Behörden sehen Vogelschützer Fingermann überfordert

Rastatt (ema) – Das Landratsamt verteidigt den befristeten Aufnahmestopp in der Wildvogelstation Fingermann wegen Gesetzesverstößen. Die Behördenvertreter meinen, die Betreiber seien überfordert.

Im Einsatz für die Wildtiere: Nach Auffassung des Landratsamts werden Pierre und Kevin Fingermann vielen gesetzlichen Vorschriften in ihrer Auffangstation nicht gerecht. Foto: Archiv

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Im Einsatz für die Wildtiere: Nach Auffassung des Landratsamts werden Pierre und Kevin Fingermann vielen gesetzlichen Vorschriften in ihrer Auffangstation nicht gerecht. Foto: Archiv

Ist den Rastatter Vogelschützern Pierre und Kevin Fingermann der Betrieb ihrer Wildvogelauffangstation über den Kopf gewachsen? Diesen Eindruck vermittelt nun das Landratsamt, das die Vorwürfe der Familie gegen die Behörde kontert und die befristete Aufnahme-Untersagung verteidigt.
Vom Dezernenten, über zwei Amtsleiter, einer Sachbearbeiterin bis zum Wildtierbeauftragten: Die Kreisverwaltung bot am Donnerstag einiges auf, um sich gegen die Vorwürfe zu wehren. Allem vorneweg: Die Vorhaltung der Fingermanns, dass quasi eine „persönliche Fehde“ in Gang sei, weist die Behörde in aller Entschiedenheit zurück. „Diffamierende“ Äußerungen von Facebook-Nutzern gegen Mitarbeiter des Veterinäramts in digitalen Netzwerken seien mittlerweile gelöscht, berichtete Dezernent Stefan Biehl nach Intervention des Kreis-Justiziars.

Die Behördenvertreter machten in der Pressekonferenz deutlich, warum sie in den vergangenen beiden Jahren einschreiten mussten. Veterinäramtsleiter Peter Reith berichtete von zwei Anzeigen, die im Jahr 2019 wegen Missstände bei der Tierhaltung in der Station eingegangen seien. Und laut Sébastien Oser, Leiter des Amts für Baurecht, Klima- und Naturschutz und öffentliche Ordnung, sei Fingermann 2019 selbst auf die Behörde mit der Frage nach Unterstützung zugegangen. Nach Schilderungen der Amtsleiter kam es in der Folge immer wieder zu Kontrollen sowie Beratungs- und Hilfsangeboten. Pierre Fingermann habe die Offerten aber stets abgelehnt und sie als „persönliche Kritik ausgelegt“; Besserungen seien nicht eingetreten. Daraufhin hat das Landratsamt das Regierungspräsidium (RP) eingeschaltet, das zuletzt an einer Kontrolle beteiligt war. Gemeinsam waren die Behörden nach dieser Inspizierung zu dem Ergebnis gekommen, den Fingermanns bis Ende September die weitere Aufnahme von Tieren zu untersagen, weil eine tier- und artenschutzgerechte Behandlung nicht sichergestellt werden könne. Man sei bei Kontrollen auf ein totes und fast verendetes Tier gestoßen; einige Vögel habe man herausgenommen und einer Auswilderungsstation übergeben, hieß es am Donnerstag. Die Behörden werfen Fingermann vor, Meldepflichten nicht nachgekommen und mit kranken Tieren nicht beim Tierarzt vorstellig geworden zu sein. Laut Reith fehle es in dem Betrieb an Ausrüstung und Fachwissen, um die beeinträchtigten Wildvögel angemessen zu behandeln und möglichst schnell wieder in die Natur zu entlassen, damit sie sich nicht an den Menschen gewöhnen.

Keine Kontrollpflicht

Der Behörde zufolge leben im Schnitt um die 100 Tiere in der Station. „Das ist ehrenamtlich mit ein bis zwei Personen nicht leistbar“, sagt Oser, nach dessen Eindruck die Fingermanns mit dem Betrieb überfordert seien. Der Kritik, dass der Vogelschützer seit 28 Jahren die Station betreibt und plötzlich alles ganz falsch laufen soll, tritt der Amtsleiter mit dem Hinweis entgegen, dass für eine solche private Wildtierstation keine Kontrollpflicht bestehe. Die Behörde schreite deshalb erst nach Hinweisen ein, etwa Anzeigen.

Der Fall Fingermann, so wird deutlich, wirft auch Grundsatzfragen auf. Für Fundtiere sind Städte und Gemeinden zuständig, die meistens dafür Tierheime einschalten. Bei Wildtieren habe der Staat keine Verantwortung – es sei denn, es geht eine Gefahr aus, so Oser. Der Wildtierbeauftragte Martin Hauser nutzte deshalb die Pressekonferenz für einen Appell: „Wildtiere müssen Wildtiere bleiben.“ Artgerechte Haltung in menschlicher Obhut sei eine diffizile Aufgabe. Hauser plädierte dafür, verletzte Tiere zum Tierarzt zu bringen – und dabei auch in Kauf zu nehmen, dass das Tier eingeschläfert werden muss: „Natur kann grausam sein.“

Die Anlage der Fingermanns soll trotzdem seine Existenzberechtigung haben: „Wir wollen, dass die Station läuft“, sagt Veterinär Reith. Entsprechend steht der Landkreis auch zu dem Futtermittelzuschuss im mittleren vierstelligen Bereich an Fingermanns – eine Unterstützung, die die meisten Landkreise nicht leisten würden.

Die Kreisverwaltung beabsichtigt nun, gemeinsam mit dem RP Ende September das Gespräch mit den Fingermanns zu suchen. Sollten sich die Zustände nicht gebessert haben, könnte der Aufnahmestopp verlängert oder die Station gar geschlossen werden. Von der Einleitung strafrechtlicher Ermittlungen habe man „bisher“ abgesehen, sagt Peter Reith. Das wäre nur im Fall von „Tierquälerei“ gerechtfertigt – doch so weit will die Behörde aktuell nicht gehen.


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