Behandlung auf der Straße

Rastatt (ema) – Der Streit um den Bau einer Rampe vor der ehemaligen Thalia-Buchhandlung ist kein Einzelfall. Auch das Sanitätshaus Krux musste schon mit dem Denkmalschutz hadern.

Auch dem Sanitätshaus Krux wird eine behindertengerechte Rampe verweigert. Diese Konstruktion ist nicht für Rollstuhlfahrer gedacht. Foto: fuv

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Auch dem Sanitätshaus Krux wird eine behindertengerechte Rampe verweigert. Diese Konstruktion ist nicht für Rollstuhlfahrer gedacht. Foto: fuv

Als Jürgen Haller den BT-Artikel über den Konflikt um den Bau einer Rampe vor der ehemaligen Thalia-Buchhandlung in der Poststraße las, kamen in dem 74-jährigen Muggensturmer schlagartig unangenehme Erinnerungen hoch. Erinnerungen daran, wie er vor drei Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen war und im Herzen der Barockstadt auf der Straße behandelt werden musste, weil eine Rampe fehlte.
Ausgerechnet im Sanitätshaus Krux an der Ecke Kaiserstraße/Rathausstraße musste Haller erleben, was es heißt, wenn ein Umfeld baulich gerade nicht auf Inklusion eingestellt ist. Nach einer Fuß-Operation im Jahr 2017 war der Muggensturmer drei Monate an den Rollstuhl gefesselt, da der Fuß nicht belastet werden durfte. Danach ging’s mit Krücken sehr moderat und mühsam weiter. In dieser Situation sollte Haller Einlagen bekommen und wollte dies wie immer bei Krux in Rastatt erledigen, was aber weder mit Rollstuhl noch mit Krücken im Geschäft möglich gewesen sei. Der Aufgang zum Geschäft sei zu steil, und die bestehende Rampe beim besten Willen nicht zu überwinden gewesen. Konsequenz: „Die erforderlichen Abdrücke mussten neben dem Auto auf der Straße angefertigt wurden, ebenso die anschließende Anprobe der Einlagen“, schreibt der 74-Jährige an die BT-Redaktion.

„Ich hab mich damals geärgert“

Geschäftsinhaber Tilman Krux weiß natürlich um die missliche Situation und hätte sie gerne schon längst beseitigt. Als der Familienbetrieb 1990 ins jetzige Domizil gegenüber dem Rathaus einzog, wurde Krux umgehend mit einer Bauvoranfrage für eine Rampe bei der Stadtverwaltung vorstellig. Dem Inhaber des Sanitätshauses ging es aber damals wie jetzt dem Immobilienverwalter Thomas Hatz, der mit dem Wunsch nach einem barrierefreien Zugang im alten Thalia-Gebäude keine Unterstützung im Rathaus findet. In der Abwägung der Interessen genießt bei der Stadtplanung die Pflege des barocken Stadtbilds im Sinne des Denkmalschutzes einen höheren Stellenwert als die Inklusion – allen sonstigen hehren Bekenntnissen des Oberbürgermeisters zur Barrierefreiheit zum Trotz.

„Ich hab mich damals geärgert“, erinnert sich Krux an die ablehnende Haltung der Stadtverwaltung. Mittlerweile habe er sich aber mit der Situation arrangiert und auch ein gewisses Verständnis dafür, dass das barocke Stadtbild so kompromisslos geschützt werde. Er begrüßt aber die jetzt angestoßene Diskussion: „Man muss darüber sprechen und gewichten: Was ist wichtiger?“

Ein Preis für die rigorose Haltung der Stadtplanung ist im Falle des Sanitätshauses, dass Kunden immer wieder auf der Straße behandelt werden müssen. Dies komme aber sehr selten vor, betont der Geschäftsinhaber. Seine Mitarbeiter seien längst geübt darin, gegebenenfalls Rollstuhlfahrer Stufe für Stufe nach oben zu tragen: „In aller Regel schaffen wir das“, sagt Krux und weist darauf hin, dass die bestehende steile Rampe nicht für Rollstuhlfahrer gedacht sei, sondern für Paketzusteller und Kinderwagen.

Für Jürgen Haller jedenfalls war die Situation damals nicht mehr akzeptabel. Er suchte eine Alternative und weicht nun auf ein Orthopädiegeschäft in Gaggenau aus.


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