Benzwerk Gaggenau: Für 2021 sieht es gut aus

Gaggenau (tom) – Das Mercedes-Benz-Werk Gaggenau rechnet für 2021 mit einer hohen Auslastung der Produktion. Aber die Abwendung vom Verbrennungsmotor sorgt für Zukunftsängste in der Belegschaft.

Wandlerfertigung. Damit verdienen die Benzler am Standort Gaggenau derzeit noch gutes Geld. Doch mit der Transformation geht die Angst vor dem Jobverlust um. Foto: Daimler/Archiv

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Wandlerfertigung. Damit verdienen die Benzler am Standort Gaggenau derzeit noch gutes Geld. Doch mit der Transformation geht die Angst vor dem Jobverlust um. Foto: Daimler/Archiv

Corona-Pandemie, Transformation zur Elektromobilität, Steigerung der Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit: Der Mercedes-Benz-Standort Gaggenau hat auch 2021 große Herausforderungen zu meistern. Doch Standortverantwortlicher Thomas Twork verbreitet Zuversicht: „ Druck, die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, ist immer da – egal, ob man zur Truck-AG oder zu Mercedes-Benz gehört.“

Twork nimmt damit Bezug auf die angestrebte Abspaltung des Truck-Bereichs: Am 3. Februar 2021 hatte Daimler bekannt gegeben, das sich der Konzern erneut komplett neu aufstellen und das Geschäft auf zwei eigenständige Unternehmen aufteilen will. Künftig soll es nur noch die Mercedes-Benz AG für Autos und Vans sowie die Daimler Truck AG für Lastwagen und Busse geben. Zudem soll Daimler Truck noch in diesem Jahr an die Börse gehen.

Zum bevorstehenden Quartalsende informierten er und Betriebsratsvorsitzender Michael Brecht gestern Belegschaft und Medien über die Situation am Standort Gaggenau. „Das Mercedes-Benz-Werk Gaggenau ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil der Daimler Truck AG“, versicherte Twork. Von der Aufteilung könne es profitieren: „Wir können künftig zum Beispiel strategische Projekte schneller umsetzen und somit in einer dynamischen Zeit erfolgreich die Zukunft gestalten. Darüber hinaus ist geplant, dass es weiterhin eine spartenübergreifende Zusammenarbeit mit dem Pkw-Bereich geben wird. Das sichert Auslastung und Beschäftigung hier in Gaggenau.“

Derzeit verhandelt das Unternehmen mit dem Betriebsrat über die künftige Ausrichtung der deutschen Standorte. Man werde über die Ergebnisse informieren, sobald die Gespräche abgeschlossen sind.

Die Geschwindigkeit der Transformation im Nutzfahrzeug sei eine andere wie beim Pkw: „Es wird keine Revolution, sondern eine Evolution.“

Für 2021 gehe der Standort von einer positiven Bilanz bei der Produktionsauslastung aus. Die Weltwirtschaft werde nach der tiefen Rezession kräftig wachsen. Dies sollte auch auf wichtigen Lkw-Absatzmärkten eine höhere Nachfrage zur Folge haben. „Wir erwarten 2021 für alle Sparten einen deutlichen Absatzanstieg, was gut für unsere Produktionsauslastung am Standort Gaggenau ist“, so Twork.

Gesamtbetriebsratsvorsitzender Michael Brecht sagte: „Wir könnten Vollgas geben, weil wir supertolle Auftragseingänge haben quer durch alle Bereiche.“ Aber Pandemie und Probleme bei der Halbleiter-Lieferung erwiesen sich als Hemmschuhe.

Brecht bestätigte, dass Verhandlungen über die „Zielbilder“ für die Aggregatfertigungsstandorte Kassel, Mannheim und Gaggenau angelaufen sind. „Wir werden künftig deutlich weniger Beschäftigte im Verbrenner-Bereich haben; hier muss man der Wahrheit ins Auge schauen“, wiederholte Brecht einmal mehr. Und weiter: „Diese Tatsache stellt uns natürlich nicht zufrieden.“ Neue Fertigungsbereiche seien von großer Bedeutung für die Standorte. In den letzten Wochen habe der Betriebsrat hierzu schon „gute Gespräche mit dem Management“ geführt.

Heute werde ein großer Teil der Fertigungstiefe im Getriebebereich im Unternehmen selbst hergestellt – so soll es aus Sicht der Arbeitnehmervertretung bleiben.

Batterien als ein Hoffnungsträger

Brecht betonte, dass alle Powertrain-Standorte dabei gleich behandelt werden sollen. Es habe bereits gute Produktentscheidungen für die Standorte gegeben; zum Beispiel, dass die „elektrifizierte Achse“ an den Nutzfahrzeugstandorten produziert werde. Des Weiteren gebe es Überlegungen, „dass wir die Brennstoffzellenmontage für unsere Umfänge selbst übernehmen“. Weiterhin sollen in den kommenden Wochen Machbarkeitsstudien Aufschluss geben, welche weiteren Umfänge bei Daimler selbst produziert werden. „Ganz wichtig ist, dass wir auch im Nutzfahrzeugbereich tiefer in die Batteriekompetenz reingehen“, betonte Brecht.

Die Produktion des eActros soll in dies Jahr in Wörth anlaufen. Foto. Daimler/Archiv

© Daimler AG

Die Produktion des eActros soll in dies Jahr in Wörth anlaufen. Foto. Daimler/Archiv

„Hinsichtlich der Thematik Zelltechnik, Labor und Forschung müssen wir mehr tun. Wir müssen die Zelle verstehen und zukünftig selber machen, zumindest aber mit einem Partner zusammen. Für mich ist die Zelle keine Thematik, die man von der Stange kauft“, betonte Brecht. Auch über den Bau von Motoren oder Invertern werde diskutiert: „Da wird nichts von vorneherein ausgeschlossen.“ Bis zur Sommerpause sollen die entsprechenden Zielbilder für die Standorte stehen. Zusätzlich wurde ein Innovationsfonds von 1,5 Milliarden Euro ausgehandelt zur Finanzierung neuer Entwicklungen und neuer Beschäftigungsfelder.

Mitte 2021 werden seitens der EU Konkretisierungen bei den CO2-Vorgaben erwartet. „Wir werden dadurch noch stärker und schneller in die Transformation hineinkommen“, befürchtet Brecht.

Immerhin Das Batterierecycling werde ein „Leuchtturm werden mit Strahlkraft übers Murgtal hinaus“, verbreitete er Zuversicht. „Wir sind das Werk, das bei Daimler in die Recyclingthematik einstiegt. Es gibt kein anderes Werk bei Daimler, das dies unternimmt“ – auch wenn der genaue Standort noch nicht feststeht.

Neue Halle: Baubeginn für Mai geplant

Im Mai 2021 soll der Grundstein gelegt werden für die neue Fabrikhalle an der Michelbacher Straße. Unter anderem wegen Corona wird somit mit einem Jahr Verzögerung das neue „Kompetenzzentrum“ für Klappenteile entstehen. Produktionsbeginn könnte dann im zweiten Quartal 2023 sein. Wo früher der Bau 50 stand, sollen dann unter anderem Türen, Kofferraumteile und Motorhauben entstehen, die derzeit noch in Bad Rotenfels hergestellt werden. In der neuen Fabrik sollen etwa 100 Arbeitsplätze entstehen. Auf einer Fläche von rund 6.000 Quadratmetern wird der zweigeschossige Neubau errichtet.

Ihr Autor

BT-Redakteur Thomas Senger

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Erstellt:
17. März 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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