Beißen, bis es Klick macht

Bühl (km) – BT-Redakteurin Kathrin Maurer hat sich herausgefordert, täglich mindestens 20 Minuten Sport zu machen. 100 Tage lang heißt es für sie Berg- und Talfahrt, Kampf, Schweiß und Willenskraft.

100-Tage-Challenge: BT-Redakteurin Kathrin Maurer fordert sich sportlich heraus. Foto: Daniel Ortmann

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100-Tage-Challenge: BT-Redakteurin Kathrin Maurer fordert sich sportlich heraus. Foto: Daniel Ortmann

Mehrmals die Woche trainieren?! „Dazu fehlt mir die Zeit – schließlich habe ich Kind, Job und im Alltag viel zu viel um die Ohren!“ Na, wem kommen diese Ausreden bekannt vor? Ganz ehrlich: Noch vor einigen Monaten sprudelten exakt diese Worte auch aus meinem Mund.

Zweimal die Woche konnte ich mir als Mutter mit Teilzeitjob, die im Alltag ständig auf Achse ist, die Zeit freischlagen, um jeweils eine Stunde zum Spinning und TRX-Training zu gehen. Nur eine Sporteinheit mehr einbauen – „unmöglich“. Bis ich spontan am Ende eines anstrengenden Trainings Mitte September in Katja Eraslans Studio und Physiotherapie-Praxis in Neuweier verbindlich eine Entscheidung fällte, die mein derzeitiges Leben nachhaltig verändern sollte: die Teilnahme an der 100-Tage-Sport-Challenge.

Planks, Burpees, Crunches. Liegestütze, Lunges, Krafttraining, Jumping Jacks, Squats, Kardio, Intervalltraining mit dem eigenen Körpergewicht, Mobility und Yoga – ich hatte mich selbst festgenagelt, täglich von meiner Trainerin über Instagram demonstrierte Übungen für mindestens 20 Minuten zu machen – 100 Tage lang.

„Intention dieser Challenge ist nicht, abzunehmen oder Muskeln zu bekommen, sondern sich eine Routine zu erarbeiten und Bewegung so in das Leben zu integrieren, dass es irgendwann einfach dazugehört“, erläutert Eraslan.

Fast täglich teilt Kathrin Maurer auf Instagram ein Beweisfoto ihres Fitness-Trackers oder über ein Selfie. Foto: Daniel Ortmann

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Fast täglich teilt Kathrin Maurer auf Instagram ein Beweisfoto ihres Fitness-Trackers oder über ein Selfie. Foto: Daniel Ortmann

Genau an dieser Routine hatte es bei mir bislang gehapert: Wer mich gut kennt, weiß, dass sich in meinem Vokabular gerne wachsweiche Begriffe wie „Ich glaube“, „Vielleicht“, „Möglicherweise“ und „Aber ...“ tummeln. Sich festzulegen, komplett verbindlich zu sein, entspricht nicht meinem Naturell. Gerne halte ich mir ein Hintertürchen offen, durch das ich schlüpfen kann, wenn immer mir eine Sache zu heiß, zu fordernd, zu verpflichtend oder zu eng wird.

Gerade beim Überwinden des Schweinehunds – in meinem Fall zwar nicht unbedingt eine Deutsche Dogge, aber auch nicht gerade ein Zwergpinscher – war ich, wie viele in meinem Umfeld, lange eine Meisterin des Selbstbetrugs. Von „Kopfschmerzen“, über „Aber ich muss auch noch ganz dringend“ bis hin zu „Morgen fange ich an, ganz bestimmt“ kenne auch ich das gesamte Repertoire. Doch diesmal nicht!

Kontrolle durch Öffentlichkeit

Um gar nicht erst in die Situation zu kommen, mich motivationslos herauszureden, habe ich mein Vorhaben so festgezurrt, dass es gar nicht möglich war, zu kneifen, ohne als kompletter Loser dazustehen. Mein Trick: Kontrolle durch Öffentlichkeit. So durfte sich meine Trainerin von nun an fast täglich über ein auf Instagram geteiltes Beweisfoto meiner Fitnessaktivität per Tracker „freuen“ – oder über ein verschwitztes Selfie.

