Belastung und Frust auf engstem Raum

Baden-Baden/Rastatt (naf) – Auf Bundesebene ist die Anzahl der Kindeswohlgefährdungen innerhalb der Familie im Corona-Jahr 2020 angestiegen. Wie sieht es in Mittelbaden aus?

Dunkle Geheimnisse: Auch wenn weniger Fälle von Gewalt in Familien gemeldet werden, heißt das nicht, dass es wirklich weniger gibt. Foto: Nicolas Armer/dpa

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Dunkle Geheimnisse: Auch wenn weniger Fälle von Gewalt in Familien gemeldet werden, heißt das nicht, dass es wirklich weniger gibt. Foto: Nicolas Armer/dpa

„Egal was passiert ist: Du bist nicht dafür verantwortlich.“ Diesen Satz lesen Besucher der Homepage du-auch.de gleich am Anfang auf der Website, die auf Initiative eines Verbunds von Psychologen verschiedener Universitäten entstand. Sie soll jungen Menschen mit Gewalterfahrungen helfen, „die Folgen der Lockdownzeit zu bekämpfen“, heißt es dort. Wie sich die Situation in Mittelbaden gestaltet, darüber sprach das BT mit Mitarbeitern der Allgemeinen sozialen Dienste.

Der Lockdown war eine Belastung. Und Kinder und Jugendliche, da sind sich viele einig, gehören zur größten Gruppe der Leidtragenden. „Familien fühlen sich stark belastet“, berichtet auch die Pressestelle der Goethe-Universität in Frankfurt, die das Projekt rund um die du-auch-Homepage leitet. „Kinder sind nachweislich einer höheren Gefährdung ausgesetzt. Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche verstärkt körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt sind.“ Ihnen soll das Projekt helfen. Neben Links zu Hilfsportalen wie der „Nummer gegen Kummer“ oder dem „Hilfstelefon sexueller Missbrauch“ bietet die Website auch eine direkte Kontaktmöglichkeit – per WhatsApp oder Telefon – zu Kinderpsychologen.

Eine davon ist Katharina Louisa Schulte vom Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität in Marburg. Sie will jungen Menschen dabei helfen, einen Weg in die Therapie zu finden. „Das Ziel ist es, ihre psychotherapeutische Versorgung zu verbessern“, sagt Schulte gegenüber dem BT. Oft würden sich Traumata in Folgestörungen wie Konzentrationsschwierigkeiten und Aggressionen zeigen, darum müsse erwachsenen Bezugspersonen auch ein „Screening“ an die Hand gegeben werden, „sodass sie ein Trauma besser erkennen“. Die Initiative will auch die traumafokussierte Therapie in Deutschland weiter verbreiten.

Quelle: Statistisches Bundesamt / Infografik: jv

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Quelle: Statistisches Bundesamt / Infografik: jv

Damit Kindern und Jugendlichen geholfen werden kann, müssen Betroffene jedoch zunächst überhaupt erkannt werden. Am häufigsten vertrauen sie sich jedoch Gleichaltrigen an, weiß Schulte. „Die wissen selbst nicht damit umzugehen und sagen es dann oft nicht weiter.“ Umso wichtiger sei eine Plattform, bei der Jugendliche sich autonom melden können, eine Plattform auf der „die Hürde nicht zu groß ist“. Bisher seien die Psychologen nur von jungen Menschen kontaktiert worden, bei denen es um die Suche nach einem Therapieplatz und langfristige Hilfe geht. „Zum Glück gab es noch keinen akuten Fall“, sagt Schulte.

Fälle in Mittelbaden noch nicht angestiegen


Die akuten Fälle in Baden-Baden landen auf dem Tisch von Rudolf Jäger, Kinderschutzfachkraft des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD). Doch was versteht man überhaupt unter familiärer Gewalt? „Nicht nur die körperliche oder sexuelle Gewalt, auch die miterlebte häusliche Gewalt wird inzwischen zu den Gefährdungen des Kindeswohls gezählt“, erklärt Jäger und macht auf die „massiven seelischen Folgen“ bei Kindern aufmerksam, die bleiben, wenn ein Elternteil beispielsweise geschlagen wird.

Insgesamt 112 Meldungen möglicher Kindeswohlgefährdungen in Baden-Baden hätten die Mitarbeiter des ASD im vergangenen Jahr erreicht. „Das heißt aber noch nicht, dass immer eine Gefährdung vorliegt“, betont Jäger. Manche Meldungen entpuppen sich als Finte.

2019 wurden die Mitarbeiter insgesamt 132 Mal zu Hilfe gerufen, 19 Mal häufiger als im Corona-Jahr. Die Zahl der tatsächlich festgestellten Kindeswohlgefährdungen zeigt einen ähnlichen Trend. 2020 gab es 15 Feststellungen, 2019 zwei mehr. Außerdem wurden vergangenes Jahr 28 Fälle seelischer Gewalt festgestellt, ebenfalls zwei weniger als im Jahr zuvor. Zu ihnen zählt „alles, was dazu geeignet ist, um das Kind zu erniedrigen, bloßzustellen oder seinen Selbstwert zu schädigen“, sagt Jäger. Auch massive Beschimpfungen, das Zurückstufen im Vergleich zu Geschwistern oder das Einsperren von Kindern fällt in diese Rubrik.

