Beben reißt alte Traumata auf

Karlsruhe (fh) – Die Kinderhilfe nph mit Sitz in Karlsruhe hat Projekte im erdbebengebeutelten Haiti. Medizinisches Personal der Organisation unterstützt derzeit Krankenhäuser im Katastrophengebiet.

Neben der akuten Notlage sind auch psychische Folgen – gerade für Kinder – nicht zu vernachlässigen. Foto: Joseph Odelyn/dpa

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Neben der akuten Notlage sind auch psychische Folgen – gerade für Kinder – nicht zu vernachlässigen. Foto: Joseph Odelyn/dpa

Als am Samstag die Erde in Haiti bebte, war dies auch im weniger stark betroffenen Raum Port-au-Prince zu spüren. Die nph-Kinderhilfe mit Sitz in Karlsruhe betreibt in der Nähe der Hauptstadt mehrere Einrichtungen, unter anderem das Kinderdorf St. Hélène sowie das Kinderkrankenhaus St. Damien.

Das Erdbeben der Stärke 7,2 erschütterte vor allem den Südwesten Haitis, richtete große Schäden an und forderte zahlreiche Todesopfer. Es war im ganzen Land und in der Dominikanischen Republik spürbar – so auch in dem Kinderdorf St. Hélène, 40 Kilometer von Port-au-Prince, das zu nph gehört. Die Abkürzung steht für nuestros pequenos hermanos – unsere kleinen Brüder und Schwestern.

Erinnerung an Beben 2010 sitzt tief

Die Haiti-Projektkoordinatorin der Organisation, Sonja Smolka, berichtet, wie die Menschen in Schulen und Gesundheitszentren der Kinderhilfe bei dem Beben fluchtartig nach draußen gerannt sind. „Alle haben auch in der darauffolgenden Nacht im Freien übernachtet. Niemand wollte zurück in die Häuser gehen“, sagt sie. Die Erfahrung des großen Erdbebens von 2010 sitzt noch tief – die Angst vor Nachbeben auch. „Bei vielen ist das Trauma wieder hochgekommen. Sie werden jetzt von Sozialarbeitern und Psychologen betreut.“ Davon abgesehen sind die nph-Kinder und -Mitarbeiter aber wohlauf.

Nicht alle kamen so glimpflich davon. Die langjährige Partnerorganisation von nph, die Fondation St. Luc, betreibt im Katastrophengebiet zahlreiche Projekte wie Gesundheitsstationen und Schulen. Ihre Gebäude sind nph zufolge erdbebenresistent und haben die Katastrophe mit nur kleinen Rissen gut überstanden.

„Die Kapazitäten sind völlig ausgeschöpft“

Ein Team der Kinderhilfe aus Ärzten und Krankenschwestern, das in dieser Region im Außeneinsatz war, hat am Samstag sofort die umliegenden Krankenhäuser kontaktiert und Hilfe angeboten. „Die Mitarbeiter waren vor Ort, um Gesundheits-Check-ups an Schulen durchzuführen“, berichtet Smolka.

Das medizinische Personal kümmert sich derzeit um Notfallversorgung und unterstützt im Krankenhaus in St.-Louis-du-Sud, wo der aktuelle Hilfebedarf am größten ist. Dort versorgt das Team Schwerstverletzte. „In den Krankenhäusern fehlt es an Platz und Ausstattung zur Versorgung der vielen Verletzten, auch an medizinischem Personal und den einfachsten Verbrauchsgütern und Medikamenten. Die Lage in den Krankenhäusern war zuvor schon unzureichend. Jetzt sind die Kapazitäten völlig ausgeschöpft“, erläutert Smolka.

Es gibt nur eine größere Straße vom Zentrum des Landes und der Hauptstadt in Richtung St.-Louis-du-Sud und ihrer Nachbarstadt Jeremie, heißt es in einer Mitteilung der Kinderhilfe. Diese Straße ist unterbrochen – es ist also eine Herausforderung, Hilfsmaterial und Medikamente ins Bebengebiet zu transportieren.

Zwei Nothilfe-Teams von nph brachen am Sonntag von der Hauptstadt mit Hilfsgütern auf. Weil ein Erdrutsch die Straße blockierte, konnten sie nicht ins Katastrophengebiet fahren, sie mussten die Güter zu Fuß über den zerstörten Straßenabschnitt bringen, wo Personal der Schwesterorganisation diese in Empfang nahm.

Das von der Fondation St. Luc betriebene Krankenhaus in Port-au-Prince hält laut Mitteilung 50 Betten bereit und ist auf Röntgen- und CT-Untersuchungen von Verletzten eingerichtet. Auch das Kinderkrankenhaus St. Damien bereitet sich auf die Aufnahme von zahlreichen pädiatrischen Fällen vor. Die nph-Kinderhilfe hat den Angaben zufolge eine Soforthilfe von 50.000 Euro zugesagt.

Probleme mit Trinkwasserversorgung

Ein weiteres Problem sind laut Smolka Infektionskrankheiten, die sich durch verunreinigtes Wasser verbreiten. „Darum ist es wichtig, Trinkwasser bereitzustellen, aber auch über die Risiken aufzuklären. Das beginnt schon bei den Kindern, die dieses Wissen dann in ihre Familien tragen“, sagt sie. Hinzu kommt eine deutliche Ausbreitung der Corona-Infektionen.

Smolka kennt die Situation auch im ländlichen Raum. „Was sich die betroffenen Familien jetzt am dringendsten wünschen, ist ein Dach über dem Kopf, denn die Hurrikan-Saison steht bevor.“ Es gelte zu verhindern, dass in Haiti weitere Zeltstädte entstehen, die sich nach und nach zu Elendsvierteln entwickeln. Langfristig gesehen dürfe man neben dem Wiederaufbau, der sicher viele Jahre dauern wird, auch die psychischen Folgen der Katastrophe – gerade für die Kinder und Familien – nicht aus den Augen verlieren.


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