Bender: „An paar Stellschrauben gedreht“

Karlsruhe (mi) – Uwe Bender ist Bundestrainer des Deutschland-Achters, der bei Olympia in Tokio Gold holen will. Im Interview äußert sich der Karlsruher über die Aussichten.

Uwe Bender hofft, das deutsche Flaggschiff zum Olympiasieg führen zu können.  Foto: Caroline Seidel/dpa

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Uwe Bender hofft, das deutsche Flaggschiff zum Olympiasieg führen zu können. Foto: Caroline Seidel/dpa

BT: Herr Bender, nach der EM und der Rotsee-Regatta steht es im Ländervergleich 2:0 für Großbritannien. Haben Sie die Hoffnung, dass im wichtigsten Rennen des Jahres in Tokio der Deutschland-Achter vorne liegt?
Uwe Bender: Diese Hoffnung haben wir, denn wir haben den Abstand zu den Briten gegenüber der Europameisterschaft deutlich verringert, weil wir an ein paar Stellschrauben in der EM-Analyse danach gedreht haben. Anscheinend sind wir jetzt auf einem guten und richtigen Weg. Diesen wollen wir jetzt weitergehen. Es waren in Luzern ja zwei Rennen, das erste im Vorlauf haben wir knapp gewonnen, das Finalrennen um drei Hundertstel verloren. Wir sind ganz guter Dinge, dass wir jetzt auf einem Level mit den Britten sind und müssen hart arbeiten, dass wir vor sie kommen.

BT: Rechnen Sie mit einem ebenso hoch spannenden und knappen Ausgang in Tokio?
Bender: Ich erwarte eine ganz enge Kiste, das ist für mich klar. Es wird keiner in Tokio bequem mit einer Länge davonfahren. Es kommen allerdings auch viele Faktoren hinzu. Wir erwarten in Tokio Wellen, weil dort senkrechte Wände an den Seiten sind, wo diese Wasserwellen reflektiert werden. Dazu erwarten wir Wind, große Hitze und Luftfeuchtigkeit. Allein durch die klimatischen Bedingungen kann dort einiges passieren.

BT: Sie erwähnten, dass Sie nach der EM-Enttäuschung mit Platz vier an einigen Stellschrauben gedreht haben. Was meinen Sie damit konkret?
Bender: Wir haben zusammengesessen und analysiert, was sich verändert hat im Vergleich zu den Jahren zuvor. Was uns aufgefallen ist und am meisten Einfluss gehabt hat, war der Ausfall der vielen Wettkämpfe. In der gesamten Saison 2020/21 gab es einen einzigen Wettkampf, nämlich die EM in Posen. Die normalen Intensitäten und Rhythmisierungen, dass man also alle drei Wochen einen Wettkampf hat, dann wieder drei Wochen arbeitet, danach wieder ein Wettkampf ansteht, dies fiel plötzlich weg. Dieser Wegfall der Wettkämpfe war einer der wesentlichen Gründe für EM-Rang vier. Deshalb haben wir zuletzt in diesem wettkampfspezifischen Bereich mehr trainiert, wir haben also das eine oder andere Wettkampfrennen simuliert. Das hat uns gutgetan. Wir haben auch am Krafttraining einiges verändert.

BT: Wird das Stehvermögen auf den letzten 500 Metern entscheidend sein?
Bender: Die Briten sind physisch noch etwas stärker als wir, deshalb können sie im Endspurt auch nochmal hohe Geschwindigkeit erzielen. Deswegen brauchen wir wahrscheinlich etwas Luft, eine kleine Lücke, die wir auf der Strecke eben rausfahren müssen. Entweder mit einem besseren Start, denn mit jenem in Luzern war ich nicht so zufrieden. Oder mit den Profilen, die danach kommen. Also 1:21 dreimal hintereinander, das ist schon gutes Niveau. Wir können aber auch mit 1:18 oder 1:19 fahren. In Luzern war es nur eine 1:20. Solche Sachen überlegen wir uns vor Tokio.

BT: Waren Sie nach der EM-Pleite vor allem als Psychologe gefragt?
Bender: Die EM war ein ziemlicher Tiefschlag. Es ging auch sehr emotional zu, aber wir haben uns danach auch gesagt: ,Wir drehen jetzt jeden Stein um und schauen darunter, wo wir etwas haben liegen lassen.’ Wenn man ein Jahr ohne Wettkampfziel trainiert, geht vielleicht auch schleichend etwas an Qualität verloren, das ist uns dann drastisch vor Augen geführt worden. Wir wussten aber auch, dass wir noch genug Zeit haben, um den Tiefschlag zu korrigieren.

BT: Haben Sie nach der EM überlegt, doch noch einmal Wechsel im Boot vorzunehmen, was Sie nach der harten Selektion im Vorjahr frühzeitig ausgeschlossen hatten?
Bender: Nein, weil ich auch keine personellen Alternativen gesehen habe. Es ist niemand so nah an den acht Athleten dran, dass ich sagen würde, das wäre jetzt unbedingt eine Alternative. Wir haben vielmehr als Mannschaft gesagt: ,Wir müssen etwas ändern, und das haben wir auch gemacht.’ Man muss auch das Positive sehen: Von einer Länge Rückstand bei der EM war es im Finale von Luzern gerade mal noch eine Bugspitze.

BT: Rund 80 Prozent der japanischen Bevölkerung sind wegen der Corona-Pandemie gegen die Austragung der Olympischen Sommerspiele. Rechnen Sie mit Wettbewerben unter Ausschluss der Öffentlichkeit?
Bender: Auf alle Fälle. Wir hoffen natürlich, dass die Spiele überhaupt stattfinden. Wegen der Proteste auf den Straßen gibt es ja da auch noch eine gewisse Unsicherheit. Wenn die Spiele tatsächlich stattfinden, werden sie anders sein als sonst. Es wird keine vollen Tribünen geben und keine großartige Stimmung. Da keine ausländischen Zuschauer erlaubt sind, werden auch keine Freunde, keine Familienmitglieder der Athleten anwesend sein. Trotzdem würden wir uns nach all dem Training freuen, wenn die Spiele stattfinden.

BT: Wird der Aufenthalt in Tokio zur Geduldsprobe, wenn Sie neben dem Training mit ständigen Tests konfrontiert werden?
Bender: Das ist mittlerweile Alltag geworden, wir haben uns daran gewöhnt. Das Hygieneprotokoll hatten wir bei den bisherigen Wettkämpfen, wenn wir auf Reisen sind, auch. Damit werden wir in Tokio also kein Problem haben.

BT: Spüren Sie bei solchen Bedingungen noch Vorfreude auf den Saisonhöhepunkt?
Bender: Da die Spiele anders sein werden, muss man sich darauf einstellen, die Erwartungshaltung dementsprechend anzupassen. Vom rein Sportlichen her habe ich natürlich Vorfreude und hoffe, dass wir unsere beste Leistung abrufen können.

BT: Außer dem Achter gilt Einer-Europameister Oliver Zeidler als heißer Tipp. Medaillenchancen haben auch der leichte Männer-Doppelzweier und der Frauen-Doppelvierer. Sind vier Medaillen realistisch für den Verband in Tokio?
Bender: Die Medaillenchancen sehe ich genauso. Meiner Meinung nach wird Zeidler um Gold mitfahren, die anderen eher um Platzierungen dahinter. Es wird in allen Bootsklassen eng werden.

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
13. Juni 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 51sec

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