Borkenkäfer erst Möglichkeiten geschaffen, sagt er. Es sind sichtbare Veränderungen in nur knapp drei Jahrzehnten, welche die zwei Wanderer aus Pfaffenhofen an dem Tag im Juli erleben. Mit der Botschaft: Die Natur hilft sich selbst.

Naturraum ohne den Menschen

Der Forstwissenschaftler Hans Bibelriether gilt als der „Macher“, der wohl wichtigste Verfechter des Nationalparks „Bayerischer Wald“. Er kämpfte sein Leben lang für natürliche Wälder und gegen sogenannte „Förster-Forste“. Erste Sporen verdiente er sich am Institut für Waldbau der Universität München, ehe er im Juli 1969 zum Leiter des neu zu schaffenden Nationalparkamts nach Spiegelau im heutigen Landkreis Freyung-Grafenau berufen wurde. Dort wurde dann im Oktober 1970 der deutschlandweit erste Nationalpark feierlich eröffnet.

Ohne die Beharrlichkeit Bibelriethers, der 29 Jahre im Amt war, gäbe es das Schutzgebiet in der heutigen Form wohl kaum. Tote Bäume waren nicht nur zum Start des Nationalparks ein – vordergründig gesehen – emotionales Problem. Traditionelle Förster, so sieht es Bibelriether, sahen den Wald als Wirtschaftsgut.

Bibelriether entwickelte schon in jungen Jahren eine starke Beziehung zur Natur. Mit zwölf Jahren, am Ende des Zweiten Weltkriegs, konnte er ein Jahr lang nicht zur Schule gehen. Später betrachtete er das als Glück: „Ein Jahr lang konnte ich die Natur erleben, war ständig draußen“.

Der Forstwissenschaftler Hans Bibelriether gilt als der „Macher“ des Nationalparks „Bayerischer Wald“. Foto: Stefan Jehle

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Der Forstwissenschaftler Hans Bibelriether gilt als der „Macher“ des Nationalparks „Bayerischer Wald“. Foto: Stefan Jehle

Später fand er seine Lebensbestimmung im „Bayerischen Wald“. 2017 hat Bibelriether seine Erfahrungen in einem Buch niedergeschrieben. Da ist viel von Kämpfen die Rede, von Neuland. Zwar hatte der Park eine Vorgeschichte. Schon 1909 wurde der bayerische Wald erstmals als geeignet für ein großes Naturreservat genannt. 1928 erträumte sich ein Geheimrat der bayerischen Staatsforstverwaltung einen Nationalpark: „Wo keine Axt hallt, keine Sense klingt, kein Schuss fällt, kein Vieh weidet“. Doch es dauerte bis Mitte der 1960er Jahre, bis die Idee auflebte. Der Umweltschützer Hubert Weinzierl und der Tierfilmer und Zoodirektor Bernhard Grzimek kamen mit ins Boot. Ministerpräsident Alfons Goppel wurde für die Idee gewonnen, die Bezirksregierung stimmte dafür. Am 11. Juni 1969 beschloss der bayerische Landtag einstimmig die Errichtung des ersten Nationalparks.

Doch dann ging es erst richtig los: „Bei der Gründung hatte man noch keine Vorstellung davon, was ein Nationalpark eigentlich ist“, erinnert sich Bibelriether. Er reiste viel, informierte sich in anderen Ländern: den USA, der Schweiz und Australien. Die Idee: Einen Naturraum zu schaffen, in dem der Mensch nicht eingreift. Es wurden Normen festgelegt: Mindestens 10.000 Hektar sollte ein Nationalpark umfassen. Das war auch die Basis für das 15. Schutzgebiet der Art, den 2014 zwischen Baiersbronn, Forbach und der Ortenau errichteten Nationalpark Schwarzwald. Der jüngste, der 16. Park, liegt seit 2015 im Hunsrück.

In den Anfangsjahren waren es für Bibelriether und sein Team vor allem die Konflikte mit den Forstämtern und Jagdrevierleitern, die vieles im Alltag beherrschten. Weiterhin wurden Tausende Festmeter Holz aus dem eigentlich geschützten Wald herausgenommen. Oberstes Ziel blieb jedoch, die Natur, Flora und Fauna als Ganzes zu schützen. Sukzessive sollten immer mehr Flächen aus der Nutzung heraus. Auch die Rotwildjagd konnte bald beendet werden.

„Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück“

„Das war alles ein Lernprozess“, sagt Bibelriether. Oft sei es, auf dem langen Weg zum wilden Wald, nach dem Motto gelaufen: „Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück“. Das geschützte Auerhuhn war trotz des neuen Nationalparks in zwei Jahrzehnten fast ausgestorben, bekam aber neuen Zuwachs nach Öffnung der Grenze zu Tschechien. Bestimmte Wege sollten von Besuchern nicht mehr betreten werden – die Natur bekam Ruhezonen. In den Anfangsjahren, so sagt der heute 87-jährige Experte, seien an den Straßen, die in den Nationalpark hineinführten, noch Parkplätze angelegt worden – in einem Fall auch mal ein Campingplatz. Das habe man bald wieder zurückgebaut.

Ab dem Sommer 1972 gab es den ersten hauptamtlichen Aufseher – nach dem Vorbild der „Ranger“, wie etwa in dem 1914 gegründeten Schweizer Nationalpark im Osten von Graubünden oder dem seit 1872 bestehenden Yellowstone Nationalpark in den USA. Der neue Ordnungsdienst hieß „Nationalparkwacht“.

Der noch Ende des letzten Jahrtausends totgesagte Wald hat sich nicht nur stark verjüngt, er wächst auch dichter und artenreicher als zuvor. Aus dem „größten Waldfriedhof Europas“, wie ein Magazin damals titelte, ist ein riesiger Waldkindergarten geworden. Das mögen auch die Tiere. Auerhühner brüten wieder zu Hunderten in der Region. Luchs und Wolf haben wieder ihre Heimat in den zur Wildnis gewordenen Wäldern. Biber gestalten ihre Gebiete.

Die Konflikte sind aber nicht beendet: etwa im nördlichen Erweiterungsgebiet mit dem Großen Falkenstein, unweit von Zwiesel und Bayerisch-Eisenstein. Bei den neuen Flächen, 1997 beschlossen, war für eine Übergangszeit von 20 Jahren weiter „das Holzmachen“ möglich.

Der Nachfolger von Bibelriether als Leiter der Parkverwaltung, der Biologe und Experte für Ornithologie Franz Leibl, äußerte im Jubiläumsjahr 2020 den Wunsch, 75 Prozent des heute mehr als 23.000 Hektar großen Waldgebiets „aus der Nutzung zu nehmen“. Im Moment sind es 72,3 Prozent der Gesamtfläche, auf der kein Mensch mehr eingreift. Längst sei der Bayerische Wald Maßstab für andere Nationalparks. Der frühe Mitstreiter des Projekts, der 2019 verstorbene Naturfilmer Horst Stern, hatte es schon in den Anfängen vorausgedacht: „Besser der Borkenkäfer als die Motorsäge im Nationalpark“, sagte er damals.

Infos

Der Nationalpark Bayerischer Wald wurde am 7. Oktober 1970 als erstes deutsches Schutzgebiet dieser Kategorie mit einer Größe von 13.000 Hektar eröffnet. 1997 wurde der Park um 11.000 Hektar erweitert. Bis heute gibt es 15 Nachahmer.

Info-Zentren: Nationalparkzentren Lusen (bei Neuschönau), und Falkenstein (bei Ludwigsthal/Zwiesel). Die Parkverwaltung zählt aktuell 208 Mitarbeiter, davon sind 26 „Ranger“.

Tiere: 605 Auerhühner leben in dem bewaldeten Grenzgebiet zwischen Bayern und Tschechien – zwei Drittel davon in den beiden zusammenwachsenden Nationalparks. In zwei Tierfreigeländen am Lusen und am Falkenstein leben zudem 42 weitere Arten in Landschaftsgehegen: vorneweg Wisente, Biber, Braunbären, Rothirsche, Wildkatzen, Wölfe und Luchse. 92.600 Hektar groß ist die grenzenlose Waldwildnis der Nationalparks Bayerischer Wald und (des tschechischen) Sumava. Damit bildet die Region das größte zusammenhängende Waldschutzgebiet Mitteleuropas.

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Erstellt:
22. August 2020, 11:30 Uhr
Lesedauer:
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