30 Jahre Einheit: Sabine Bergmann-Pohl im Interview

Baden-Baden (kli) – Vor 30 Jahren feierten die Deutschen ihre Wiedervereinigung. Sabine Bergmann-Pohl, Präsidentin der ersten und letzten frei gewählten DDR-Volkskammer, zieht im BT-Interview Bilanz.

Sabine Bergmann-Pohl, damalige Präsidentin der ersten und letzten freigewählten Volkskammer der DDR, bei einem Vortrag in Berlin im November 2019.  Foto: Fabian Sommer/dpa

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Sabine Bergmann-Pohl, damalige Präsidentin der ersten und letzten freigewählten Volkskammer der DDR, bei einem Vortrag in Berlin im November 2019. Foto: Fabian Sommer/dpa

Im März 1990 wählten die Menschen in der DDR erstmals eine freie Volkskammer. Das halbe Jahr bis zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik war geprägt von harter Arbeit am Einigungsprozess. Sabine Bergmann-Pohl war damals Präsidentin der letzten DDR-Volkskammer. Die CDU-Politikerin, heute 74 Jahre alt, erinnert sich im Interview mit BT-Redakteur Dieter Klink an die Ereignisse des Jahres 1990.

BT: Frau Bergmann-Pohl, zurzeit wird überall Bilanz gezogen zu 30 Jahre Deutsche Einheit. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

Sabine Bergmann-Pohl: Positiv. Das sagt ja auch der jährliche Bericht der Bundesregierung aus. Wir haben zwar wirtschaftlich noch nicht den Anschluss gefunden, das BIP der neuen Länder liegt immer noch bei 73 Prozent gegenüber den alten Ländern. Aber die Renten sind fast vollständig angepasst, die Löhne hinken noch etwas hinterher. Aber von der Lebensqualität her kann man eine positive Bilanz ziehen.

BT: Was bleibt für die Deutsche Einheit noch zu tun?

Bergmann-Pohl: Es sind einige Fehler nach der Wiedervereinigung gemacht worden, indem man unsere Erfahrungen und Forderungen zu wenig berücksichtigt hat. Wir haben in der DDR durchaus positive Erfahrungen gehabt, zum Beispiel im Gesundheitswesen. Die Lebenserfahrung der Menschen nach 40 Jahren Diktatur sind nach der Wiedervereinigung zu wenig berücksichtigt worden. Da gab es auch eine gewisse Ignoranz und Arroganz im Westen, bei den Bürgern, Politikern, Beamten in den Bundesministerien. Das hat die gefühlte Wiedervereinigung verzögert, sodass wir nach 30 Jahren leider immer noch eine West-Ost-Diskussion haben.

BT: Wie präsent ist Ihnen das Jahr 1990 heute noch?

Bergmann-Pohl: In den Köpfen der Ostdeutschen ist das Jahr 1990 durch die fundamentalen Änderungen ihres Lebens und der Herausforderungen, die sie bewältigen mussten, sehr stark in Erinnerung. Für mich insbesondere, da ich zwei der höchsten Staatsämter hatte, das der Parlamentspräsidentin und des Staatsoberhaupts der DDR.

Überhaupt nicht vorbereitet

BT: An was erinnern Sie sich besonders?

Bergmann-Pohl: Ich war damals überhaupt nicht auf meine Funktion vorbereitet. Als man mir in der CDU-Zentrale Ost-Berlin eröffnet hat, dass ich bis zur Wahl eines Staatspräsidenten dieses Amt ausüben muss, war mir ganz übel. Das ist mir insofern in Erinnerung, weil ich damals bei Rot über eine Kreuzung gefahren bin, so aufgeregt war ich und habe die ganze Nacht nicht geschlafen, weil ich ziemlich Angst vor der Verantwortung hatte. Wir hatten ja keinerlei parlamentarische Erfahrung.

Volkskammer-Präsidentin Sabine Bergmann-Pohl vereidigt am 12. April 1990 die Minister der ersten frei gewählten Regierung der DDR.  Foto: Wolfgang Kumm/dpa

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Volkskammer-Präsidentin Sabine Bergmann-Pohl vereidigt am 12. April 1990 die Minister der ersten frei gewählten Regierung der DDR. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

BT: Welche Termine aus dem Jahr 1990 sind Ihnen noch stark in Erinnerung?

Bergmann-Pohl: Eine große Herausforderung war der gemeinsame Besuch mit Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth nach Israel Ende Juni. Die arabischen Botschafter hatten mich im Vorfeld davor gewarnt, dorthin zu reisen, sie waren völlig dagegen.

