Behörden verteidigen Sonderstellung des Schulsports

Stuttgart/Rastatt (fk/bjhw) – Sport in der Schule ist erlaubt, im Verein nicht: Das liegt unter anderem an der unterschiedlichen Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten.

Während der Vereinsfußball im Lockdown ist, rollt der Ball im Schulsport stellenweise weiter. Die Corona-Verordnung lässt das zumindest in Teilen zu. Foto: Frank Vetter/Archiv

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Während der Vereinsfußball im Lockdown ist, rollt der Ball im Schulsport stellenweise weiter. Die Corona-Verordnung lässt das zumindest in Teilen zu. Foto: Frank Vetter/Archiv

Im Frühsommer, als die per Corona-Verordnungen verhängten Verbote und Verschärfungen schrittweise gelockert oder aufgehoben wurden, hat die Landesregierung eine Vereinfachung aller Vorgaben versprochen. In der zweiten Welle der Pandemie gibt es aber wieder viele Detail- und Einzelregelungen. Am Beispiel des Schul- und Vereinssports zeigt sich, wie auch direkt Betroffene nur schwer den Überblick behalten können, wann wer wo und warum trainieren oder wettkämpfen darf.

Woher kommen Unklarheiten, aber auch Unmut unter Trainern und Lehrkräften?

Allein der zeitliche Ablauf zeigt den immer neuen Handlungsbedarf angesichts der Pandemie. Am 8. Oktober hatten Kultus- und Sozialministerium die Sportausübung per Verordnung geregelt. Die wurde am 22. Oktober verschärft und noch einmal am 2. November, gegenwärtig gilt sie bis 30. November. Umfasst sind „alle sportlichen Aktivitäten, die alleine, zu zweit oder mit Angehörigen des eigenen Haushalts auf öffentlichen oder privaten Sportanlagen (...) einschließlich Fitness- und Yogastudios, Tanzschulen und ähnlichen Einrichtungen, durchgeführt werden“. Egal ob draußen oder drinnen.

Kritik gibt es dabei an den unbestimmten Begrifflichkeiten. Es geht aber vor allem auch um die Schlechterstellung des Vereinssports gegenüber dem Schulsport. Der darf ungehindert stattfinden, während Kinder- und Jugendtraining in Gruppen im Vereins- und Breitensport untersagt ist. So moniert etwa ein Jugendtrainer aus Mittelbaden, der sich ans BT gewandt hat, dass teilweise Lehrer ohne Einschränkungen einfach in ihrem Lehrplan im Sportunterricht weitermachten. Fußball, Basketball, Handball werde im Sportunterricht nach wie vor gespielt. Nach der Schule beim Training müssten die Athleten dann zahlreiche Richtlinien und Einschränkungen hinnehmen. Trainiert werden dürfe nur im Freien und mit entsprechendem Abstand oder einmal in der Woche in der Halle mit streng limitierter Personenzahl und Abstandsbestimmungen.

„Bewegung, Spiel und Sport sind unverzichtbar für eine ganzheitliche Bildung“

Wie erklärt das für den Sport zuständige Kultusministerium diese Ungleichbehandlung?

„Bewegung, Spiel und Sport sind unverzichtbar für eine ganzheitliche Bildung und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der Gesundheit“, sagt eine Ministeriumssprecherin auf BT-Anfrage. Deshalb sei wichtig, dass der Sportunterricht inklusive des Schwimmunterrichts auch in der aktuellen Situation weitestgehend stattfinden könne. Letzteres gilt jedoch nicht überall, weil Kommunen – etwa Freiburg – von der Möglichkeit Gebrauch machen, Hallenbäder auch für den Schulsport zu schließen.

Schulen empfiehlt das Ministerium, „im Hinblick auf die Nachvollziehbarkeit und Unterbrechung von Infektionsketten möglichst konstante Gruppen zu unterrichten“.