Mehr Fälle trotz weniger Meldungen möglich


Der Vergleich zeigt: Einen Anstieg der Fälle in Baden-Baden gibt es nicht. „Keine explosionsartigen Verdoppelungen. Das deckt sich mit den Zahlen auf Landesebene“, sagt Jäger. Auf Bundesebene ist die Anzahl der Kindeswohlgefährdungen im vergangenen Jahr jedoch auf insgesamt 60.551 Fälle gestiegen. Vor allem die psychischen Misshandlungen haben laut dem Statistischen Bundesamt zugenommen.

Dass regional weniger Fälle gemeldet werden, bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass es zu weniger prekären Situationen in Familien kommt. Meist sind es Kindertageseinrichtungen, Schulen oder Bezugspersonen aus Vereinen, die die blauen Flecken sehen und Beamte alarmieren. „Gerade in den ersten Monaten der Pandemie, als alles geschlossen war, haben wir deutlich weniger Meldungen erhalten“, bestätigt Jäger. Mit dem Schulstart mehrten sich auch die gemeldeten Vorfälle wieder.

Die Situation in Rastatt sieht ähnlich aus, wie Michele Sforza dem BT bestätigt. „Die Gefährdungen sind nicht exorbitant gestiegen“, sagt der Sachbereichsleiter der Sozialen Dienste des Landkreises Rastatt. Durch die Notbetreuung sei der Kontakt mit den Kindern auch nicht komplett abgebrochen und „zu den uns bekannten Familien konnten wir ihn ebenfalls halten“. Durch den Lockdown hätten allerdings kaum neue Familien den Weg zur Beratung gefunden. „Die Wege der Kontaktaufnahme sind unterschiedlich“, sagt Sforza. Es gebe zwar auch Eltern, die sich selbst bei ihm melden, die meisten Hinweise kämen aber dennoch aus den Schulen – die trotz Notbetreuung nun mal nicht regulär geöffnet waren.

„Wir rechnen schon damit, dass wir vermehrt Hinweise bekommen werden, was während des Lockdown passiert ist“, vermutet er. Andere Landkreise würden bereits von einem Anstieg der Fälle sprechen. „Wir haben wahrscheinlich die gleiche Entwicklung, vielleicht einfach nur zeitverzögert.“

Auch wenn Eltern ihre Kinder vernachlässigen, zählt das als Gefährdung und hat dementsprechend Konsequenzen. Foto: Kay Nietfeld/dpa

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Auch wenn Eltern ihre Kinder vernachlässigen, zählt das als Gefährdung und hat dementsprechend Konsequenzen. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Die Belastungen für betreute Familien waren groß, vor allem in beengten Wohnräumen, weiß Sforza. „Wir haben die Erfahrungen gemacht, dass manche Eltern ein Stück weit aufgegeben haben“ – auch was das Homeschooling angeht. Die Lücken werden sich zeigen, ist der Leiter der Sozialen Dienste sich sicher.

Kinderschutzfachkraft Jäger wirbt indes für Verständnis sowohl für die Kinder und Jugendlichen als auch für ihre Eltern: „Der Alltag der Kinder hat sich massiv verändert, alles ist weggefallen, was bisher wichtig war. In der Regel lösen sich Jugendliche über die Peergroup von ihren Eltern ab, auch das war im Lockdown nicht möglich aufgrund der Kontaktbeschränkungen. Das macht es besonders schwierig.“ Gleichzeitig seien viele Eltern finanziellen Problemen und damit einer hohen Belastung ausgesetzt.

Jäger rechnet bereits mit einem zukünftig erhöhten Bedarf an Beratungen, auch wenn sich das so noch nicht abzeichnet. „Kinder reagieren meist nicht sofort, immer mehr kommen aber nach und nach ins Straucheln.“ Fachärzte aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie würden bereits von einer deutlichen Erhöhung der Anfragen berichten, sagt Jäger. „Sie nennen Zahlen von 30 bis 50 Prozent.“ Dementsprechend sind die vergleichsweise mäßigen Anstiege der Kindeswohlgefährdungen in Mittelbaden wohl noch lange kein Grund zur Entwarnung.

Zum Thema: Verschiedene Formen der Hilfe

Während früher eine Notlage erforderlich war, haben Kinder und Jugendliche mittlerweile das Recht, sich jederzeit an den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) im Jugendamt zu wenden. Auch können sie sich in Obhut nehmen lassen, ohne dafür Gründe nennen zu müssen, erklärt Kinderschutzfachkraft des ASD in Baden-Baden Rudolf Jäger. „Kinder und Jugendliche haben im Rahmen der Inobhutnahme einen Schutzanspruch, wenn sie darum bitten. Dies auch dann, wenn sich im ersten Moment nicht darlegt, aus welchem Grund sie ihn benötigen.“ So weit muss es allerdings nicht immer kommen. Die niederschwelligste Hilfe sei die psychologische Beratungsstelle, sagt Jäger. Von Erziehungsbeistandschaften bis zur sozialpädagogischen Familienhilfe gebe es einige Formen der Unterstützung. Die Auflage, dass bestimmte Hilfen in Anspruch genommen werden müssen, kann allerdings nur ein Familiengericht erteilen. „In der Bevölkerung wird überschätzt, was das Jugendamt alles darf.“ Eine Inobhutnahme könne das Amt in akuten Fällen jedoch anordnen.


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