Beim DFB haben Skandale und Entgleisungen Tradition

Baden-Baden (ket) – Die Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist reich an Skandalen und Entgleisungen seiner Präsidenten. Die BT-Sportkolumne gibt einen Überblick.

Eine geschenkte Luxus-Uhr führt 2019 zum Rücktritt von Reinhard Grindel. Foto: Boris Roessler/dpa

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Eine geschenkte Luxus-Uhr führt 2019 zum Rücktritt von Reinhard Grindel. Foto: Boris Roessler/dpa

Im hohen Amt wird sich Fritz Keller kaum mehr halten können, zu hoch sind die Wellen nach seiner Nazi-Entgleisung geschlagen. Die Tage des 64-jährigen Freiburgers als 13. Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sind also gezählt, als strahlend oder auch nur ehrenvoll werden sie nicht in die Annalen eingehen. Damit freilich ist Keller nicht alleine. Die Geschichte der DFB-Präsidenten ist vielmehr prall gefüllt mit Skandalen, Entgleisungen und Rüpeleien, über so manchem seiner Vorgänger liegt – zumindest im Rückblick – ein Schatten, auch der ein oder andere braun-gefärbte findet sich darunter, wenn auch auf ganz andere Art und Weise, von Beginn an war das so.

Ferdinand Hueppe galt als „ideologischen Wegbereiter der nationalsozialistischen Rassenlehre“

Den Anfang machte Ferdinand Hueppe, zwischen 1900 und 1904 der erste DFB-Präsident. Hueppe war nicht nur ein anerkannter Arzt und Bakteriologe sowie Wissenschaftler im Fachgebiet Hygiene, sondern wartete auch mit Schriften auf, die ihn laut dem Trierer Sporthistoriker Dr. Thomas Schnitzler zum „ideologischen Wegbereiter der nationalsozialistischen Rassenlehre“ machten. Mehr noch: Laut Schnitzler habe Hueppe sich nach 1933 selbst als NS-Wegbereiter bezeichnet. Dass er damit nicht falsch gelegen hat, beweisen Textpassagen wie jene, in der Hueppe feststellt, dass „im Kampf der Rassen um die Weltherrschaft die minderwerthigen Rassen in die Rolle der dienenden zu verweisen“ seien.

Keineswegs nur Wegbereiter, sondern strammer Mitmarschierer war Felix Linnemann, zwischen 1925 und 1945 vierter Präsident des DFB. Schon bald nach der Berufung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wurde Linnemann Leiter des Fachamts Fußball im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen. Hitlers Ansinnen, die Sportorganisationen zu „Pflanzstätten soldatischer Tugenden und Schulen staatlichen Geistes“ zu machen, die dabei helfen sollten, das ganze Volk dem neuen Geist unterzuordnen und kriegsreif zu machen, traf bei dem Polizeibeamten Linnemann auf mehr als offene Ohren. „Wir sind heute stolz darauf, dass sich die Amtswalter des Deutschen Fußball-Bunds versammelten, um als erste sportliche Organisation ihre Auflösung zu beschließen, und sich mit allem lebenden und toten Inventar in den eben gegründeten Reichsbund für Leibesübungen der NSDAP einzugliedern“, ließ er pflichtschuldig wissen. Nach dem Aus der deutschen Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin wurde Linnemann nach Stettin versetzt, wo er als Kriminaldirektor für die Deportation von Sinti und Roma nach Auschwitz verantwortlich war. 1937 trat er in die NSDAP ein, 1940 in die SS, wo er bis zum Standartenführer aufstieg. Nach dem Krieg saß der mittlerweile zum Chef der Kriminalpolizei Hannover ernannte Linnemann sechs Monate im Internierungslager der Engländer in der Lüneburger Heide.

