Olaf Scholz in Karlsruhe: Beflügelt und entschlossen

Karlsruhe (kli) – Die Umfragen steigen, die Stimmung bei den Sozialdemokraten steigt auch. Kanzlerkandidat Olaf Scholz wirbt am Montagabend in Karlsruhe für eine neue Regierung mit ihm an der Spitze.

Erläutert in Karlsruhe die Vorhaben seiner Partei: SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz.     Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

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Erläutert in Karlsruhe die Vorhaben seiner Partei: SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

Der bange Blick der Verantwortlichen geht nach oben. Wird das Wetter halten? Olaf Scholz, Kanzlerkandidat der SPD, macht gestern Abend in Karlsruhe Station. Der Himmel grau, die Plakate rot auf schwarzer Bühne. Die Wahlkämpfer, darunter Gabriele Katzmarek aus dem hiesigen Wahlkreis, stehen artig im Hintergrund und umrahmen den Gast. Jetzt ist Zeit für Scholz, der der schwarzen Berliner Limousine entsteigt.

Lässig im weißen Hemd wirbt er für eine neue Regierung mit ihm an der Spitze. Was vor ein paar Wochen noch belächelt worden wäre, ist laut jüngsten Umfragen, nach denen die SPD der Union bedenklich nahe rückt, nicht mehr ganz so unwahrscheinlich. Der Aufwind beflügelt die Sozialdemokraten sichtlich, auf Karlsruhes Marktplatz ist die Stimmung prächtig.

„Die Corona-Krise können wir jetzt hinter uns lassen, aber wir müssen noch vorsichtig sein“, sagt er ernst. Sein Appell: „Lassen Sie sich impfen.“ Er könne Vorsicht und Skepsis von Impfzögerern verstehen, aber: „Wir waren gerne eure Versuchskaninchen, aber jetzt könnt ihr an uns ja sehen: Es ist nicht so schlimm ausgegangen.“

„Systemrelevante Berufe ordentlich bezahlen“

Scholz dekliniert seinen „Respekt“-Wahlkampf durch. Wenn der Staat 400 Milliarden neue Schulden machen müsse, um die Corona-Krise zu finanzieren, seien Steuersenkungen für Reiche jedenfalls der falsche Weg. „Respekt“ heiße, systemrelevante Berufe auch nach der Corona-Krise ordentlich zu bezahlen und den Mindestlohn zu erhöhen. Den habe man gegen den Widerstand von Union und FDP dereinst erstritten. Inzwischen sei auch die FDP dafür, das sei ein Fortschritt, denn: „Wenn die jetzt auch vom Mindestlohn sprechen, haben wir gewonnen.“ Lacher auf dem Marktplatz.

Im ersten Jahr seiner Kanzlerschaft werde er den Mindestlohn auf zwölf Euro erhöhen, verspricht er, und als ob er es nicht richtig glauben kann, versagt beim Wort „Kanzlerschaft“ die Stimme. Schnell reicht ihm jemand einen Schluck Wasser, dann geht das Wort leichter über die Lippen.

Bei den Weichenstellungen für die 20er Jahre gehe es um die Zukunft der Arbeitsplätze, um Forschung und Technologie und darum, den Klimawandel aufzuhalten. „Die Genehmigung einer Windkraftanlage darf nicht sechs Jahre, sondern nur sechs Monate dauern“, fordert er.

„Ein klitzekleines Umsetzungsproblem“

Scholz kommt mit wenigen Seitenhieben auf die parteipolitische Konkurrenz aus, schon im kurzen Vorgespräch mit der Presse hält er sich mit Bewertungen seiner Konkurrenten zurück. Für ihn auch eine Art des Respekt-Wahlkampfs.

Dann aber auf der Bühne doch ein kurzer Hieb: Die Grünen, sagt er genüsslich, hätten ein „klitzekleines Umsetzungsproblem“: „Zwölf Windräder in Baden-Württemberg sind nicht der Beweis von Entschlossenheit, aber gemeinsam kriegen wir das hin.“

Ein Kanzler Scholz? „Ich bin sehr berührt, wenn ich spüre, dass viele mir dieses Amt zutrauen, ich bin sehr bewegt davon“, sagt er, was natürlich mit weiterem Applaus quittiert wird. Nun gelte es aber, demütig zu bleiben und weiter zu kämpfen, mahnt er.

Konzept des Bürgergelds

Seinem Auftritt schließt sich eine Fragerunde an. Viele Hände gehen hoch, die Jusos reichen Mikros. Scholz erläutert das Konzept seiner Partei zum Bürgergeld, lobt die von ihm als Finanzminister maßgeblich vorangetriebene Einigung von 130 Staaten zur Mindestbesteuerung von Unternehmen.

Er stemmt sich gegen Finanzspekulationen („Hier die Regeln zu lockern, wäre die falsche Idee“), will Pflegekräfte besser bezahlen, was aber nicht zu höheren Beiträgen für die Versicherten führen dürfe.

Mit wem er regieren wolle, fragt eine Zuhörerin, doch bitte nicht wieder mit der Union. Scholz versichert: „CDU/CSU müssen sich in der Opposition erholen, sie haben jetzt zu lange auf Lobbyisten gehört.“

Den meisten Applaus erhält ein junger Fragesteller: „Ich bin eigentlich Grünen-Mitglied, aber Sie haben mich überzeugt, Herr Scholz.“ Der gefeierte Umfaller droht zugleich: „Aber ich werde Sie beobachten, Herr Scholz.“ Den freut es. „Das sollten Sie auch“, rät er ihm. Er wolle nur Versprechen abgeben, die er auch halten könne. Zur Erleichterung der Planer hält der Himmel über dem Marktplatz dicht. Erst nach dem Scholz-Auftritt geht ein heftiger Regenguss über Karlsruhe nieder.

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Erstellt:
23. August 2021, 21:10 Uhr
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