BT: Die DDR hatte keine diplomatischen Beziehungen zu Israel.

Bergmann-Pohl: Genau. Wir sind letztlich in unterschiedlichen Autos gefahren worden, ich mit einer DDR-Standarte am Auto. Der damalige Präsident der Knesset, Dov Schilansky, hat sich geweigert, uns offiziell zu empfangen, weil er nie wieder einem Deutschen die Hand geben wollte. Er hat uns dann privat eingeladen. Es sollte eigentlich nur ein kurzes Gespräch sein, wir waren dann aber über eine Stunde bei ihm. Er erzählte aus seinem Leben, er hat seine ganze Familie im Holocaust verloren, wir haben einfach nur zugehört und waren tief bedrückt. Und als wir uns verabschiedet haben, hat er uns die Hand gegeben. Wenn ich heute daran zurückdenke, bin ich noch ganz bewegt.

In eine bestimmte Ecke gestellt

BT: Ärgert es Sie manchmal, dass Leute, die von der DDR keine Ahnung haben, weil sie sie nicht erlebt haben, die DDR dennoch bewerten?

Bergmann-Pohl: Leider erlebe ich heute noch, 30 Jahre danach, dass man die Menschen in den neuen Ländern aus Unkenntnis der DDR in eine bestimmte Ecke stellt. Dass man unsere beruflichen Erfahrungen infrage stellt. Das war und ist oft schmerzhaft. Wenn mir ein Westdeutscher, der mit seinen Eltern im Alter von zwei Jahren in die Bundesrepublik geflohen ist, heute erklärt, er komme ja auch aus der ehemaligen DDR und könne das beurteilen, entstehen bei mir viele Fragezeichen.

BT: Hätten Sie aus heutiger Sicht damals, im Jahr 1990 in Ihren Ämtern etwas anders gemacht? Bereuen Sie etwas?

Bergmann-Pohl: Wir haben in den sechs Monaten der letzten DDR-Volkskammer 164 Gesetze und drei Staatsverträge behandelt. Abends hatten wir zwar die Terminplanung für den nächsten Tag erstellt, aber es kam oft anders als geplant. Die Zeit war so turbulent und so herausfordernd, dass man oft nicht richtig nachdenken konnte. Man war wie in einem Hamsterrad und musste jeden Tag neu funktionieren. Aus meiner heutigen Sicht würde ich noch stärker bestimmte Erfahrungen aus der DDR verteidigen. Ich war ja nach der Vereinigung Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, aber da hat es eine gewisse Zeit gedauert, ehe man mir zugehört und meine Erfahrungen akzeptiert hat. Ein leitender Beamter im Gesundheitsministerium hat mir später mal gesagt: „Frau Bergmann-Pohl, ich gebe zu, auch wir waren politisch verblendet.“ Ich glaube, das bringt es auf den Punkt. Man glaubte damals: Es ist ein Staat untergegangen, da kann nichts Bewahrenswertes sein. Wenn Sie sich den Kampf um die Polikliniken ansehen. Heute gibt es Medizinische Versorgungszentren.

BT: Die sind so ähnlich, heißen aber nur anders.

Bergmann-Pohl: Ja. Das hätten wir alles viel früher haben können. Und wir berufstätigen Mütter galten als emanzipiert, weil wir unsere Kinder frühzeitig in die Krippe und in den Kindergarten gegeben haben. Man hat uns aber auch als Rabenmütter beschimpft. Und heute kämpft man in Westdeutschland darum, ausreichend Kita-Plätze zur Verfügung zu stellen, damit Frauen selbst entscheiden können, ob sie arbeiten gehen wollen oder nicht. Man hätte da schon früher auf uns hören können.

Die Lebenserfahrung der Ostdeutschen

BT: Auch in der Bundesregierung?

Bergmann-Pohl: Ja, auch da. Man hat sehr viel Geld zur Verfügung gestellt, dass die Städte wieder erstrahlen; es sind Milliarden in Infrastruktur und neue Seniorenheime geflossen. Aber man kann den Ostdeutschen nicht ihre Lebenserfahrung nehmen. Viele sind damals arbeitslos geworden. Das war schon ein fundamentaler Wandel für die Menschen in den neuen Ländern, es war eine unglaubliche Anstrengung, die die Westdeutschen das letzte Mal nach dem Zweiten Weltkrieg hatten. Es fehlt die Anerkennung dafür, dass die Ostdeutschen diesen rasanten Wandel in so kurzer Zeit geschafft haben.