„MV“ geht als „Affärenprofi“ in die Geschichte ein

Bereits vier Jahre früher als Linnemann, also bereits 1933, war Peco Bauwens, zwischen 1950 und 1962 erster DFB-Präsident nach dem Zweiten Weltkrieg, der NSDAP beigetreten. Wegen seiner jüdischen Frau wurde er nur ein knappes Jahr später aber aus der Partei ausgeschlossen. Für einen handfesten Skandal sorgte Bauwens nach dem WM-Sieg der deutschen Mannschaft 1954 in Bern. In einer im Löwenbräukeller zu München gehaltenen Rede vergriff er sich derart im Ton, dass der Bayerische Rundfunk seine Übertragung abbrach. Der zuständige Redakteur fühlte sich an Töne aus dem „1.000-jährigen Reich“ erinnert. Unter anderem soll Bauwens gesagt haben, die Spieler hätten mit ihrem Finalsieg gezeigt, „was ein gesunder Deutscher, der treu zu seinem Land steht, zu leisten vermag“.

Ganz ohne Flecken blieb auch die mit EM- sowie WM-Gewinn sportlich äußerst erfolgreiche Amtszeit von Hermann Neuberger nicht, von 1975 bis 1992 siebter DFB-Präsident. Heftig Gegenwind erntete er, als er einen Besuch des ehemaligen Fliegeroffiziers und NS-Propagandisten Hans-Ulrich Rudel im Trainingslager der deutschen Mannschaft während der ’78er WM in Argentinien mit den Worten verteidigte, Kritik an Rudels Kommen komme „einer Beleidigung aller deutscher Soldaten gleich“. Später rügte er die Spieler von Finalteilnehmer Niederlande dafür, dass sie dem damals regierenden argentinischen Diktator Jorge Rafael Videla und den Mitgliedern seiner Militärjunta bei der Siegerehrung den Handschlag verweigerten.

Einer der schillerndsten DFB-Präsidenten war zweifelsohne Gerhard Mayer-Vorfelder, von 2001 bis 2006 im Amt. Sowohl als Politiker – „MV“ war zunächst baden-württembergischer Kultusminister, später Finanzminister des Landes – als auch als Sportfunktionär stand er in schöner Regelmäßigkeit im Kreuzfeuer der Kritik. Als „Affärenprofi“ bezeichnete das SZ-Magazin ihn einmal entsprechend. Gleich mehrfach wurde Mayer-Vorfelder indes vorgeworfen, seine Ämter „nach Gutsherrenart“ zu führen. Nicht zuletzt deshalb stellte man ihm ab 2004 Theo Zwanziger als Co-Präsidenten an die Seite.

Eine geschenkte Luxus-Uhr führt zum Rücktritt

Der Jurist aus Altendiez, von 2006 bis 2012 in Präsidenten-Diensten, ist der erste DFB-Chef, dessen Amtszeit vom Sommermärchen und seinen Auswirkungen überschattet wurde, sein Nachfolger Wolfgang Niersbach, von 2012 bis 2015 im Amt, der zweite. Im November 2015 gab die Staatsanwaltschaft Frankfurt bekannt, gegen beide wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung zu ermitteln. Beide hatten, der eine als Präsident, der andere damals noch als Generalsekretär, 2007 die Steuererklärung für die WM 2006 unterschrieben, in der die Beteiligung am Kulturprogramm als Betriebsausgaben aufgeführt wurden. Kurz darauf leitete die Schweizer Bundesanwaltschaft gegen beide ein Strafverfahren wegen des Verdachts auf Betrug, ungetreue Geschäftsbesorgung, Geldwäscherei und Veruntreuung ein. Kern beider Verfahren waren dubiose Geldflüsse in Höhe von umgerechnet 6,7 Millionen Euro, die später als „schwarze Kasse“ gedeutet und laut „Spiegel“ zum Stimmenkauf benutzt wurden.

Lediglich rund 6.000 Euro soll jene Luxus-Uhr gekostet haben, die sich Reinhard Grindel, von 2016 bis 2019 im Amt und damit Fritz Kellers direkter Vorgänger, von einem ukrainischen Oligarchen hat schenken lassen. Laut Grindel soll dieses „wenig vorbildliche Handeln“ der Grund für seinen Rücktritt gewesen sein. Ins Wanken hatte sich der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete zuvor durch seine schroffe Amtsführung freilich selbst gebracht. Unter anderem wurde ihm vorgeworfen, Zusatzeinkünfte als Aufsichtsratsvorsitzender der DFB-Medien-Verwaltungsgesellschaft in Höhe von 78.000 Euro nicht öffentlich gemacht zu haben.

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Erstellt:
5. Mai 2021, 20:00 Uhr
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