„Die Kommunikation eines solchen Vorhabens nach Außen ist für viele der Schlüssel zum Erfolg“, erklärt die 30-jährige Physiotherapeutin, die seit vier Jahren täglich Sport treibt. „Auch ich habe mit so einer Art Programm gestartet und bin einfach dabei geblieben. Natürlich denkt man im ersten Moment, für einen Trainer sei es einfacher, täglich Sport in den Tag zu integrieren, aber es muss auch für Leute mit einem stressigen Alltag möglich sein, diese Routine zu schaffen – dabei kann so eine zeitlich begrenzte Challenge helfen.“

Der Sportzug war bei mir nicht unbedingt abgefahren, stand aber lange auf dem Abstellgleis. Als Jugendliche noch regelmäßig als Vereinsmitglied auf dem Tennisplatz, folgte danach für meine Muskeln eine Durststrecke. Zwar war ich immer interessiert, Neues auszuprobieren – von Klettern über Zumba bis hin zu Jiu-Jitsu – die wahre Herausforderung für mich ist aber stets das Dranbleiben, der Drang, an meine Grenzen zu gehen und der Ehrgeiz, es durchzuziehen.

Tage eins bis 20 fliegen dahin

Erstmals änderte sich das mit der Geburt meiner Tochter: Dieses Ereignis hat mir klar vor Augen geführt, wozu ein menschlicher Körper – wozu mein Körper in der Lage ist, und was ich mental aushalten kann. Diese Erkenntnis hat mir ein neues Bewusstsein geschenkt und das Bedürfnis geweckt, mich um mich selbst wieder verstärkt zu kümmern.

Drei Monate, 14 Wochen, 100 Tage Berg- und Talfahrt, Kampf, Schweiß und Willenskraft liegen nun hinter mir – und es hat sich gelohnt.

Entweder abends oder morgens schnappe ich mir meine Matte, schnüre meine Sportschuhe und lege los. Die Tage eins bis 20 fliegen geradezu dahin, ich bin schwer motiviert, oft knapp an der Grenze mich zu übernehmen – so sehr will ich alles geben. Ich ernte nie geahnten Muskelkater: Treppenstufen, Hinsetzen und Arme anheben werden zur Folter, jedes Hüsteln oder Lachen erinnert schmerzlich an die Sporteinheit des Vortags.

Tag 22 folgt das erste Tief: Ich fühle mich schlapp, mein Kopf pocht bei jedem Schritt, dazu kommen Hals- und Ohrenschmerzen. Eine Erkältung bremst meine Motivation jäh aus – ein schwerer Rückschlag. „Wenn man sich krank fühlt, sollte man auf keinen Fall Sport machen“, mahnt meine Trainerin – und so muss ich mich drei Tage mit Faszienrolle, leichtem Yoga und Spaziergängen begnügen – es fühlt sich wie Scheitern an.

„Das Wichtigste ist, auf seinen Körper zu hören und zu spüren, was er braucht – wenn das Ruhe ist, dann ist das Ruhe“, stellt Eraslan klar. Am Ende des Tages sei jede Form von Bewegung eine Art von Sport – und lädt Punkte auf die persönliche Gesundheitskarte.“

Zieht mächtig in den Beinen: Minutenlang im Wandsitz zu verbringen, ist eine Herausforderung. Foto: Daniel Ortmann

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Zieht mächtig in den Beinen: Minutenlang im Wandsitz zu verbringen, ist eine Herausforderung. Foto: Daniel Ortmann

Nach dieser Zwangsentschleunigung wieder Gas zu geben fühlt sich richtig gut an, doch Tag 50 – eigentlich ein wichtiger Marker der Challenge – zieht mich mächtig runter: „Grade mal die Hälfte“, „Was habe ich mir da angetan“, „Wie soll ich das schaffen?“

Vor mir liegen Highlights wie 250 Liegestütze in einer Trainingseinheit oder ein minutenlanger Wandsitz. Antrieb schenkt mir in dieser Phase eine Freundin, die mich immer wieder pusht, und mein Partner, der mir verdeutlicht, zu sehen, was ich schon geschafft habe, und nicht nur, was noch vor mir liegt.

Es hat Klick gemacht!

