Interview mit „Tatort“-Star Axel Prahl

Baden-Baden (wyst) – „Ich liebe es, kleine Leute zu spielen“ – Axel Prahl über seine Rolle als tragikomischer Tiefkühlbote, Dreharbeiten mit Roland Kaiser und 20 Jahre Münster-„Tatort“.

Seit einem gemeinsamen „Tatort“ befreundet: Axel Prahl (links) und Roland Kaiser stehen in der Tragikomödie „Eisland“ wiederholt zusammen vor der Kamera. Foto: NDR/Gordon Timpen

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Seit einem gemeinsamen „Tatort“ befreundet: Axel Prahl (links) und Roland Kaiser stehen in der Tragikomödie „Eisland“ wiederholt zusammen vor der Kamera. Foto: NDR/Gordon Timpen

Die Zuschauer lieben Axel Prahl als einsilbigen Kommissar Frank Thiel, der mit seinem trockenen Humor dem „Tatort“ aus Münster seinen Stempel aufdrückt – und das bereits seit 20 Jahren. Doch der Schauspieler zeigt sich auch gerne von einer anderen Seite. In der Tragikomödie „Eisland“ (16. Februar, ARD) etwa spielt er einen Tiefkühlkost-Fahrer in finanziellen Nöten – als eine einsame ältere Kundin stirbt, vertuscht er deren Tod und kassiert ihre Rente, doch das geht nicht lange gut. Axel Prahl kam 1960 in Eutin zur Welt und wuchs in Neustadt in Holstein auf. Nach der Schule studierte er mehrere Semester Mathematik sowie Musik und hatte diverse Jobs, bis er schließlich ein Schauspielstudium absolvierte. Seit 1992 steht Prahl vor der Kamera, als Polizist in dem Kinofilm „Nachtgestalten“ hatte er 1999 seinen Durchbruch – beim TV-Publikum ist er vor allem als „Tatort“-Kommissar beliebt, den er seit 2002 an der Seite von Jan Josef Liefers spielt. Cornelia Wystrichowski hat sich mit Prahl unterhalten.

BT: Herr Prahl, Sie spielen in „Eisland“ einen Fahrer, der Tiefkühlkost zu den Leuten ins Haus bringt…
Axel Prahl: Ja, ich habe als Student mal als Bierfahrer für einen Getränkemarkt gejobbt, um mich finanziell über Wasser halten zu können, insofern ist mir diese Form der Arbeit durchaus bekannt. Ich bekam damals zwar Bafög und auch Unterstützung von meinen Eltern, aber das langt ja nie. Selbst mein Vater hat immer gesagt: Wenn man jung ist und das Geld braucht, dann ist keines da, und wenn man alt ist, liegt es bestenfalls auf der Bank.

BT: Wie hat Ihnen der Job gefallen?
Prahl: Es war zum Teil wirklich sehr schwere körperliche Arbeit. Es gab damals noch 100-Liter-Fässer, das muss man sich mal vorstellen. Teilweise musste ich die Getränke auch zu Privatkunden in den fünften Stock hochschleppen. Die Arbeit hat mir trotzdem sehr viel Spaß gemacht Ich habe das sehr genossen, mir morgens den Wagen vollzuladen und mir die Tour mehr oder weniger selber einteilen zu können. Ich hatte natürlich ein zeitliches Limit und konnte nicht für eine Vier-Stunden-Tour 16 Stunden brauchen, aber ansonsten war man da relativ frei.

BT: Im Film ist der von Ihnen gespielte Marko für viele ältere Kundinnen einer der wenigen Kontakte, er ersetzt Freunde und Familie. War das damals auch so, wenn Sie in die Haushalte kamen?
Prahl: Manchmal schon, aber meinem Gefühl nach ist die Vereinzelung heute mehr geworden. Es ist ein großes Problem, dass viele ältere Leute alleine in Wohnungen darben und außer zu ihrem Arzt und ihrem Apotheker kaum noch soziale Kontakte haben. Vor allem in jüngster Vergangenheit, während der Pandemie, gab es da mit Sicherheit viele tragische Fälle. Da hatten sie ja oft nicht mal mehr den Arzt oder den Apotheker.

BT: Das Drehbuch stammt von Maximilian Kaufmann, es ist sein Erstlingswerk nach seinem Studium an der Film-Universität und er wollte unbedingt Sie in der Hauptrolle. Ist das nicht ungewöhnlich?
Prahl: Ein Drehbuchautor sagte einmal zu mir, dass es für ihn hilfreich sei, sich beim Schreiben jemanden Bestimmtes in einer Rolle vorzustellen. Insofern glaube ich nicht, dass es ungewöhnlich ist. Aber dass ein so junger Mann ein derart empathisches Buch über alte Menschen und deren Alltag so treffsicher verfasst hat, das fand ich außergewöhnlich. Ich war von Anfang an ein großer Fan. Aber Drehbücher von jungen Autoren finde ich tatsächlich oft sehr spannend, weil sie noch nicht diese Schere im Kopf haben: Wer ist der Zuschauer, wen sprechen wir damit an, wie viele Zuschauer können wir damit erreichen – diese Fragen spielen bei Studentenfilmen häufig keine übergeordnete Rolle.

