Benzwerk Gaggenau: Volle Auftragsbücher

Von BT-Redakteur Thomas Senger

Gaggenau (tom) – Drei große Themen sind es, die die Standortverantwortlichen des Benzwerks in diesem Jahr umtreiben; Auftragslage, künftige Ausrichtung des Werkes und die Abspaltung der Truck AG.

Benzwerk Gaggenau: Volle Auftragsbücher

Bleibt wichtiges Standbein: Die Fertigung von schweren Lkw-Getrieben im Mercedes-Benz-Werk Gaggenau (Werkteil Rastatt). Foto: Daimler/Archiv

Thomas Twork verbreitet dabei Optimismus – und sieht sich damit auf einer Linie mit dem Betriebsratsvorsitzenden Michael Brecht.

In einer digitalen Veranstaltung haben sie am Dienstag die Mitarbeiter über Zahlen und Entwicklungen informiert.

Der Absatz von Daimler Trucks lag im dritten Quartal mit 101.700 Lkw um acht Prozent über dem Vorjahresniveau. Während die Nachfrage vor einem Jahr von den Folgen der Covid-19-Pandemie geprägt war, wurde der Absatz im dritten Quartal 2021 vor allem von Engpässen in der Halbleiter-Lieferkette beeinflusst.

Auftragslage: Die Auftragsbücher waren zu Jahresbeginn voll und sind es immer noch, bilanziert Twork. „Bei entsprechender Teileverfügbarkeit läuft der Laden und brummt auch.“ Die Halbleiter-Problematik werde über den Jahreswechsel bleiben. Der Standort Gaggenau habe „eine sehr starke Mannschaft, die einen ganz tollen Job macht“, sagte Twork – und damit meine er ausdrücklich auch Betriebsrat und Management.

„Man hätte mehr verkaufen können“, rechnete Michael Brecht vor, aber „immer wieder fehlende Halbleiter“ erschwerten auch die Planungen.

Zielbilder: Die Aggregate-Werke Mannheim, Gaggenau und Kassel haben sich als „Solidargemeinschaft“, so Brecht, auf Zielbilder geeinigt. Sie spezialisieren sich auf unterschiedliche Komponenten elektrifizierter Antriebe. „Wir haben den Einstieg in die Transformation abgeschlossen“, freute sich der Betriebsratsvorsitzende. Und man habe Konkurrenzdenken zwischen den Standorten hinter sich gelassen.

„Nicht nur eine gute Kapitalmarktstory“

Das Werk Kassel erweitert seinen Schwerpunkt von Nutzfahrzeugachsen und wird Kompetenzzentrum für elektrische Antriebssysteme. Das Werk Mannheim, Werk für Nutzfahrzeugmotoren, fokussiert sich auf Batterietechnologien und Hochvoltsysteme. Gaggenau soll zum Kompetenzzentrum für elektrische Antriebskomponenten sowie für die Montage wasserstoffbasierter Brennstoffzellenaggregate werden – also einen Schwerpunkt bei elektrischen Komponenten ausbilden. Mit Kassel soll Gaggenau ein Innovationslaboratorium („Inno-Lab“) für E-Antriebssysteme werden und dabei seine Kompetenzen bei den Achsenkomponenten einbringen „und die Zukunft der E-Achsen aktiv gestalten“, so Twork.

„Inno-Labs“ spezialisieren sich auf innovative Produktionsprozesse und Weiterentwicklung neuer Technologien und schließen die Lücke zwischen Prototypenfertigung und Serienentwicklung. „Wir müssen an den Standorten näher an die Entwicklung ran“, betonte Brecht. Denn die Verbindung zwischen Produktion und Entwicklung sei wichtig.

Das Werk Gaggenau soll auch das „Globale Tech Center für Industrie 4.0“ werden, „wo wir insbesondere den klassischen Betriebsmittelbau weiterentwickeln und die Digitalisierung aller Werke von Daimler Truck vorantreiben“, freute sich Twork. Ein steter Datenfluss soll beispielsweise Produktionsprobleme frühzeitig erkennen und lösen helfen.

Das Werk stehe aber nach wie vor für schwere Nutzfahrzeuggetriebe. „Da sind wir wirklich wettbewerbsfähig“, betonte Twork, „und klassische Antriebe werden im Truck deutlich länger gebraucht als im Pkw-Bereich.“

Zum Zurücklehnen gebe es aber keinen Anlass, mahnte Brecht: „Wir sind nicht zufrieden mit dem, was wir bisher an Fertigungstiefe haben.“ Es sei zwar richtig, in einer Übergangszeit bis 2030 noch Technologie zuzukaufen, „aber irgendwann muss der gesamte elektrische Antriebsstrang dann aus einem Guss von der Daimler Truck AG kommen.“

Abspaltung der Truck AG zum 1. Dezember und Börsengang am 10. Dezember:

Der Standort Gaggenau ist nun Bestandteil der Daimler Truck AG – und nach wie vor ein Gemeinschaftsbetrieb mit der Mercedes-Benz AG. „Ein historischer Schritt“, wie Thomas Twork weiß, „aber wir sind überzeugt, dass wir als rechtlich eigenständiges und unabhängiges Unternehmen noch besser sein werden. Es werde weiter Zusammenarbeit der AGs geben, aber es gab auch Bereiche, die entflechtet wurden. Dort sei man künftig „Geschäftspartner und nicht mehr Kollegen“.

Michael Brecht sagt dazu: „Niemand rennt rum und schwenkt jubelnd eine Fahne.“ Aber es gebe großes Vertrauen, dass man die richtige Entscheidung getroffen habe.

Wichtig sei, dass man „nicht nur eine gute Kapitalmarktstory“ im Blick habe, sondern dass man sich noch stärker auf truckspezifische Dinge konzentrieren und mit eigenem Budget die investitionsträchtigen Schritte in der Transformation unternehmen könne. Der Innovationsfonds von 1,5 Milliarden Euro werde helfen, die Lücke zum Pkw-Bereich bei der Elektrifizierung zu schließen. Analog zur neuen Konzernstruktur wird sich Ende Dezember ein Daimler-Truck-Gesamtbetriebsrat konstituieren. Als designierter Vorsitzender gilt Michael Brecht; sein Stellvertreter soll Thomas Zwick werden, Betriebsratsvorsitzender in Wörth.

Sich wappnen für die E-Mobilität

Als Betriebsratsvorsitzender hat Michael Brecht die Transformation zur E-Mobilität im Blick: „Für die Pkw-Umfänge am Standort Gaggenau wurden bereits Ende letzten Jahres wichtige Schritte in Richtung Transformation in die Wege geleitet.“ Mit dem Ausbau der Klappenteilumfänge, mit dem dazugehörigen Neubau Bau 50, der Integration der Integralträgervormontage, der weitreichenden Absicherung heutiger Rohbauumfänge und der Installation einer Forschungsfabrik zum Batterierecycling habe man zukunftsfähige und verbrennungsmotorunabhängige Vorhaben. Diese könnten am Standort weiterentwickelt werden und somit Arbeitsplätze bis weit ins nächste Jahrzehnt und darüber hinaus sichern.

Weiterer Bericht zum Mercedes-Benz-Werk Gaggenau.