Belastete Straßennamen

Karlsruhe/Pforzheim (vn) – Straßen sind immer auch ein Fenster in die Vergangenheit: Karlsruhe und Pforzheim zeigen beispielhaft, wie man mit problematischen Benennungen umgehen kann.

Karlsruhe will Geschichte nicht tilgen, aber auch nicht unkommentiert stehen lassen: Deshalb hat die Treitschkestraße in der Südstadt ein Zusatzschild erhalten. Foto: Volker Neuwald

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Karlsruhe will Geschichte nicht tilgen, aber auch nicht unkommentiert stehen lassen: Deshalb hat die Treitschkestraße in der Südstadt ein Zusatzschild erhalten. Foto: Volker Neuwald

„Die Juden sind unser Unglück“, schrieb der Historiker und Reichstagsabgeordnete Heinrich von Treitschke in einem 1879 erschienenen Aufsatz. Er löste in Berlin eine Debatte über den Einfluss von Juden aufs Kaiserreich aus. Jahrzehnte später wurde der Satz zum Schlagwort des Nazi-Propagandablatts „Der Stürmer“. Kann man einen Menschen wie Treitschke heute noch ehren, indem man eine Straße nach ihm benennt?
Einige Städte tun das, etwa Karlsruhe. Dort gibt es in der Südstadt eine Treitschkestraße. Sie sei 1898 benannt worden, heißt es auf einem kommentierenden Zusatzschild. Und: „Die Benennung entspricht nicht mehr den heutigen Wertevorstellungen.“ Die Alternative zum Zusatzschild wäre die Umbenennung gewesen. In Heidelberg und Stuttgart geschah dies – Treitschke wurde aus dem Stadtbild getilgt.

Verweise auf Kolonialismus, Weltkriege, Diktaturen


Die Debatte um Straßennamen ist nicht neu und wird immer mal wieder geführt. Die Karlsruher Kulturamtsleiterin Susanne Asche hat das mal als „nie abgeschlossenen Prozess der Verständigung“ innerhalb der Stadtgesellschaft bezeichnet.

So ist das seit Kurzem auch in Pforzheim – wobei man dort noch einen Schritt weitergeht. Das Kulturamt möchte alle Straßen der Stadt daraufhin untersuchen, wie belastet deren Namen sind. Es gehe um Verweise auf Kolonialismus, die Zeit der Weltkriege und Diktaturen.

Im Kulturausschuss sprach Kulturamt-Mitarbeiterin Claudia Baumbusch nach Angaben der Badischen Neuesten Nachrichten von „weit mehr als 200 Straßennamen“, die einer Untersuchung bedürfen. Aufgrund der Corona-Pandemie hat die wissenschaftliche Arbeit noch nicht begonnen. Aber Debatten im Vorfeld zeigen bereits, wie sehr an den historischen Grundfesten gerüttelt werden könnte.

Dafür steht sinnbildlich das Bismarck-Denkmal im Stadtgarten. 120 Jahre nach seiner Enthüllung geriet es im Sommer 2020 plötzlich ins Wanken: War Bismarck nun „einer der größten Staatsmänner in der deutschen Geschichte“ (AfD-Position) oder „Geburtshelfer des deutschen Kolonialreichs“ (SPD-Position). Anders gesagt: Soll man dem Denkmal einen Gegenentwurf entgegenstellen oder es abreißen? Ein Jahr später machte Bürgermeisterin Sibylle Schüssler, eine Grünen-Politikerin, deutlich, dass die Stadt keinen Denkmalsturz plane.

Sedanplatz und Gravelottestraße


Wie sieht es mit dem Sedanplatz aus? Was wird aus der Gravelottestraße? Ist es noch zeitgemäß, an diese beiden Schlachten des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 zu erinnern? Die Untersuchung des Kulturamts will auch diese Benennungen auf den Prüfstand stellen und nennt unter anderem „Beschwerden aus der Bevölkerung“ als Grund.

2009 hat sich Ulf Rathje vom Institut für Stadtgeschichte in einem Aufsatz mit der Entstehung der Pforzheimer Straßennamen befasst. Nach dem Sieg über Frankreich 1871 habe es „zunehmend Straßenbenennungen militärischen Charakters“ gegeben, schreibt Rathje. „Zum ersten Jahrestag der (...) Schlacht bei Sedan erhielt der Sedanplatz seinen Namen.“ Später wurden ganze Stadtviertel im militärischen Kontext benannt – nach Schlachtorten und berühmten Generälen wie Blücher, Blumenthal, Gneisenau, Moltke, Lützow, Roon, Scharnhorst und Yorck. Viele dieser Namen finden sich auch in Karlsruhe und in anderen Kommunen.

Aus Anwohnersicht spricht natürlich wenig für Umbenennungen, weil Ausweispapiere und Adressen geändert werden müssten, was mit hohem Aufwand und Kosten verbunden wäre. Bei Facebook und Instagram sorgen Presseberichte über das Thema regelmäßig für Kommentierungen wie: Haben wir keine anderen Probleme?

Straßennamen sind Fenster in die Vergangenheit und dem jeweiligen Zeitgeist unterworfen. Jede Umbenennung sollte fachlich fundiert vorbereitet und intensiv diskutiert werden.

Ihr Autor

BT-Redakteur Volker Neuwald

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Erstellt:
13. September 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 37sec

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