Berghof-Prozess: Zeugen halten Öffnung für möglich

Bühl (nof) – „Ein Hotel mit Charme der 70er Jahre“: So jedenfalls beschreibt ein Zeuge den Zustand der ehemaligen Berghof-Klinik am Montag im Prozess vor dem Schöffengericht.

Das Feuer hat vom Penthouse der ehemaligen Berghof-Klinik nicht viel übrig gelassen. Foto: Bernhard Margull/Archiv

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Das Feuer hat vom Penthouse der ehemaligen Berghof-Klinik nicht viel übrig gelassen. Foto: Bernhard Margull/Archiv

Die ehemalige Berghof-Klinik hätte vor dem verheerenden Brand im Jahr 2013 durchaus als Übernachtungsbetrieb „auf niedrigem Niveau“ in Betrieb gehen können. Das ist der Tenor zweier Zeugenaussagen vor dem Schöffengericht in Baden-Baden, das sich am Montag erneut mit dem Objekt beschäftigt hat.

Angeklagt sind ein Hotelier und ein Projektentwickler, denen versuchter Versicherungsbetrug beziehungsweise Falschaussage vorgeworfen werden. Der Hauptangeklagte soll im Nachgang des Brandes versucht haben, die Gebäudeversicherung über den Zustand der Immobilie vor dem Feuer zu täuschen, um eine Versicherungsprämie einzustreichen. Mehrfach ist er mit einer Klage vor Zivilgerichten gegen die Versicherung, die eine Schadensregulierung verweigerte, gescheitert. Nun muss er sich selbst vor Gericht verantworten. Denn das Gebäude war – so die Annahme der Staatsanwaltschaft – alles andere als in einem sanierten Zustand, der eine kurzfristige Wiedereröffnung als Hotel oder Flüchtlingsheim erlaubt hätte.

Keinen Wasserschaden festgestellt

Das Schöffengericht versucht derzeit, in einem aufwendigen Prozess herauszufinden, in welchem Zustand sich das leer stehende Gebäude tatsächlich vor dem Feuer befunden hat: Ruine oder bezugsfertiges Hotel? Dazu werden Zeugen befragt, die sich vor dem Brand in der ehemaligen Klinik aufgehalten hatten. So auch ein Sozialpädagoge und ein mittlerweile pensionierter Polizeibeamter, die Anfang 2012 nach Vandalismusschäden das Gebäude betreten hatten.

Zwei junge Schützlinge aus dem ehemaligen Kinder- und Jugendheim Bühlertal sollen im Januar 2012 in das Objekt eingedrungen sein und im Inneren erhebliche Schäden verursacht haben. „Wir haben die zwei dort oben gestellt“, berichtete der Sozialpädagoge. Die Jungs haben demnach Dutzende Röhren-Fernseher aus den Fenstern geworfen, mehrere Feuerlöscher in den Zimmern aktiviert, das Pulver versprüht sowie auch Lampen zerschlagen. Sie seien wohl mehrere Male in den Berghof eingedrungen, so deren ehemaliger Betreuer. Ein Junge sei geständig gewesen und mit ihm und einem Polizisten durch das Haus gegangen. Abgesehen von den Vandalismusschäden hätte man das Haus zu dem Zeitpunkt „nicht als vergammelt“ bezeichnen können, gab der Zeuge seine Erinnerungen wieder. „In den meisten Zimmern standen ältere Möbel im Stil der 70er oder 80er Jahre. Weitere Schäden sind mir nicht aufgefallen.“ Diese Aussage gewichtete vor allem der Verteidiger des Hauptangeklagten schwer, denn der Zeuge ist nicht nur Sozialpädagoge, sondern auch Maurer und Bauingenieur. Und „offensichtliche Feuchteschäden“ habe dieser nicht wahrgenommen. Eine Öffnung des Gebäudes „als Asylbewerberunterkunft oder Jugendherberge wäre wohl möglich gewesen“, so seine Einschätzung. Diese teilte weitgehend auch der zweite Zeuge, der damals als Polizist die Vandalismusschäden dokumentiert hatte. „Es war sehr kalt und hatte Neuschnee“, erinnerte sich der Pensionär an die damaligen Wetterverhältnisse.

„Das Gebäude war intakt, die Heizung aber aus.“ Einen Wasserschaden oder Schimmelbefall habe er drinnen nicht festgestellt. Etwa „zehn Prozent“, also „sechs bis acht Zimmer“, seien eingerichtet gewesen, „so, dass man drin hätte übernachten können. Wenn man noch etwas Zeit investiert hätte, hätte man dort ein Hotel mit Charme der 70er Jahre eröffnen können“, so der Zeuge. Er sei schon in den USA auf Reisen gewesen, „da gab es Hotels, da hat’s genauso ausgesehen“.

Der Prozess wird am Donnerstag, 9 Uhr, fortgesetzt.

So hatte der Prozess im November begonnen, wurde dann aber ausgesetzt:
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Und das ist seit der Wiederaufnahme im März passiert:
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Erstellt:
23. März 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 44sec

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