BT: Lieben Sie es, kleine Leute zu spielen, denen das Leben zusetzt wie dem Witwer Marko?
Prahl: Natürlich habe ich es geliebt diesen Marko zu spielen, und ich liebe es auch, die sogenannten kleinen Leute zu spielen. Besonders, wenn ihnen das Leben so zugesetzt hat wie Marko. Aber ich liebe auch die Abwechslung und die Überraschung. Ich bin Schauspieler und natürlich auch daran interessiert, möglichst viele verschiedene Charaktere darzustellen und möglichst unterschiedliche Figuren zum Leben zu erwecken. Gottlob hatte ich auch immer wieder die Möglichkeit, diese Fähigkeit unter Beweis stellen zu dürfen.

BT: Seit 20 Jahren spielen Sie den Kommissar Thiel im Münster-„Tatort“. Wie halten Sie diese Figur für sich lebendig?
Prahl: Mit Spaß bei der Arbeit, mit großartigen Kollegen und möglichst viel Spannung und Humor.

BT: In einem Münster-„Tatort“ aus dem Jahr 2013 hatte Roland Kaiser einen Gastauftritt, nun spielt der Schlagerstar auch in „Eisland“ eine Schlüsselrolle. Haben Sie den Kontakt vermittelt?
Prahl: Wir sind seit dem „Tatort“ damals befreundet und es macht irrsinnig Spaß, mit ihm zu drehen. Man hatte mich damals gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dass er Lust hat, bei „Eisland“ mitzuspielen. Ich habe ihn dann angerufen und er hat gesagt: „Na klar, wenn es zeitlich passt. Wäre doch prima. Schick mal das Buch!“ Der Roland Kaiser ist so ein wunderbarer Mensch, der auch sehr geerdet ist, der mit beiden Füßen fest im Leben steht. Der aber auch schon viele Schicksalsschläge erlebt und durchlitten hat. Er ist ein wahnsinnig freundlicher, offener Mensch, den ich einfach liebe.

BT: In besagter Szene begegnet Marko in einer schlimmen Krise an einer Bar seinem Idol Roland Kaiser, der ihm eine wertvolle Weisheit mitgibt. Auf wessen Ratschläge hören Sie im echten Leben?
Prahl: Ich höre sehr auf meine Frau, aber ich treffe die Entscheidungen – nachdem sie gesagt hat, welche die richtigen sind (lacht).

BT: Marko verliert wegen schlimmer Rückenprobleme seinen Job. Gehören Sie auch zum Heer der Rückenpatienten?
Prahl: Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten kannte ich das noch nicht in dieser Form. Ich hatte mal ganz kurz einen Hexenschuss gehabt, aber mehr nicht. Eine Weile nach den Dreharbeiten hatte ich dann aber meinen ersten Bandscheibenvorfall. Ich habe feststellen können, dass die Schmerzen deutlich größer sind, als ich das manchmal im Film gespielt habe (lacht). Jetzt mache ich regelmäßig Rückentraining.

BT: Das Vater-Sohn-Verhältnis ist ein zentrales Element des Films. Was bedeutet es für Sie, ein guter Vater zu sein?
Prahl: Das Wichtigste, was man Kindern mitgeben kann, ist: Erkennen, wann das Schicksal einem die Hand reicht – und unterscheiden lernen, wann man besser ja sagt und wann besser nein.

Ein halbes Jahr ohne Geld auf Reisen

BT: Sie selber haben sich in jungen Jahren vorübergehend als Straßenmusiker in Spanien über Wasser gehalten. Würden Sie Ihren eigenen Kindern das empfehlen?
Prahl: Ich würde es allen Eltern ans Herz legen, ihre Kinder wenigstens für ein halbes Jahr ohne Geld auf Reisen zu schicken. Wenn das jeder täte, würden wir alle mehr im Auge haben, wie es den Menschen geht, die nur mit dem Nötigsten zurechtkommen müssen. Für mich war es eine bereichernde Erfahrung, ich habe gelernt, dass es immer irgendwie weitergeht. Natürlich gab es auch Tage, da konnten wir keine Straßenmusik machen, weil es in Strömen regnete, da stand ich dann vor dem Supermarkt und musste auf Spanisch fragen: „Haste mal ne Pesete?“ Es war wirklich erstaunlich zu erfahren, wie viele nette Menschen es gibt, die uns zum Beispiel zum Essen eingeladen haben. Es gab sehr viel Positives.

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Erstellt:
13. Februar 2022, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 47sec

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