BT: Die DDR war am Schluss einfach nicht mehr haltbar.

Bergmann-Pohl: Klar, sonst wäre es ja nicht zur Friedlichen Revolution gekommen. Die Mehrheit wollte eine demokratischer DDR, aber das hat sich schnell verändert, weil viele gut ausgebildete Menschen 1990 in den Westen geflohen sind. Sie haben nicht geglaubt, dass die Wiedervereinigung so schnell kommt oder hatten Angst, dass sich die Verhältnisse wieder zurückentwickeln. Es wird oft gesagt, die Einheit sei zu schnell gekommen. Aber wir hatten keine andere Chance: Sowohl außenpolitisch als auch innenpolitisch war das Fenster für die deutsche Wiedervereinigung nur einen kleinen Spalt offen. Die DDR war insolvent. Das wollten viele nicht wahrhaben. Es gab keine Alternative als die rasche Vereinigung, und ich bin froh, dass wir das so friedlich geschafft haben.

BT: Was glauben Sie: Wird sich die nächste Generation in 30 Jahren noch Gedanken über Ost und West machen?

Bergmann-Pohl: Erfahrungen aus der DDR werden an die nächste Generation weitergegeben, aber dabei wird die DDR schöngeredet. Der Druck und das Eingesperrtsein sind schon weitgehend vergessen. Die Ostdeutschen sind Weltmeister im Verreisen, sie können sich gar nicht mehr vorstellen, wie das war, eingesperrt zu sein. Das vergisst man schnell, wenn man im relativen Wohlstand lebt.

„Meine Enkelin fragte mich neulich“

BT: Also: Wie lange dauert es noch, bis wir nicht mehr von Ost- oder Westdeutschland reden?

Bergmann-Pohl: Ich hoffe, nicht mehr so lange. Meine Enkelin ist zehn Jahre alt und fragte mich neulich: Oma, was ist eigentlich die DDR? Diese Generation wird stärker zusammenwachsen. Es gibt ja heute schon viele Studenten aus den alten Bundesländern, die in Greifswald, Leipzig oder Erfurt studieren und das Studium dort genießen, für diese Generation spielt Ost und West keine Rolle mehr.

Kommentar von Dieter Klink zu 30 Jahren Deutsche Einheit

Der 3. Oktober steht bei den Deutschen emotional im Schatten des Mauerfalls und ist doch ein Glückstag für die Deutschen. Die Voraussetzungen für die Einheit schufen die Ostdeutschen, weil sie mit ihren friedlichen Demonstrationen einen Staat zu Fall brachten.

Die Einigung verlief holprig, sorgte für manche Enttäuschung, wurde von Arroganz und Ignoranz seitens des Westens begleitet. Und doch gab es damals keine Alternative zum raschen Vereinigungsprozess. Sicher wäre es besser gewesen, das Beste aus zwei Welten zu übernehmen und in Ruhe eine neue gesamtdeutsche Verfassung auszuarbeiten, wie es damals eine Minderheit gefordert hat. Nur: Diese Zeit hatten die Deutschen 1990 nicht. National, weil es die Ostdeutschen zur Mark und in den gemeinsamen Staat drängte. International, weil niemand wusste, wie lange Gorbatschows Perestroika in der Sowjetunion anhalten würde. In der Tat zerfiel bald nach der Deutschen Einheit das Riesenreich im Osten in seine Einzelteile. Die Wiedervereinigung musste rasch abgesichert werden, Kanzler Helmut Kohl hatte ein sicheres Gespür für die geschichtliche Stunde.

Und nun? Sind wir 30 Jahre danach ein Staat geworden? Alles in allem ist die Einigung geglückt. Auf den Kraftakt können wir stolz sein, trotz aller weiter bestehenden Probleme, trotz aller regionalen Unterschiede – die gibt es auch zwischen Nord- und Süddeutschland. Nur: Die Welt heute sieht komplett anders aus als vor 30 Jahren. Eine Handvoll aggressiver Regionalmächte bringt die Stabilität der Welt ins Wanken. Die Deutschen stehen als föderale Republik, als ein mit sich und seiner Geschichte versöhntes Land inmitten der Europäischen Union da. Es gibt in der Welt wahrlich größere Probleme als die innerdeutsche Nabelschau. Wir können sie 30 Jahre danach getrost beenden.


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