Generell gilt laut der Verordnung vom 22. Oktober: Jeder Sportgruppe oder Klasse sind für die Dauer des Sportunterrichts feste Bereiche der Sportanlage oder Sportstätte zur alleinigen Nutzung zuzuweisen. Das Abstandsgebot gilt mit der Maßgabe, dass zu anderen Nutzern sowie Schülern anderer Sportgruppen oder Klassen ein Mindestabstand von 1,50 Metern einzuhalten ist. Die Pflicht zum Tragen einer nicht-medizinischen Alltagsmaske gilt nicht im fachpraktischen Sportunterricht, jedoch auf den Zugangswegen (Begegnungswegen) zur Sportstätte. Des Weiteren sind die Sportlehrer verpflichtet, während des Sportunterrichts eine Maske zu tragen.

Schulamt: „Sonderregelung gerechtfertigt“

Was sagen die Schulen dazu?

Wolfgang Held, Leiter der Rastatter Schulamtes, folgt der Begründung des Ministeriums. Er hält die Sonderregelung gegenüber dem Vereinssport im BT-Gespräch deshalb für gerechtfertigt, weil es beim Schulsport nicht zu einer Durchmischung der Klassen komme – darauf zu achten, sei Pflicht der Schulen. Trete bei einem Kind tatsächlich eine Corona-Infektion auf, „sind daher für das Gesundheitsamt die Kontakte schnell und einfach nachzuverfolgen und im Zweifelsfall schickt man die ganze Schulklasse in Quarantäne“, so Held.

Das sei beim Breitensport anders. Hier finden sich Kinder und Jugendliche aus den unterschiedlichsten sozialen Gruppen und aus dutzenden Klassen zusammen. Die Nachverfolgung einer möglichen Infektionskette wäre für die Gesundheitsämter dadurch deutlich schwieriger. „Aber genau das ist es, worauf es ankommt. Auf die im Falle eines Falles einfache Ermittlung der Infektionsketten“, sagt Held. Um diese im Schulbetrieb zu gewährleisten, werde auch versucht, in den Pausen eine Durchmischung der Klassen weitestgehend zu verhindern.

Als Auflage für den Schulsport gilt Held zufolge zudem die Maßgabe, dass ausgesprochene Kontaktsportarten – etwa Ringen – verboten seien. Was genau dazu zähle, ob Fußball etwa als solche zu werten sei, hänge auch davon ab, wie man eventuelle Übungen im Sportunterricht aufziehe; es sei aber auch – das gesteht Held ein – zum Teil Interpretationssache des Sportlehrers, der im Zweifelsfall bei zu viel Körperkontakt eingreifen müsse.

Was sagen die Kommunen?

Die Kommunen verweisen meist auf die Zuständigkeit der Schulen. So auch die Stadt Rastatt. Allerdings würde, so sagt Pressesprecherin Heike Dießelberg, beständig in Sitzungen von Stadt- und Schulvertretern über neue Regelungen und offene Fragen sowie die Umsetzung von Vorschriften diskutiert. Auch von Seiten der Stadt Baden-Baden gibt es über die aktuellen Vorgaben der Corona-Verordnungen Schule und Sport laut Stadtpressestelle keine weiteren Anordnungen für den Schul- und Vereinssport. In den Sport- und Mehrzweckhallen des Stadtkreises finden laut Stadtsprecher Jonas Sertl jedenfalls mit Ausnahme des Schulsportes keine Aktivitäten mehr statt.

Was geschieht, wenn im Schulsport Infektionen bekannt werden?

Der neue Handlungsleitfaden für Baden-Württemberg zum Kontaktpersonenmanagement gerade in Schulen und Kitas geht ausdrücklich auf die Situation „in einem großen Raum, etwa in einer Sporthalle“ ein. Dort entstünden in der Regel keine hohen Konzentrationen, „weil potenziell infektiöse Aerosole schon durch das Raumvolumen sehr stark verdünnt werden und zudem ein Luftaustausch stattfindet“. Nicht zuletzt um den Präsenzbetrieb aufrechtzuerhalten, müssen Lehrkräfte, aber auch Schüler, die als Kontaktpersonen der Kategorie zwei eingestuft sind, weil sie zwar eine Begegnung aber keinen Nahkontakt mit Infizierten hatten, in Absprache mit den Gesundheitsbehörden nicht in Quarantäne. Sie sind jedoch verpflichtet, bei Symptomen sofort aktiv zu werden.


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