Die nächsten zehn Tage beiße ich mich mächtig durch: Schaffe 250 Liegestütze in knapp 52 Minuten – während mein Lebensgefährte Schokolade verputzend auf dem Sofa fläzt und Strichliste führt – sitze minutenlang ohne Stuhl, dafür mit schmerzverzerrtem Gesicht und nach oben gestreckten Armen, an die Wand gelehnt, und halte meinen Körper fluchend, mit zusammengepressten Zähnen unter größter Anstrengung minutenlang steif wie ein Brett im Stütz. Jetzt bin ich stolz. Letztes Jahr habe ich mich das erste Mal an Liegestütze herangewagt und schaffte ächzend gerade mal zehn – und, nein, ich mache keine Frauen-Liegestütze. Von Stützübungen, sogenannten Planks, hatte ich bis dahin nichts gehört, und gesessen hatte ich hauptsächlich auf echten Stühlen – nicht imaginären.

Tag 60: Es hat Klick gemacht! In meinem Kopf hat sich ein Schalter umgelegt. Ich fieber dem täglichen Training regelrecht entgegen, habe eine Leidenschaft fürs Seilspringen als Kardio-Einheit entwickelt, liebe alles, was mit schnellen Intervallen einhergeht. Meine Familie und Freunde lassen sich anstecken von meiner Begeisterung und Vitalität – meine vierjährige Tochter hält Mamas tägliche Turneinheit längst für normal und macht sogar mit. „Wenn man regelmäßig Sport macht, passiert etwas im Kopf, man geht viel positiver und stärker durchs Leben“, erklärt Eraslan dieses Umdenken.

Beine auseinander, Fersen hoch, Po nach unten – nach 60 Sekunden tut es nur noch weh. Foto: Daniel Ortmann

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Beine auseinander, Fersen hoch, Po nach unten – nach 60 Sekunden tut es nur noch weh. Foto: Daniel Ortmann

Tag 70: Das Training ist ein Selbstläufer. Da coronabedingt die Sportstudios geschlossen sind, nehme ich fünfmal pro Woche an Zoom-Kursen teil, die restlichen zwei Tage trainiere ich alleine. Auch das ist längst kein Problem mehr. Mittlerweile weiß ich, welche Art von Training mir heute den gewünschten Effekt schenkt. „Wer sich viel bewegt, lernt seinen Körper kennen, kann ihn einschätzen, mal entlasten und mal herausfordern, „, weiß Eraslan: „Zu regenerieren ist genauso wichtig, wie Gas zu geben und seine Grenzen kennenzulernen.“

Meine Grenzen habe ich während dieser 100 Tage definitiv kennengelernt und sie für mich sogar ein ganzes Stück verschoben. Mittlerweile kann ich verstehen, was meinen Lebensgefährten bei Bergetappen à la Tour de France mit dem Rennrad zum Durchhalten motiviert, und welche Gefühle sich einstellen, wenn man seinem Ziel stetig näherkommt.

Tag 100: Ich habe es tatsächlich geschafft! Ich bin stolz, mir und einigen Zweiflern bewiesen zu haben, dass ich sehr wohl Biss und Ehrgeiz habe, wenn ich etwas wirklich erreichen möchte.

Training als wichtige Auszeit für mich

„Du strahlst so“, höre ich seit einigen Wochen immer wieder von Bekannten oder Kollegen, „wirkst vital, entspannt und glücklich.“ Und so ist es!

Lange habe ich mich nicht mehr so gut gefühlt wie im Moment, körperlich wie mental. Und ganz nebenbei hat sich mein Körper in diesen 100 Tagen verändert – ganz ohne Diät oder Verzicht. Hosen trage ich nun rund eine Konfektionsgröße kleiner, mein Bauch ist flacher und athletischer, meine Arme definierter.

Und das ist erst der Anfang: Nach einem Tag Pause werde ich Tag 101 abhaken – wenn auch nur auf meiner mentalen Liste, denn eine Kontrollinstanz brauche ich nicht mehr. Längst ist meine Trainingszeit zu einer unverzichtbaren Auszeit für mich geworden. Eine Zeit zum Abschalten, Auspowern, Spaß haben. „Sport muss Spaß machen, nur dann kann man seine Ziele erreichen und Erfolge feiern“, sagt die Expertin, „und sich für sich selbst Zeit zu nehmen, ist wichtig. Denn es gehört ein gesunder Egoismus dazu, um gesund zu bleiben.“ Mehrmals die Woche trainieren?! Auf jeden Fall – mit Kind, Job und Stress im Alltag – und ganz ohne Ausreden!

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Erstellt:
2. Januar 2021, 19:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 43sec

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