Bemühungen um Baden Board bleiben erfolglos

Gernsbach/Weisenbach (stj) – Vielfältige politische Bemühungen im Hintergrund der Entwicklung bei Baden Board bleiben letztlich ohne Erfolg.

Die Produktion ruht: Auf dem Werksgelände von Baden Board sind nur noch vereinzelt Mitarbeiter im Einsatz, um die Abwicklung der stolzen Fabrik zu managen. Foto: Stephan Juch

© stj

Die Produktion ruht: Auf dem Werksgelände von Baden Board sind nur noch vereinzelt Mitarbeiter im Einsatz, um die Abwicklung der stolzen Fabrik zu managen. Foto: Stephan Juch

„Für die Beschäftigten und ihre Familien ist das nichts anderes als ein Albtraum.“ Gernsbachs Bürgermeister Julian Christ und sein Weisenbacher Kollege Daniel Retsch zeigen sich tief betroffen von der aktuellen Entwicklung bei Baden Board und dem drohenden Aus von rund 280 Arbeitsplätzen im Murgtal. Beide haben im Hintergrund und im Vertraulichen versucht, ihren Einfluss geltend zu machen, um die Traditionsfabrik zu retten, betonen sie im BT-Gespräch. Parteiübergreifende Unterstützung hatten sie dabei von den hiesigen Landtags- und Bundestagsabgeordneten.

Sie alle widersprechen dem Eindruck der Betroffenen, die Politik habe sie im Stich gelassen. „Es war viel Bewegung drin“, versichert etwa Jonas Weber (SPD). Sein CDU-Kollege im Landtag von Baden-Württemberg, Dr. Alexander Becker, bestätigt das. Nachdem es im Jahr 2021 turbulent um Baden Board geworden sei, habe sich ein Unternehmer aus der Region an die Abgeordneten und die Bürgermeister gewendet mit dem Ziel, die Produktion und die Arbeitsplätze zu erhalten. Es folgten Schreiben an den damaligen Bundesfinanzminister Olaf Scholz und die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut sowie mehrere Gespräche zwischen dem Kaufinteressenten, dem Insolvenzverwalter, der Landesbank BW und der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Baden-Württemberg.

Letztere können Bürgschaften übernehmen, um die für eine Betriebsfortführung notwendigen Investitionen zu ermöglichen. Solche hatte es bei Baden Board seit Ewigkeiten nicht mehr gegeben, weshalb sich in den Produktionshallen in Weisenbach und Obertsrot ein erheblicher Investitionsstau aufgetürmt hat. Angesichts dessen sei klar gewesen, dass es ohne Unterstützung keine nachhaltige und zukunftssichernde Übernahme in der Branche geben würde.

Gespräche hinter den Kulissen liefen zunächst erfolgversprechend

„Es wurde das gemacht, was möglich war“, fassen Becker und sein Parteikollege im Bundestag, Kai Whittaker, zusammen und betonen, dass die Gespräche hinter den Kulissen ihres Erachtens zunächst erfolgreich gewesen seien. Der Weg für den Erhalt des Standorts samt Arbeitsplätzen schien bereitet. Deshalb habe man es auch nicht für notwendig gehalten, die Öffentlichkeit über die Aktivitäten zu informieren.

„Das greifbar gute Ergebnis wollten wir nicht durch Kommunikation gefährden“, bestätigt Sozialdemokrat Jonas Weber. Doch dann platzte kurz vor Weihnachten die Bombe, der Betrieb von Baden Board wurde plötzlich eingestellt und der Verkauf von Gebäude und Flächen an Mayr-Melnhof verkündet.

„Es ärgert mich wahnsinnig, dass man an einen Mitbewerber verkauft, der nicht gewillt ist, den Betrieb fortzuführen“, echauffiert sich Alexander Becker. Und SPD-Bundestagsabgeordnete Gabriele Katzmarek spricht gar von einem „moralischen Verbrechen“. Es sei „ein Skandal, dass auch jetzt wieder die wertvollsten Stücke nicht zur Insolvenzmasse gehörten und separat veräußert wurden. Der Eigentümer streicht den Millionengewinn ein und überlässt es anderen, sich um die rund 280 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu kümmern, die ihren Job verlieren. Strafrechtlich mag das nicht relevant sein, aber es ist in jedem Fall moralisch verwerflich“, meint die Bundestagsabgeordnete. Es werde nun schwierig sein, noch einen Interessenten zu finden, der bereit ist, auf diesem Gelände und unter diesen Bedingungen die Produktion in dem traditionsreichen Unternehmen aufrecht zu erhalten, so Katzmarek.

Gewerkschaftssekretär weist Vorwurf zurück

Das sieht auch Dirk Schmitz-Steinert so. Der für den Betrieb zuständige Gewerkschaftssekretär von der IGBCE hofft, dass sich die Verantwortlichen von Mayr-Melnhof zeitnah mit dem Insolvenzverwalter zusammensetzen, um die Chancen auszuloten, Arbeitsplätze zu erhalten. „Die Leute sind uns nicht egal“, versichert Schmitz-Steinert und betont, „extrem viel Zeit und Arbeit für Baden Board investiert zu haben und weiter dran zu bleiben“. Die Kritik, der IGBCE-Bezirk Karlsruhe habe nicht genug für die Rettung des Unternehmens getan, weist der Gewerkschafter zurück. Gleichwohl kündigt er an, künftig in der Region präsenter zu sein. Man könne nicht jedem betroffenen Arbeitnehmer eine Alternative bieten, „aber wir können es versuchen“, gibt er sich kämpferisch.

Unterdessen war gestern ein Filmteam des ZDF bei Baden Board und im Gernsbacher Rathaus, um einen Beitrag für Frontal 21 zu drehen. Dieser wird am heutigen Dienstag in der Sendung um 21 Uhr ausgestrahlt. Dabei geht es um den dramatischen Anstieg der Energiepreise, der letztlich mit dafür gesorgt hat, dass es für Baden Board jetzt wohl keine Zukunft mehr gibt.

Bringschuld: Ein Kommentar von Stephan Juch

Es ist müßig, darüber zu grübeln, wer in einem Prozess wie dem bei Baden Board was, wann und wem gegenüber zu kommunizieren hat. Jede Partei – Betriebsrat, Gewerkschaft, Politik, Unternehmer, Insolvenzverwalter – hat da eine gewisse Bringschuld. Andererseits ist es wichtig, vereinbartes Stillschweigen bei laufenden Verhandlungen einzuhalten. Fakt ist: Während die Betroffenen zum Spielball wirtschaftlich fragwürdigen Handelns geworden sind, haben die regionalen Politiker vertraulich und überparteilich daran gearbeitet, eine Zukunft für Baden Board zu kreieren. Das ist erfreulich. Zumindest ein Signal, dass man sich für sie einsetzt, hätte man den Betroffenen aber schon geben können (müssen). Sie sind schließlich die Leidtragenden einer Politik, die es bislang nicht geschafft hat, dass ein Konzern auch in seiner Gesamtheit und mit anderen Konzernteilen für Geschäftsgebaren wie einst bei Wolfsheck oder jetzt bei Baden Board haftbar gemacht werden kann. Solange diese Bringschuld nicht erfüllt ist, wird es weiter unzufriedene Wähler geben, die wegen solch dubioser Deals ihre Jobs verlieren.

Ihr Autor

BT-Redakteur Stephan Juch

Zum Artikel

Erstellt:
7. Februar 2022, 18:23 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 36sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.